Aachen: Veröffentlichungen auf dubiosen Portalen: Kritik an RWTH-Wissenschaftlern

Aachen : Veröffentlichungen auf dubiosen Portalen: Kritik an RWTH-Wissenschaftlern

Es ist ein Spitzenwert, auf den die RWTH mit Sicherheit nicht stolz ist. Nach Recherchen des WDR, des NDR und der „Süddeutschen Zeitung“ haben Wissenschaftler der Aachener Hochschule in rund 50 Fällen ihre Forschungsergebnisse in einem höchst unseriösen Umfeld veröffentlicht.

„Ihre Studien wurden in Fake-Verlagen publiziert, die auch wissenschaftlichen Unsinn drucken“, sagte am Donnerstag Felix Mannheim, einer der Autoren des Berichts unserer Zeitung. „Keine andere Hochschule in Nordrhein-Westfalen ist von diesem Phänomen so heftig betroffen wie die RWTH.“

Namentlich nennt der WDR-Bericht den Aachener Elektroauto-Pionier Günther Schuh. Der Top-Wissenschaftler und sein Team sollen mehrfach Arbeiten in fragwürdigen Online-Verlagen wie Waset oder Omics veröffentlicht haben. Beide Portale treten seit Jahren gezielt an Forscher heran und werben damit, wissenschaftliche Arbeiten ohne große zeitliche Verzögerung zu publizieren. Zudem verspricht Waset, Kongresse zu organisieren, auf denen Wissenschaftler ihre Studien gegen die Zahlung von zum Teil hohen Gebühren vorstellen können.

Für manche Hochschullehrer scheint das durchaus verlockend zu sein. Denn ihre Reputation wird häufig daran gemessen, wie oft sie Arbeiten publizieren. Häufig gilt die Devise: Wer nicht veröffentlicht, forscht nicht oder forscht ohne Erkenntnisgewinn.

Der Haken bei der Sache ist allerdings: Waset und Omics mögen zwar schnell sein. Aber anders als seriöse Verlage, die wissenschaftliche Arbeiten von mehreren Kollegen des gleichen Fachbereichs zeitaufwendig überprüfen lassen, sollen diese beiden auf solche Qualitätstests verzichten. Auch die angebotenen Kongresse sollen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen.

„Aus Drittmitteln bezahlt“

„Mir waren die Fake-Verlage und ihre Geschäftsmodelle bisher nicht bekannt“, erklärte Günther Schuh am Donnerstag auf Anfrage unserer Zeitung. Freimütig räumt der Ingenieur, der an der RWTH unter anderem Lehrstuhlinhaber für Produktionssystematik und Direktor des Werkzeugmaschinenlabors ist, ein, es habe in seinem Verantwortungsbereich während der vergangenen neun Jahre acht Fälle gegeben, in denen bei pseudowissenschaftlichen Portalen publiziert wurde.

Angesichts von insgesamt rund tausend Veröffentlichungen im gleichen Zeitraum seien diese Zahlen aber „statistisch nicht signifikant“. Zwei Mal hätten Wissenschaftler auch an den umstrittenen Kongressen teilgenommen. „Die Reisekosten sowie Teilnahmegebühren waren in beiden Fällen gering und wurden aus den freien Drittmitteln der Institute bezahlt“, so Schuh. Gleichwohl sei er jetzt für das Problem sensibilisiert. „In Zukunft sind solche Veröffentlichungswege an unseren Instituten verboten“, betonte Schuh. Zudem verwies er darauf, dass es unabhängig von den Verlagen an seinen Instituten eine interne Qualitätssicherung für Publikationen gebe.

Dass die von Aachener Wissenschaftlern bei den umstrittenen Verlagen eingereichten Arbeiten Qualitätsmängel haben, diesen Vorwurf erhebt der Bericht des WDR nicht. „Die Forschung muss nicht schlecht sein“, sagt Felix Mannheim. „Aber sie hilft unseriösen Internet-Portalen dabei, sich einen seriösen Anstrich zu geben.“

Nüchtern reagierte am Donnerstag die Aachener Hochschule auf die Enthüllungen. Der scheidende RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg erklärte: „Die Entscheidung, was in welcher Form und bei welchem Verlag publiziert wird, liegt in der Hand jedes einzelnen Wissenschaftlers.“ Die Forscher würden ihrer eigenen Reputation schaden, sollten sie mit dubiosen Portalen zusammenarbeiten. Bisher habe die Hochschule keine Veranlassung gesehen, „als wissenschaftliche Einrichtung Regeln zu verfassen, die sich mit der Auswahl geeigneter Publikationsmedien befassen“. Auch sei bislang noch kein Fall bekannt, bei dem Gelder der Hochschule „missbräuchlich verwendet wurden“. Sollte es aber Hinweise auf wissenschaftliches Fehlverhalten einzelner Hochschulangehöriger geben, würden Untersuchungsverfahren eingeleitet.

Mehr von Aachener Nachrichten