Aachen: Unterwegs zu „einem anderen Planeten“: Belgier wird in Psychatrie untergebracht

Aachen : Unterwegs zu „einem anderen Planeten“: Belgier wird in Psychatrie untergebracht

Häufig gibt es vor Gericht Verfahren, weil Autofahrer unter Einfluss von Medikamenten Unfälle gebaut haben. Die 6. Strafkammer des Landgerichts Aachen hatte sich eher mit dem Gegenteil zu beschäftigen. Im vorliegenden Fall ging es allerdings eher um den fehlenden positiven Einfluss von Medikamenten.

Angeklagt war Danny B. wegen eines „gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, Unfallflucht und fahrlässiger Körperverletzung“. Aber primär ging es in dem Verfahren darum, ob der 49-Jährige dauerhaft in die Psychiatrie eingewiesen werden muss — zum Schutz der Allgemeinheit, aber auch zum Eigenschutz.

Das Justizzentrum Aachen am Adalbertsteinweg. Foto: dpa

Der Belgier war mit seinem 78-jährigen Vater am 14. November letzten Jahres im Wagen unterwegs, weil er ihn „auf einem anderen Planeten in Sicherheit“ bringen wollte. Der Belgier leidet an einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis mit Situationsverkennung mit paranoidem Erleben, so steht es in den Akten. Folglich war er fahruntauglich und letztlich auch schuldunfähig — das ist das Ergebnis der Beweisaufnahme in dem Verfahren, das am Montag zu Ende ging. Danny B. war nicht in der Lage, seine Handlung einzuschätzen.

Mit 180 in der Mitte unterwegs

An diesem Tag im November befuhr er mit etwa 180 Stundenkilometern am frühen Nachmittag die A 44 in Richtung Mönchengladbach. Danny B. steuerte seinen Peugeot mittig über die Fahrbahn, überholte rechts und links, eine Zeugin sprach gar von einer „Amokfahrt“. Einem Auto fuhr er den Außenspiegel ab. Mehrere Verkehrsteilnehmer mussten ihm ausweichen, fast zufällig musste keiner der Beteiligten vorzeitig den Planeten verlassen. Danny B. fuhr schließlich in Höhe der Raststätte Ruraue auf völlig gerader Strecke auf einen Lkw auf. Beide Belgier blieben nahezu unverletzt und kamen ins Krankenhaus. Die Sanitäter und Polizisten beobachteten Danny B. tanzend am Unfallort.

Seit diesem Novembertag ist er in der Psychiatrie untergebracht. Erneut. Das am Montag beendete Verfahren hat eine ähnlich klingende Vorgeschichte, dazu gehört ein rechtskräftiges Urteil vom 9. Juni des vergangenen Jahres. In diesem Verfahren traf er auf die dieselbe Vertreterin der Anklage und dieselbe Gutachterin. Danny B. war damals angeklagt, nachdem er am 6. Dezember 2016 kurz nach Mitternacht seine heute elf Jahre alten Zwillinge und ihren fünfjährigen Bruder gemeinsam auf dem Beifahrersitz angeschnallt hatte. Danny B. wollte seine Kinder „von dem Bösen erlösen“, so erklärte er später vor Gericht.

Die nächtliche Autofahrt ging durch Belgien und Deutschland, gegen 2.28 Uhr flog er mit einer Geschwindigkeit von mindestens 100 Stundenkilometern von der Autobahn 44 in Höhe Titz ab. Er fuhr in seinem Wahn ungebremst über drei Leuchtbaken in eine Sandmauer, kollidierte schließlich mit einem Anhänger, der dort im Baustellenbereich abgestellt war. In dem damaligen Verfahren hatte er ausgesagt, er wähnte sich am „Sternentor“. Seine Kinder habe er nicht töten, sondern zu Gott und damit zum Leben bringen wollen, sagte er später. Die Autobahnpolizisten trafen ihn betend an. Die Kinder erlitten diverse Prellungen, ein Schädel-Hirn-Trauma, bereits am nächsten Tag wurden sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen. Ihr Vater brach sich die Mittelhand.

Seit Jahrzehnten erkrankt

Der Belgier hat eine lange Leidensgeschichte. Der Industriemechaniker aus Sint-Truiden erkrankte erstmals 1996 an einer Psychose, nachdem ihn seine langjährige Freundin verlassen hatte. Er wurde in Lüttich stationär und ambulant behandelt, zwei Jahre später gab es einen Rückfall. Die Therapie dauerte etwa zwei Jahre, dann wurde sie für beendet erklärt. Stattdessen meldete er sich alle vier Wochen bei einem niedergelassenen Arzt, der ihm Medikamente zur Behandlung von Schizophrenie sowie von manischen und depressiven Episoden verschrieb. Wegen seiner Erkrankung wurde Danny B. bereits 1998 verrentet.

Danach erlebte er stabile Jahre. Er lernte eine Frau kennen, mit der er drei Kinder bekam. Im Februar 2016 trennte sich das Paar dann nach problematischen Phasen. Danny B. zog aus, bewohnte ein Haus seines Vaters in der Gemeinde Awans. Das Sorgerecht für die Kinder wurde geteilt. Einige Wochen vor der Tat verliebte er sich neu, er war euphorisiert, verspürte „phänomenale Kräfte“. Seine Behandlungstermine ignorierte er, die Medikamente setzte er heimlich ab. Die Folgen stellten sich schnell ein, er fand kaum mehr Schlaf, fand, von ihm gehe ein „schlechtes Karma“ aus.

Das Amtsgericht Düren wies ihn nach dem ersten Unfall in die Psychiatrie ein. Der schwerwiegende Vorwurf des „versuchten Mordes“ erhärtete sich nicht in dem Verfahren. Gegen eine Tötungsabsicht sprach aus Sicht der Kammer auch, dass er nicht mittig gegen den Anhänger gefahren sei und er auch noch der Kollision keinen Versuch unternommen habe, ein „eventuelles Tötungsvorhaben in anderer Weise zu vollenden“. Er handelte ohne Schuld, da er aufgrund seiner als krankhaft seelischen Störung nicht in der Lage war, das Unrecht zu erkennen. Staatsanwaltschaft, Verteidiger und letztlich auch das Gericht hielten die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus für nicht angemessen (52 KS-401 JS 713/16).

Nicht mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit sei zu erwarten, dass Danny B. künftig erhebliche rechtswidrige Taten begehen werde. „Mit der Sachverständigen ist die Kammer deswegen der Auffassung, dass die Gefahr weiterer Straftaten als eher gering einzuschätzen ist“ — sofern der Angeklagte seine Behandlung fortsetze und seine Medikamente einnehme, urteilte die Kammer. Am Urteilstag verließ Danny B. ohne ein finales Arztgespräch die Einrichtung. Auch seinen Führerschein durfte er aufgrund seines „derzeit stabilen Gesundheitszustands“ behalten.

„Die Annahmen des letzten Urteils haben sich nicht bewahrheitet“, sagt Richter Matthias Quarch, der die 6. Große Strafkammer leitet, in dem aktuellen Verfahren. Ein paar Wochen nach seiner Entlassung hatte Danny B. wieder heimlich die Tabletten abgesetzt. „Ich dachte, ich wäre wieder normal.“ Die Folgen stellten sich erneut ein. Der Vater registrierte wieder ein seltsames Verhalten. Danny B. zertrümmerte seinen Herd, hatte permanent ein Feuerzeug im Mund. Schließlich überredete er ihn am 14. November, den Arzt in Düren zu konsultieren. Danny B. wollte selbst fahren. Das „mystische Delirium“ verstärkte sich unterwegs, sagte er in dem Verfahren aus, er wollte seinen Vater nur noch „in Sicherheit“ bringen. Den Unfall schildert er „wie eine Landung, nachdem wir die Sonne durchquert hatten“.

Depotmedikamente

In der Psychiatrie hat sich die Medikation nun geändert. Danny B. nimmt nicht mehr Tabletten, vielmehr wird ein Langzeitpräparat injiziert. Jahrelang hatte er sich gegen das Depotmedikament gewehrt. „Ich werde Zeit meines Lebens diese Medikamente nehmen müssen, sonst bin ich eine Gefahr für andere und für mich.“ Das hatte er allerdings auch schon im ersten Verfahren erklärt. „Ich hätte nie gedacht, dass er kurz nach dem Urteil die Medikamente absetzt“, sagt die Sachverständige, die in diesem Verfahren nun zu einem anderen Fazit kam. „Wenn der äußere strukturierende Rahmen wegfällt, kann man davon ausgehen, dass er die Medikamente nicht mehr einnimmt“, plädierte die psychiatrische Sachverständige diesmal für eine dauerhafte Unterbringung. Auch die behandelnde Ärztin beobachtete eine abnehmende „intrinsische Motivation“ bei ihrem Patienten.

Das Gericht folgte weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die Fahrerlaubnis in Deutschland wird Danny B. fünf Jahre lang entzogen. Er muss bis auf weiteres in der psychiatrischen Einrichtung bleiben. „Sie sind kein krimineller, aber ein sehr kranker Mann“, sagte Richter Quarch. „Der Tag wird kommen, an dem sie wieder in die Freiheit zurückkehren werden. Heute können wir es aber nicht verantworten, sie zu entlassen.“

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