Aachen/Huy/Berlin: Tihange 1: Was die Precursor-Vorfälle bedeuten

Aachen/Huy/Berlin : Tihange 1: Was die Precursor-Vorfälle bedeuten

Man kann sie als Vorboten für schlimmere Ereignisse bezeichnen. Precursor heißt übersetzt schließlich Vorläufer. Mit sogenannten Precursor-Analysen berechnen Experten die Wahrscheinlichkeit für eine Kernschmelze. Hat die Wahrscheinlichkeit einen bestimmten Wert erreicht, spricht man von Precursor-Ereignissen.

Weil diese im belgischen Atommeiler Tihange 1 vermehrt festgestellt worden sind, steht der Block jetzt in der Kritik. Die Analysen dienen dazu, mögliche Ereignisse als Auslöser für große Schäden zu identifizieren und Maßnahmen zu ergreifen, damit das Akw sicherer wird.

Und wenn die Pumpe ausfällt?

Kommt es in einem Meiler zu einem Vorfall — etwa zum Ausfall einer Pumpe wie in Tihange 1 im Jahr 2014 —, findet nicht immer eine Analyse statt. Nach einem Pumpen-Ausfall entscheiden Experten, ob eine Precursor-Analyse durchgeführt wird. Es handelt sich dabei nicht zwingend um meldepflichtige Vorfälle oder Vorfälle, die auf der Internationalen Skala für nukleare Ereignisse gelistet sind. Auch ob die Vorfälle im nuklearen oder nicht-nuklearen Bereich stattgefunden haben, ist dabei nicht ausschlaggebend, sondern vielmehr, ob der Ausfall einer Pumpe unter Umständen den sicherheitstechnischen Bereich des Kraftwerks betrifft.

„Notstromaggregate sind im nicht-nuklearen Bereich, spätestens seit Fukushima weiß aber jeder, wie relevant die Stromversorgung für ein Akw ist“, sagt der Reaktorsicherheitsexperte Professor Manfred Mertins unserer Zeitung. Die Frage wäre also: Wie sehr erhöht Ereignis X — etwa der Ausfall der Pumpe — die Wahrscheinlichkeit für eine Kernschmelze?

Wenn sich die Experten dazu entscheiden, eine Precursor-Analyse in die Wege zu leiten, werden Wahrscheinlichkeitsberechnungen angestellt. Vereinfacht heißt das für unser Beispiel, dass sich die Experten anschauen, welche Folgen der Ausfall der Pumpe im schlimmsten Fall haben kann. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Sicherheitsvorkehrung nicht greift? Was, wenn die nächste Schwachstelle auftritt?

Für jedes Akw gibt es Wahrscheinlichkeitsberechnungen für die Schwachstellen oder die Ausfälle einzelner technischer Teile, wie Experten des Bundesumweltministeriums erklären. Fehlerbäume nennen sie das. Die errechneten Folgen sind theoretisch. Man könnte auch davon sprechen, dass „Worst Case“-Szenarien ermittelt werden.

Diese Precursor-Analysen, die in Deutschland von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Köln berechnet werden, sind langwierig und kompliziert. Rund zwei Jahre kann es dauern, bis sie fertig sind. Aus diesem Grund liegen nun auch erst die Ergebnisse der belgischen Atomaufsichtsbehörde Fanc für die Jahre 2013 bis 2015 vor. In Tihange 1 haben laut einer Analyse, die die Grünen-Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer und Sylvia Kotting-Uhl bei der Fanc angefordert haben, acht Precursor-Ereignisse stattgefunden.

Damit eine Analyse als Precursor-Ereignis eingestuft wird, muss ein bestimmter Wert überschritten sein, wie Mertins erklärt. Die Wahrscheinlichkeit muss mindestens bei eins zu einer Million liegen. Dann gehen Atomphysiker von einem potenziellen Risiko aus.

Die Zahl solcher Precursor-Ereignisse sagt nichts über die Sicherheit eines Kraftwerks aus, wie das Bundesumweltministerium hervorhebt. Auch in deutschen Akw gebe es solche Ereignisse. Man könne die Zahl aber nicht vergleichen, weil die Kraftwerkstypen sich unterscheiden. Bei dem belgischen Kraftwerkstyp gebe es immer mehr Precursor-Ereignisse, erklären Reaktorsicherheitsexperten aus dem Ministerium. Ein rein quantitativer Vergleich sei deshalb nicht aussagekräftig.

Experten betonen zudem, dass es vor allem auf den Wert der Analyse ankommt. Werden in einem Meiler die Grenzwerte für ein Precursor-Ereignis mehrfach nur knapp überschritten, liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Kernschmelze dementsprechend bei knapp eins zu einer Million. Das ist weniger dramatisch, als wenn ein anderer Meiler zwar nur ein Precursor-Ereignis, dafür aber mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit, beispielsweise von eins zu 100.000, aufweist.

„Das Risiko für eine Kernschmelze ist sehr gering“, sagt Fanc-Sprecher Erik Hulsbosch unserer Zeitung. Solche Analysen würden für etliche Szenarien wie Erdbeben oder Flugzeugabstürze berechnet. Doch Experten hatten mehrfach bemängelt, dass die belgischen Akw auch für Naturkatastrophen und Terrorattacken nicht ausreichend gewappnet seien.

Neben den „Riss-Reaktoren“ Tihange 2 und Doel 3 ist Tihange 1 wegen seines Alters umstritten. Der Meiler soll bis 2025 laufen und wäre dann 50 Jahre am Netz, länger als geplant. „Akw sind nicht dazu designt, nur 40 Jahre zu laufen“, hatte Tihange-Leiter Jean-Philippe Bainier vorigen Sommer gesagt. Doch etliche Notabschaltungen bereiten Sorgen.

Im Winter war Reaktorblock 1 wieder ans Netz gegangen, nachdem es ein Problem mit einer Pumpe gegeben hatte. Bis Mai 2017 hatte der Block acht Monate lang stillgelegen, weil bei Bauarbeiten ein Nebengebäude beschädigt worden war. Beim Wiederanfahren schaltete sich der Meiler direkt wieder ab — wegen eines Problems am Wasserfilter.

Das Bundesumweltministerium zeigte sich besorgt. Ältere Meiler sähe man gern abgeschaltet. Man stehe mit Belgien im Austausch. Anfang Februar werde es ein weiteres Treffen der Expertenkommission geben. Dort stehe jetzt auch Tihange 1 auf der Tagesordnung.