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Arbeitsminister als Putzkraft: Unten, wo die Löhne niedrig sind

Arbeitsminister als Putzkraft : Unten, wo die Löhne niedrig sind

Während Berlin über die SPD-Pläne zur Grundrente streitet, wirbt der Arbeitsminister an der Basis für sein Konzept: Im Krankenhaus schlüpft er in die Rolle einer Reinigungskraft. Ohne Rentenreform wäre man in dem Job im Alter trotz jahrelanger Arbeit arm.

Es dauert keine zwanzig Minuten, da stehen dem Bundesarbeitsminister feine Schweißperlen auf der Stirn. Er will heute einen Eindruck davon gewinnen, was körperlich anspruchsvolle und wenig wertgeschätzte Arbeit im Niedriglohnsektor heißen kann. Und so bezieht Hubertus Heil (SPD) an diesem Donnerstag Betten. Erst die Kissen, eins nach dem anderen. Dann sind die Bettdecken dran.

Es ist stickig hier in der Bettenzentrale, ganz unten im Untergeschoss des Bochumer Klinikums Bergmannsheil, wo ein 14-köpfiges Team - überwiegend Frauen - dafür sorgt, dass genutzte Betten wieder frisch bezogen und hygienisch sauber werden. Ganz unten, das heißt auch: Dort wo die Löhne so niedrig sind, wie nirgends sonst unter dem Dach des Klinikums. Ein beißender Geruch von Desinfektionsmittel liegt in der Luft. Eben erst hat Heil den Anzug gegen weißen Wams und weiße Hose getauscht, was den Putzkräften als Arbeitskleidung dient.

Ins Ruhrgebiet geführt hat den Minister eine Begegnung mit der couragierten Leiterin der Bettenzentrale. In der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ diskutierten die beiden im Februar über die Themen Grundrente, faire Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen. Die Chemie stimmte und so blieb das Angebot von Heil, jeweils einen Tag den Arbeitsplatz zu tauschen, kein Lippenbekenntnis. Ihren Tag in Berlin hat Holtkotte schon gehabt: „Toll war's. Aber seinen Job machen will ich auch nicht“.

Nun der Gegenbesuch. Gerade erst hat Heil mit seinem Gesetzentwurf zur Grundrente für Koalitionsärger gesorgt. Dass er so kurz vor der Europawahl den Plan vorantreibt, Mini-Renten aufzuwerten von denjenigen, die 35 Jahre oder mehr gearbeitet haben, legen ihm manche als Wahlkampfspielchen aus. Susanne Holtkotte als Prototyp jener Menschen, die trotz jahrelanger und anstrengender Arbeit von Altersarmut bedroht sind, passt da ins Bild.

10,56 Euro bekommt sie pro Stunde. Bleibt alles wie es ist, stehe ihr nach dem Arbeitsleben eine Rente von 715 Euro zu, wie sie sagt. Wer würde dieser fleißigen, unverzagt auftretenden Frau da mehr Würdigung ihrer Arbeit verweigern wollen? Der Minister jedenfalls nicht, daran lässt er keinen Zweifel. Er werde für die Grundrente kämpfen, und zwar ohne faule Kompromisse einzugehen. Es brauche außerdem einen schneller auf 12 Euro steigenden Mindestlohn und mehr Branchen, die ordentliche Tariflöhne festsetzen, betont Heil.

Doch Heil ist auch zum Arbeiten da: Susanne Holtkotte zeigt ihm, dass man die Hände tief in den Kissenbezug stecken muss. Dass man bei den Bettdecken am besten Seite an Seite arbeitet, damit der Rücken geschont wird. Jeder ihrer Handgriffe sitzt. „Das ist hier ein bisschen wie eine Choreographie“, sagt sie und erklärt die nächsten Schritte. Heil folgt ihr, erst etwas unbeholfen, dann zunehmend sicherer. „Hubertus!“, korrigiert Holtkotte zwischendrin. „Das machen wir hier aber nochmal gerade“, sagt sie und zuppelt den Kissenbezug glatt.

Später werden die beiden im Raum nebenan die Matratzen und Bettgestelle desinfizieren. Sie haben an diesem Tag Glück, dass keine Betten zu putzen sind, in denen Patienten schwer gelitten haben, die voller Blut oder Erbrochenem sind. Nach knapp dreistündigem Einsatz ist Heil erwartungsgemäß voller Anerkennung für die Menschen, die hier täglich malochen: Er habe Menschen getroffen, die richtig etwas leisten. „Die gehen morgens hin, die ackern, die zahlen übrigens auch Steuern und Sozialabgaben. Die halten hier den Laden am Laufen und das Land auch“, sagt er. Nur wer das anerkenne, könne verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen.

Ob Holtkotte glaubt, dass sich in ihrem und in dem Leben vieler Geringverdiener etwas ändern wird? „Es muss sich ja was ändern“, sagt sie. „Ich wünsch' mir von Hubertus, dass er hartnäckig bleibt.“ Über die Grundrente wird in Berlin jedenfalls noch viel gestritten werden.

(dpa)