Aachen/Brüssel: „Schockierende“ Unterlagen zu Tihange: Risse seit 70er-Jahren bekannt

Aachen/Brüssel : „Schockierende“ Unterlagen zu Tihange: Risse seit 70er-Jahren bekannt

Es sind nur vier Seiten, Handgeschrieben, die offenbaren, dass Haarrisse in Tihange 2 und Doel 3 schon 1975 entdeckt wurden. Die beiden belgischen Atommeiler sind wegen eben jener Wasserstoffeinschlüsse, so umstritten. Wann sie entstanden sind und ob sie mehr oder größer werden — das sind Kernfragen in der Debatte um die Sicherheit.

„Man hat schon 1975/76 Fehlstellungen gefunden“, bestätigt Erik Hulsbosch, Experte der FANC, im Gespräch mit unserer Zeitung. Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC hatte die Dokumente, die das bestätigen, auf Anfrage der Grünen Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl und dem Dürener Oliver Krischer (beide Grüne) herausgegeben. Der Betreiber habe damals aber die Bauteile akzeptiert und kein Sicherheitsrisiko festgestellt, so Hulsbosch weiter.

1976 war Baubeginn für den Meiler Tihange 2, der Luftlinie nur 60Kilometer von Aachen entfernt liegt. Seit 1983 ist er am Netz. 2012 wurde öffentlich bekannt, dass es Risse in den Reaktordruckbehältern gibt: In Tihange 2 sind es nach neuesten Erkenntnissen 3149, in Doel 3 bei Antwerpen sind es sogar 13047.

Die Unterlagen enthalten „neue Indizien, dass es beim Bau der beiden Risse-Reaktoren nicht mit rechten Dingen zuging. Und diese Merkwürdigkeiten beschränken sich nicht auf einen niederländischen Zulieferer, sondern umfassen auch AKW-Bauer und -Betreiber und die Bauaufsicht“, sagte Oliver Krischer unserer Zeitung. „Schockierend“ findet der Dürener Bundestagsabgeordnete die Dokumente.

Betreiber Engie-Electrabel aber sieht sich in seiner Theorie bestätigt, dass die Risse keine Gefahr darstellen — eben, weil sie sich schon in den Stahlringen des Reaktordruckbehälters befanden. „Wir sind uns sicher, dass die Risse schon seit Beginn da waren und sich nicht vermehrt haben“, sagte Engie-Sprecherin Anne-Sophie Hugé am Freitag unserer Zeitung. Die Dokumente würden das nur bestätigen. Man habe alle anderen potenziellen Ursachen für das Entstehen der Risse in den Reaktordruckbehältern ausgeschlossen.

In den Unterklagen ist allerdings nur von Wasserstoffeinschlüssen die Rede, zahlen werden dort nicht genannt. Das heißt: Es lässt sich nur sagen, dass 1975 Fehlstellungen entdeckt wurden, nicht aber wie viele. Und so ist die Theorie von Engie-Electrabel nur teilweise gestützt. Denn es gibt Kritiker, die fürchten, dass sich die Risse vermehrt haben oder vermehren könnten oder, dass diese größer werden können.

„Die Zahl und Position der Risse ist recht stabil“, sagte FANC-Experte Hulsbosch. Engie habe mit den neuerlichen Ultraschalluntersuchungen bewiesen, dass die Meiler sicher seien. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte die FANC zuletzt gebeten, die Meiler vom Netz zu nehmen, bis alle Sicherheitsbedenken ausgeräumt seien.

Die FANC hat aber keine Sicherheitsbedenken. Die FANC verstehe die Sorge der Menschen, alle Untersuchungen aber von eigenen und unabhängigen Wissenschaftlern stützten die These, dass keine Gefahr von den Wasserstoffeinschlüssen ausgehe.

Mehr von Aachener Nachrichten