Mönchengladbach: Tödliche Komplott-Gespinste: 15 Jahre für die Morde von Schwalmtal

Mönchengladbach: Tödliche Komplott-Gespinste: 15 Jahre für die Morde von Schwalmtal

An einem schönen Spätsommertag im vergangenen August beginnt das Morden. Durch den idyllischen 8000- Seelen-Ort Schwalmtal-Amern peitschen Schüsse. Die Polizei löst Großalarm aus, rückt mit 200 Beamten an, vermutet einen Amoklauf. Doch das Blutbad, das Hans P. (72) mit seiner Pistole im Haus seiner Tochter anrichtet, ist ein kaltblütig geplanter Mord.

Einer Hinrichtung gleich erschießt der Rentner zwei Rechtsanwälte und einen Gutachter, ignoriert deren Flehen. Am Dienstag, acht Monate später, schickt das Landgericht in Mönchengladbach den 72-Jährigen als dreifachen Mörder in eine Psychiatrie - sehr wahrscheinlich für den Rest seines Lebens.

„Er ist gefährlich und bleibt es weiterhin für alle, die jemals mit ihm zu tun haben sollten”, sagte der Vorsitzende Richter Lothar Beckers. Hans P. glaubt immer noch unbeirrbar an ein Komplott gegen seine Familie, sagen auch seine Verteidiger. Jahrelang haben sich seine Wahnvorstellungen verschärft, bis sich sein ganzer Hass entlädt. Ein viertes Opfer kann sich - getroffen von drei Kugeln - nur deshalb retten, weil der Rentner nachladen muss.

Freimütig gibt der Senior aus Unna Einblick in sein Seelenleben, als er die Tat gesteht: „Für mich war das richtig. Die mussten weg und Feierabend.” Alle Anwälte seien korrupt, die Gutachter auch bestochen gewesen, um seine Familie um ihr Häuschen zu bringen. „Die sind ja selber schuld gewesen.” Dabei hatte seine Tochter den Termin anberaumt, um ein besseres Wertgutachten für ihr Haus zu bekommen.

Psychiater attestieren dem Rentner, der schon früher mit einem Baseballschläger auf Verwandte eindrosch, eine „Cerebral-Sklerose”, eine altersbedingte Entzündung des zentralen Nervensystems - nicht therapierbar. Das Gericht erkennt deswegen eine verminderte Schuldfähigkeit an und bleibt mit 15 Jahren Haft unter der eigentlich für Mord fälligen lebenslangen Strafe. Trotz seines Wahns habe er aber gewusst, dass er Unrecht beging, als er „unbarmherzig und ohne Reue” Rache genommen habe, betont der Richter. Der alte Mann feuert das Magazin leer, lädt nach, feuert weiter.

Eigentlich hat das Blutbad seinen Ursprung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Da beginnt eine Fehde zwischen zwei verfeindeten Familien - und ausgerechnet in die verhasste Familie heiratet die Tochter ein. Der alte Groll kehrt zurück, als die Ehe zerbricht und der Kampf um das Haus der Tochter entbrennt. Der Ex-Mann erhebt Ansprüche, es kommt zu einem jahrelangen Kleinkrieg. Die Tochter bemüht acht Anwälte, sieht sich nach eigenen Worten „verarscht”. Sie habe ihren Vater vermutlich „in seinem Wahn bestärkt”, sagt Richter Beckers.

Mit der Pistole und 100 Schuss Munition war der Rentner schließlich zu dem Besichtigungstermin angereist. Er habe „ein Zeichen setzen wollen, dass man so mit ihm und seiner Verwandtschaft nicht umgehen kann”, erklärt er den Ermittlern, als er nach stundenlanger Belagerung des Hauses aufgibt und ein weißes Wäschestück aus dem Fenster hängt.

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