Der Kampf um Informatik an Schulen: Verbände wollen das Fach verpflichtend unterrichten lassen

Der Kampf um Informatik an Schulen : Verbände wollen das Fach verpflichtend unterrichten lassen

Elternverbände und die Wirtschaft fordern, dass das Fach Informatik in Nordrhein-Westfalen zum Pflichtfach wird. Da die Lehrpläne für die Gymnasien im Zuge der Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren (G9) ohnehin erneuert werden, sei der Zeitpunkt perfekt, um Informatik verpflichtend einzuführen, so das Argument der Bündnisse und Verbände.

Tatsächlich wird im Zuge der Wiedereinführung von G9 mit der geplanten Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die Sekundarstufe I vorgesehen, dass alle Gymnasien das Fach Informatik verbindlich im Wahlpflichtbereich anbieten müssen. Im Sommer 2019 soll hierzu ein neuer Kernlehrplan in Kraft gesetzt werden, teilte das NRW-Schulministerium mit.

Das reicht vielen Interessengruppen nicht. Der Landeselternverband NRW fordert, dass das Fach für zwei Schuljahre als Pflichtfach in der Sekundarstufe I eingeführt wird. Der Plan, Informatik stattdessen nur als Wahlpflichtfach einzuführen, werde Konsequenzen haben: „Für den Großteil der Schüler wird Informatik kein Unterrichsfach sein“, kritisiert Dietmar Cohnen vom Vorstand der Landeselternschaft der Gymnasien, schlichtweg, weil nicht alle Kinder Informatik wählen müssen und damit auch nicht werden. Damit fehle ein „zentraler und heute unabdingbarer Bestandteil für die Entwicklung hin zum mündigen Bürger“, moniert der Aachener.

Im Gymnasium soll durch die neue G9-Stundentafel die „informatische Bildung grundlegend gestärkt“ werden, wie das Ministerium weiter erklärt. Bis zu zwei Jahreswochenstunden aus dem Lernbereich Naturwissenschaften können dann für die informatische Bildung verwendet werden. Die Schulen können dabei aber selbst entscheiden, in welcher Unterrichtsform sie informatische Inhalte vermitteln möchten – zum Beispiel innerhalb des Physik-Kurses oder in einem kombinierten Kurs. Cohnen fürchtet, dass dann der Informatik-Teil zu kurz kommen wird.

Lehrer-Mangel

Ein Problem den Informatik-Unterricht betreffend ist der Lehrer-Mangel. NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat in der Vergangenheit mehrfach auf fehlende Lehrkräfte im Fachbereich Informatik verwiesen. Da stehe man in Konkurrenz zur Wirtschaft und sei immer zweiter Sieger, hatte die Ministerin in einem Interview mit unserer Zeitung etwa gesagt.

Das lässt die Landeselternschaft NRW nicht gelten, schließlich fehlten auch für das neue Pflichtfach Wirtschaft/Politik ausgebildete Lehrer. „Mangelndes Personal per se scheint also kein Hindernis zu sein“, sagt Cohnen in Richtung Landesregierung. Allerdings gibt es an allen Schulen bereits Lehrer für Politik oder Sozialwissenschaften, also Lehrer, die ohnehin schon in Teilen Wirtschaft unterrichten. Es dürfte also für Schulen keine so große Herausforderung stellen, Wirtschaft als Pflichtfach einzuführen. Wenn anstatt 30 Schüler einer Stufe aber plötzlich 120 Informatik belegen (müssen) – wenn also Informatik Pflichtfach wäre –, kämen Schulen sicherlich an ihre Grenzen.

Im abgelaufenen Schuljahr 2017/2018 hatten 3070 Lehrer die Befähigung, Informatik zu unterrichten. Tatsächlich unterrichtet haben das Fach an Gymnasien laut Schulministerium 1336 Lehrer. Im Vergleich zum ebenfalls naturwissenschaftlichen Nebenfach Chemie ist das erheblich weniger. Insgesamt gibt es für das Fach 7896 Lehrer, davon unterrichten 3295 am Gymnasium. In Biologie sind es insgesamt 17.953, davon 5900 am Gymnasium.

In Bayern Pflicht auch an Realschule

In erteilten Stunden und Kursen schlägt sich dieses Bild ebenfalls nieder. Während im vorigen Schuljahr an 584 Gymnasien 88.539 Kursteilnehmer 11.286 Stunden Informatik erhielten, waren es in Chemie an 623 Schulen ganze 270.747 Kursteilnehmer und 27.541 Stunden (Biologie: 624 Gymnasien, 453.166 Teilnehmer, 47.991 Stunden laut dem Bericht „Schulwesen in NRW aus quantitativer Sicht 2017/2018).

An anderen Schulformen als am Gymnasium sieht es aber noch schlechter aus. Denn obwohl Gymnasiasten mit 433.022 etwa ein Fünftel der NRW-Schülerschaft (2,3 Millionen) ausmachten, entfällt fast die Hälfte des erteilten Informatikunterrichts auf diese Schulform. Und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern, weil das Fach Informatik an Realschulen anders als am Gymnasium künftig keine Aufwertung erhalten wird. In Bayern hingegen lernen alle Kinder an der Realschule Informatik. Der Verband Lehrer NRW, der Lehrkräfte der Sekundarstufe I vertritt, sieht keinen Handlungsbedarf.

„Wir hatten uns für die Einführung des Pflichtfachs Wirtschaft für Realschulen eingesetzt, und das passiert ja jetzt“, sagte Sprecher Jochen Smets unserer Zeitung. In der Tat führt NRW beginnend mit den Gymnasien bis zum Schuljahr 2020/21 an allen Schulen das Fach Wirtschaft ein. Darauf habe man sich konzentriert, sagte Smets. Die Forderung nach Informatik sei seinem Verband weniger wichtig gewesen.

Das Land NRW bemüht sich unterdessen, weitere Lehrer fit für den Informatik-Unterricht zu machen. Man versuche, Seiteneinsteiger anzuwerben. Außerdem können Lehrkräfte im Schuldienst, die über keine Lehrbefähigung für das Fach Informatik verfügen, an sogenannten Zertifikatskursen für Informatik teilnehmen, um die erforderliche Unterrichtsqualifikation zu erwerben.„Die Zertifikatskurse sind kompetenzorientiert angelegt und führen nach erfolgreicher Teilnahme zu einer entsprechenden unbefristeten Unterrichtserlaubnis“, teilte ein Sprecher des Schulministeriums auf Anfrage mit. Im Schuljahr 2017/18 haben in den Regierungsbezirken Arnsberg, Münster, Köln und Düsseldorf insgesamt 140 Lehrer an einem solchen Informatik-Zertifikatskurs teilgenommen.

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