Aachen: Trau Dich! Schreib mal wieder einen Brief!

Aachen : Trau Dich! Schreib mal wieder einen Brief!

Es soll mittlerweile Zeitgenossen geben, die wissen gar nicht, wie sie Umschläge aufmachen sollen, und halten Brieföffner für Inoffizielle Mitarbeiter der Deutschen Post. Sie stehen der Gefahr, einen Brief zu bekommen, hilflos gegenüber. Noch bedrohlicher werden deren Lebensumstände, wenn sie sich gezwungen sehen, selbst einen Brief zu schreiben.

Denn wann haben sie das zuletzt getan, was muss in den Briefkopf, und wie formatiert man das Ganze überhaupt?

Da ist es einfacher und viel schwieriger, das tastengestützte Schreibgerät beiseite zu lassen und sich auf den guten alten Füllfederhalter zu besinnen. Vielleicht liegt ein abgenutzter Pelikan in der Schublade oder ein edler Montblanc im Ledermäppchen. Wer jetzt an Vögel oder Berge denkt, hat tatsächlich schon lange nichts mehr mit der Hand geschrieben. Er könnte sich jedoch von Insterburg & Co. auf die Sprünge helfen lassen: „Ein Pelikan konnt nicht mehr fliegen, / er war ja schon ein alter. / Er geht in ein Korsettgeschäft / und kauft nen Federhalter.“

Handschrift und Individualität

Die Sache ist zu ernst, um sie Insterburg&Co. zu überlassen. Denn die Frage stellt sich tatsächlich, ob die Handschrift vom Tode bedroht ist und der Brief als die alte gediegene Form der Kommunikation überleben wird. Jedenfalls hat ein australischer Künstler schon mal vorsorglich den 1. September zum Welttag des Briefeschreibens ausgerufen (siehe: „900 von Cicero . . .“). Das ist noch kein offizieller Welttag (wie jener des Buches), aber das kann noch werden, wenn der globale Digitalisierungswahn immer weiter und ungehemmt um sich greift.

Ein von Hand geschriebener Brief ist heute wie früher in der Regel für einen Adressaten bestimmt. Das macht ihn per se besonders persönlich, verbindlich und konkret. Er vermittelt dem Leser eine hohe Wertschätzung, die noch so viele und kirmesgrelle Emojis niemals ausdrücken können. Die Handschrift und das Gesamtbild eines mit Füller, Bleistift oder Faserschreiber verfassten Briefes zeugt von mehr Individualität als jede Ansammlung piktogrammaschiger Wüsten.

Die individuelle Handschrift ist Teil eines jeden. Briefe zu schreiben, dient der Reflexion, die häufig vermisst wird. Wer sich hinsetzt und einen Brief per Hand und mit Füller schreibt, denkt von sich aus länger nach, wenn er nicht ständig ein neues Blatt nehmen oder ein etliche Male durchgestrichenes Manuskript beenden will. Er nimmt sich Zeit, überlegt, besinnt sich und schreibt analog eher langsamer.

Demgegenüber stellen arglose Gemüter schon die Frage, ob Kinder heute denn überhaupt noch mit der Hand schreiben müssen. Schließlich kann man doch tippen. Und in ein paar Jahren werden Erstklässler ihren Smartphones die Buchstaben vorsagen und sofort vor Augen haben, wie ein A oder ein M aussieht und geschrieben wird. Obwohl: Wie A und M geschrieben werden, ist eigentlich egal, denn schreiben brauchen die Kinder dann ja gar nicht mehr.

Dabei sind die pädagogischen Erkenntnisse im Grunde eindeutig: Was mit der Hand geschrieben wird, vermittelt ein innigeres Verhältnis zu Schrift und Sprache. Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass Handarbeit — das Schreiben mit der Hand — die geistigen Fähigkeiten fördert. Was mit Füller, Kuli oder Bleistift aufgeschrieben wird, prägt sich besser ein und erleichtert das Lernen. Grundschulkinder müssen Buchstaben schreiben, damit sie sich ihnen einprägen — sorgfältig und schön langsam.

Noch nie ist so viel geschrieben worden: digital, ganz leicht, jederzeit, überall und — vor allem — schnell. Das Tempo hat den menschlichen Gedankenaustausch vielleicht am meisten verändert. Die allgegenwärtige Kommunikation wird als menschenverbindend und freiheitsfördernd propagiert, sorgt tatsächlich gar nicht selten für das Gegenteil. Twitter und Facebook machen die User nicht informierter und selbstbewusster; häufig genug verunsichern sie nur, manipulieren oder hetzen auf. Quantität (rauf) und Qualität (vielfach runter) haben jeweils einzigartiges Niveau erreicht.

Omeletts und Unterwäsche

Mail, WhatsApp und andere Messages sind längst unvermeidbarer, aber trotzdem nur mickriger Ersatz für Handgeschriebenes. Für die britische Schriftstellerin Virginia Woolf (1882-1941) war Briefeschreiben wie das Hochwerfen von Omeletts. So gesehen fliegt durch die digitale Welt allerdings deutlich mehr Eierspeise, als auf Papier landet.

Was tun? Statt sich allabendlich sogenannte Dokusoaps anzusehen, in denen Brummifahrer und holsteinische Hausfrauen Unterwäsche, Buntstifte und Hunde tauschen, um anschließend gemeinsam den Härtegrad von Sprungfedermatratzen zu testen, könnte man Briefe schreiben an Menschen, die einem wichtig sind.

Das kostet zwar Tinte, spart aber Strom und ergeht dem Schreibenden wie dem Angeschriebenen wohl. Wer schreibt, verschenkt Zeit, Nachdenken, Sorgfalt, Aufmerksamkeit an einen geschätzten Menschen. Er kann dem Adressaten auch die Leviten lesen — aber bitte mit Zeit, Nachdenken, Sorgfalt und Aufmerksamkeit.

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