Aachen: Todesschubser vom Westbahnhof unter Mordanklage

Aachen: Todesschubser vom Westbahnhof unter Mordanklage

Das Verfahren gegen einen Informatiker, der eine Frau am Aachener Westbahnhof vor einen einfahrenden Zug gestoßen hatte, wird ab Mittwoch, 9 Uhr, vor der 2. Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht neu aufgerollt.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe Beschwerde eingelegt. Der 34-jährige Angeklagte, der an der RWTH als wissenschaftlicher Assistent gearbeitet hatte, war von der 1. Schwurgerichtskammer am Landgericht „nur” wegen Totschlags an einer damals 38-jährigen Freundin seiner chinesischen Lebensgefährtin zu einer Haftstrafe von zehneinhalb Jahren verurteilt worden.

Er hatte sie im Dezember 2007 im Beisein seiner Lebensgefährtin vor den Zug geschubst. Diese hatte ihn auf Anraten der Getöteten an jenem Tag endgültig verlassen wollen und mit gepackten Koffern auf dem Bahnsteig gestanden.

Mit der Revision beanstandeten Staatsanwaltschaft und der Ehemann des Opfers als Nebenkläger, dass das Landgericht „nur wegen Totschlags und nicht wegen Mordes”, wie es in der Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 1. April heißt, verurteilt habe.

Weiter sei trotz anderslautender Bekundungen des Sachverständigengutachtens „von einer erheblich eingeschränkten Steuerungsfähigkeit des Angeklagten” ausgegangen worden, hieß es in der Revisionsentscheidung, die das Aachener Urteil wieder aufhob.

Im neuerlichen Prozess vor einer anderen Schwurgerichtskammer soll in vier Verhandlungstagen geprüft werden, ob nicht doch das Tatmotiv „Heimtücke” eine Verurteilung wegen Mordes rechtfertigt. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Wolfgang Diewald muss nach den Ausführungen der Karlsruher Richter ergründen, ob sich der Täter nicht doch bewusst war, dass sein Opfer „arg- und wehrlos” seinem überraschenden Angriff ausgesetzt war.

Die Frau wurde damals nach Zeugenaussagen wie eine Puppe mitgeschleift und getötet. Viele Wartende hatten das Geschehen entsetzt verfolgt, waren aber beim Eintreffen der Polizei nicht mehr an Ort und Stelle. Der Täter flüchtete quer über die Gleise in Richtung Innenstadt.

Auslöser für die Tat war die Trennungsabsicht der 32-jährigen Lebensgefährtin des „in sich gekehrten Diplom-Informatikers”, der kurz zuvor seinen Uni-Job verloren hatte.

Auch die 1. Schwurgerichtskammer hatte 2008 die Frage, ob die Tat ein Mord oder ein Totschlag war, als „schwierige Gratwanderung” bezeichnet.

Im Juli 2008 konnten die Richter allerdings das juristisch unabdingbare „Ausnutzungsbewusstsein” bei einer Heimtücketat nicht feststellen. Der Staatsanwalt hatte 13 Jahre wegen Mordes bei verminderte Schuldfähigkeit gefordert, die Nebenklage lebenslänglich.