Aachen: Und am Ende bleibt die Sucht ein Leben lang

Aachen : Und am Ende bleibt die Sucht ein Leben lang

„Dann gehen wir mal auf die Station“, beschließt Heinrich Jordan, pflegerischer Leiter der Josef-Station im Alexianer-Krankenhaus. Mitten in Aachens Innenstadt ragt das Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik alt und imposant über die umliegenden Gebäude hinaus. Hinter seinen Mauern suchen zahlreiche Menschen Hilfe, um ihrer Drogensucht den Kampf anzusagen.

Der Weg zu seiner Station führt Jordan durch helle Gänge mit großen Fenstern. Draußen liegt ein freundlicher Innenhof. Hier und da spaziert ein Patient in der Sonne oder sitzt im Schatten unter einem Baum. Von der Kälte der steinernen Außenfassade ist hier nichts mehr zu spüren. Auf Etage drei angekommen, verweist ein kleines Schild in Richtung Josef-Station. „Diese Station ist teilgeschlossen und darf von Patienten nur nach Absprache und in Begleitung eines Mitarbeiters verlassen werden“, erklärt Jordan.

Der Entzug wird als „qualifizierte Entgiftung“ bezeichnet. In der Regel hilft man den Patienten 14 Tage lang mit ärztlicher Betreuung und einer Auswahl von Therapien und Gruppensitzungen. 15 Patienten können auf der Josef-Station aufgenommen werden. In den seltensten Fällen sind sie ausschließlich cannabisabhängig. Meist liegt eine Kombination mit weiteren illegalen Substanzen wie etwa Kokain oder Amphetaminen vor.

Eine speziell auf Cannabis-Patienten zugeschnittene Gruppentherapie ist die „Perspektivengruppe“. Dort werden spezifische Aufklärung und Information zur Suchterkrankung geboten. Auch werden Rückfallvermeidungs- und Bewältigungsstrategien mit den Patienten entwickelt, um in einer anschließenden ambulanten Nachbetreuung für die Stabilisierung der Patienten und eine Strukturierung ihres Alltags zu sorgen.

Im Flur der Station stehen vereinzelt Patienten, andere sitzen in einem Gemeinschaftsraum. Sie wirken müde und fahl. Es wird nur wenig geredet.

Cannabis eine Einstiegsdroge?

Cannabis wird oft als softe Droge bezeichnet, aber laut Jordan kann man davon ebenso eine Sucht entwickeln wie von härteren Substanzen. „Manche Patienten haben schon im Alter von zehn Jahren mit dem Cannabis-Konsum angefangen“, sagt der Stationsleiter. Die auslösenden Faktoren einer Sucht sind von Patient zu Patient unterschiedlich. Oft spielen hierbei familiäre Probleme, Gruppenzwang und fehlende soziale Integration eine große Rolle.

Trotzdem ist es fraglich, ob Cannabis als Einstiegsdroge gewertet werden sollte. Johannes Ramaekers, Professor für Psychopharmakologie und Verhaltenswissenschaft im Bereich Toxikologie am Universitätsklinikum Maastricht, der sich intensiv mit dem Thema Cannabis auseinandersetzt, vertritt dazu folgende Ansicht: Cannabis könne ohne weiteres als Genussmittel gewertet werden, weshalb der Arzt es mit Alkohol gleichsetzt. Beides sei eine Droge, und „die meisten Leute trinken Alkohol, ohne ein Problem zu haben“. Genauso verhalte es sich mit Cannabis. „Wer süchtig nach harten Drogen ist, hat sicherlich schon einmal Alkohol getrunken oder einen Joint geraucht“, macht Ramaekers weiter seinen Standpunkt deutlich.

Eine weitere Parallele sei bei der Auswirkung auf das Fahrverhalten zu finden. Wie Alkohol verschlechtere auch Cannabis die Aufmerksamkeit und mache das Autofahren zu einer unsicheren Angelegenheit — je mehr im Vorfeld konsumiert wurde, desto gefährlicher. Der Professor ist dennoch ein klarer Befürworter der Legalisierung, betont aber: „Man darf nicht blind sein für die negativen Aspekte.“ Er fordert sehr detaillierte Gesetze, sollte es zu einer Legalisierung kommen.

Heinrich Jordan wirft einen Blick in den Aufenthaltsraum der Patienten. Zwischen einer großen Küchenzeile und einem Kicker sitzt eine junge Frau an einem Tisch. Sie greift nach Buntstiften, um ein Mandala auszumalen. „Heutzutage bekommt man Cannabis an jeder Ecke. Setzt man sich im Sommer in einen Park, dauert es keine fünf Minuten, bis man den ersten Joint riecht“, sagt Jordan.

Verkauf muss gesittet ablaufen

Besonders in der niederländischen Grenzregion ist es trotz gesetzlicher Reglementierung leicht zu erwerben. Im Raum Kerkrade werden jährlich über 900.000 Verkäufe an Deutsche gezählt. Dies sei, so Jos Som, Bürgermeister von Kerkrade, kein Problem, solange der Verkauf in den Coffeshops ruhig und gesittet ablaufe. Denn um Konflikte zu vermeiden, organisiert die Stadt Kerkrade ein bis zwei Mal pro Jahr eine Grenzkontrolle in Kooperation mit der deutschen Polizei. Jos Som macht deutlich, dass die Sucht nach Cannabis in den Niederlanden jedoch nicht als medizinisches Problem anerkannt ist: „Diese Sucht ist hier kein großes Thema, da es sich um eine weiche Droge handelt“, erklärt Som knapp.

Der gelegentliche Konsum an sich sei nicht das Hauptproblem, stellt Jordan heraus. Problematisch werde der Konsum, wenn er in zunehmendem Maße das Leben der Betroffenen bestimme, wenn aus gelegentlichem täglicher Konsum werde, der oft schon morgens beginne, wenn schrittweise die Kontrolle über den Konsum verloren gehe. Während der Sucht entwickelt sich auch eine Toleranz gegenüber den Wirkstoffen von Cannabis. So muss die Dosis stetig erhöht werden, um das gewünschte Rauschgefühl zu erzielen. Eine typische Folge der Cannabissucht ist das „amotivationale Syndrom“, das zu einer zunehmenden Teilnahmslosigkeit führt. Der Konsument vernachlässigt immer weiter seine Interessen und Alltagsverpflichtungen und tritt seinem Umfeld passiv und desinteressiert gegenüber. Schule wird geschwänzt, Ausbildungen abgebrochen, es wird immer häufiger „krank“ gefeiert, Rechnungen werden nicht bezahlt.

„Jedes Suchtmittel hat eine Funktion — für jeden ist es eine andere“, sagt Andrea Hauschild, leitende Oberärztin im Alexianer-Krankenhaus. Wird Cannabis zum Problemlöser für alle Lebenslagen, kann sich eine Abhängigkeit entwickeln. „Wenn ein bisschen Gras dir heute gegen deinen Liebeskummer hilft, dann wirst du es vielleicht auch morgen bei anderen Problemen nehmen“, fasst der Stationsleiter zusammen. Und auf eine spezielle Gefahr wird hingewiesen: Cannabis gehört zu den Drogen, die bei entsprechender Veranlagung am häufigsten eine Psychose auslösen, Betroffene fühlen sich dann bedroht, verfolgt, haben Halluzinationen und Ängste.

Sucht findet im Kopf statt

Auf die Josef-Station kommen die Menschen, die es nicht mehr schaffen, das Kiffen auf einzelne Gelegenheiten zu beschränken. Jordan geht den Flur der Station entlang. An den weißen Wänden hängen bunte Landschaftsbilder, die in der Ergotherapie entstanden sind. Der Stationsleiter nimmt Platz in einem Raum für das Personal. „Auf Cannabis zu verzichten, ist wie das Fällen eines Baumes“, äußert sich Jordan zur qualifizierten Entgiftung. „Das Absägen geschieht abrupt, genauso wie das Absetzen des Suchtmittels.“

Dies allein reicht jedoch selten aus. Die Sucht ist nicht nur im Körper, sie findet im Kopf statt. „In den Situationen, in denen du bisher gekifft hast, wird dich dein Gehirn erinnern und sagen: da fehlt doch was, und dann entsteht der sogenannte Suchtdruck.“ Dem zu widerstehen und Bewältigungsmöglichkeiten zu finden, ist entscheidend.

Daher ist im Anschluss an eine Entgiftung in aller Regel eine weitere suchtspezifische Betreuung erforderlich, zum Beispiel in Suchtberatungsstellen, der Ambulanz des Alexianer-Krankenhauses oder auch eine „Entwöhnung“ in einer Suchtfachklinik, um auch tiefersitzende Probleme zu beheben. „Dafür musst du an die Wurzeln deines Baumes. Du musst tief graben. Es kann anstrengend und belastend werden. Und wenn du glaubst, du hast alles ausgerissen, findest du wieder eine kleine Wurzel, die noch tiefer reicht.“

Dies sei auch der Grund dafür, dass eine große Anzahl der Patienten die Station nicht nur einmal aufsuche. Mit einer qualifizierten Entgiftung kann die Abhängigkeit zwar auf ein mentales Verlangen gemindert werden, die Lebensumstände und das soziale Umfeld der Patienten ändern sich aber nicht automatisch. „Einmal süchtig, immer süchtig“, sagt Jordan.

Diese Aussage zeugt aber nicht von Resignation. Sie ist der nüchterne Blick auf die Sucht. „Es geht darum, zu wissen ‚Ich bin abhängig‘, dies zu akzeptieren“, erklärt Oberärztin Andrea Hauschild. Diese Einsicht gibt dem Patienten die Möglichkeit, an sich und seiner Sucht zu arbeiten.

(mcd)
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