Hürtgenwald: Veruntreuung im Rathaus: Kaufsucht Grund für Taten

Hürtgenwald: Veruntreuung im Rathaus: Kaufsucht Grund für Taten

Der 39-jährige Beamte, der die Gemeinde Hürtgenwald um mindestens 400.000 Euro Steuergelder gebracht haben soll, soll aus Kauf- und Konsumsucht gehandelt haben. Das behauptet sein Anwalt in einer Stellungnahme, die sie nach dem Bericht am Mittwoch aufgesetzt haben.

In dem Schreiben der Kanzlei Wings & Franz aus Eschweiler heißt es, dass ihr Mandant „letztendlich froh sei, dass die Angelegenheit endlich aufgefallen ist“. Er sei von Beginn an geständig und bereit, sämtliche Gelder — falls vorhanden — zurückzuzahlen.

Vor der Ermittlungsrichterin habe der 39-Jährige am 8. Dezember, der Tag, seit er in Untersuchungshaft sitzt, laut Protokoll gesagt: „Dass jetzt alles rausgekommen ist, ist für mich wie eine Befreiung.“ Warum er die Taten begangen habe, könne sich der Beschuldigte nicht erklären — er hätte auch den Überblick über das Ausmaß seiner privaten Bestellungen verloren. Diese hatte der 39-Jährige mindestens in den vergangenen fünf Jahren mit Abrechnungen von Scheinfirmen und gefälschten Rechnungen von der Kämmerei der Gemeinde begleichen lassen.

Aufgefallen sind die Handlungen des Mannes erst Ende November des vergangenen Jahres während einer internen Überprüfung der Finanzströme. Der Kämmerei scheint über die Jahre nicht aufgefallen sein, dass Parkbänke bestellt worden waren, die nie aufgestellt wurden, und dass keine Garten- oder Handwerksarbeiten erfolgten, die der 39-Jährige mit seinen Scheinfirmen in Rechnung gestellt hatte. In Wahrheit hatte der Mann unter anderem hochwertige Elektroartikel im Internet gekauft.

Familie verkauft Eigentum

Der Verteidiger des Mannes, Christian Franz, schreibt weiter in der Stellungnahme, dass die Familienangehörigen alles Mögliche unternehmen würden, um den entstandenen finanziellen Schaden zu begleichen. Sie hätten zum Beispiel einen BMW Z4 verkauft, um den Erlös an die Gemeinde Hürtgenwald zurückzahlen zu wollen. „Dabei wird ausdrücklich klargestellt, dass der BMW nicht im Geringsten irgendetwas mit den hier in Rede stehenden Taten zu tun hat“, heißt es. Für die Verteidiger sei es daher „nicht nachvollziehbar“, dass Ermittlungen wegen Verdachts auf Geldwäsche gegen Familienangehörige eingeleitet wurden.

Der 39-Jährige, der ab dem Jahr 2010 als Beamter für die Gemeinde im Kreis Düren gearbeitet hatte, sei nach Auskunft des Anwalts „bereits seit Jahren wegen Depressionen“ in Behandlung gewesen. In den Jahren 2014 und 2016 sei er aus diesem Grund auch teilweise dienstunfähig gewesen.

Dass die Taten des Mannes einen pathologischen Hintergrund hätten, will die Verteidigung mit der Tatsache bekräftigen, dass der 39-Jährige als Beamter und seine berufstätige Familie es „eigentlich gar nicht nötig gehabt hätten, derart Gelder und Sachgüter zu vereinnahmen“. Auch bestreitet Christian Franz eine „erhebliche kriminelle Energie“ seines Mandaten — das Geld sei auf private Konten geflossen und daher hätten seine Taten gar nicht verheimlicht werden können.

Wie die Gemeinde Hürtgenwald am Mittwoch auf Anfrage dieser Zeitung erklärte, habe man im Rathaus von dem genannten Krankheitsbild nichts gewusst. „Der Mitarbeiter hatte seine krankheitsbedingten Ausfälle, die genauen Krankheitsumstände waren uns jedoch nicht bekannt, zumal auch niemand verpflichtet ist, seinen Arbeitgeber von seinen Krankheiten in Kenntnis zu setzen“, sagte am Mittwoch Stefan Grießhaber, der Allgemeine Vertreter des Bürgermeisters.

Staatsanwalt Jost Schützeberg wollte wegen der laufenden Ermittlungen zu der Position der Verteidigerseite am Mittwoch auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben.

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