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Brüssel/Aachen: Schlüsselfigur, Reizfigur: FANC-Leiter Jan Bens

Brüssel/Aachen : Schlüsselfigur, Reizfigur: FANC-Leiter Jan Bens

Ausschalten — einschalten — ausschalten — wieder einschalten — wieder ausschalten. Für Außenstehende war das Hin und Her der vergangenen Jahre um die Atomreaktoren Tihange 2 und Doel 3, in deren Druckbehältern Tausende Risse entdeckt worden sind, ziemlich unübersichtlich. Dabei war und ist die Frage einfach: Können die Reaktoren trotz der Risse gefahrlos weiterbetrieben werden - oder nicht?

Bei der Beantwortung dieser Frage kommt der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC (Federaal Agentschap voor Nucleaire Controle) eine Schlüsselrolle zu, Behördenchef Jan Bens wird entsprechend zur Schlüsselfigur. Das klingt banal, denn worum sonst sollte sich eine Atomaufsichtsbehörde kümmern, wenn nicht um die Sicherheit von Atomkraftwerken?

Tatsächlich hat die Beantwortung der Frage die FANC in eine außergewöhnlich schwierige Lage gebracht. Die Aufgabe hat sie sogar in eine tiefe Identitätskrise gestürzt. Denn nicht nur der Betreiber Electrabel, sondern auch die Aufsichtsbehörde musste sich im Zuge der Untersuchungen in den vergangenen Jahren kritische Fragen gefallen lassen. Der Hauptvorwurf: Die FANC sei nicht unabhängig.

Die Kritiker — allen voran das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie, aber auch Wissenschaftler, die sich mit dem Thema befassen, und Vertreter aus der Politik — machen ein gutes Stück der fehlenden Unabhängigkeit an der Person Jan Bens fest.

Bens leitet die FANC seit Beginn des Jahres 2013. Pikant: Der heute 63-Jährige, der in Oostende geboren wurde, hat fast sein gesamtes Berufsleben, von 1978 bis 2007, bei Electrabel verbracht. Zuletzt war er ab 2004 Leiter der Anlage in Doel. 2008 wurde er Vizedirektor der World Association of Nuclear Operators (WANO), der Dachorganisation der Betreiber von Nuklearanlagen. Kann so jemand ein neutrales Urteil fällen?

Bens sagte wenige Wochen nach seinem Amtsantritt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Ich arbeite jetzt nicht mehr für Electrabel, und ich habe seit fünf Jahren keinen Fuß mehr in ein Kernkraftwerk gesetzt. Aber ich weiß, was dort passiert, und ich kann es beurteilen.“

Eigentlich war Bens zu diesem Zeitpunkt schon von der Schlüssel- zur Reizfigur geworden.

Tatsächlich sind auch mehr als vier Jahre, nachdem die Reaktoren erstmals wegen der Risse abgeschaltet wurden, viele Details in Bezug auf die Mängel ungeklärt. Wann und wie sind die Risse entstanden? Wie verhalten sie sich, wenn der Reaktor in Betrieb ist? Wie beeinflussen sie die Widerstandsfähigkeit des Druckbehälters — besonders in einem Ernstfall? Können die Tests die Sicherheit der Reaktoren garantieren? Darüber streiten sich nun seit Jahren die Experten.

Das Problem: Betreiber Electrabel behauptet, die Risse seien schon bei der Herstellung entstanden und deshalb ungefährlich. Die Untersuchungen, die das beweisen sollen, werden aber von ernstzunehmenden Wissenschaftlern in Zweifel gezogen. Umgekehrt können die Kritiker nicht wissenschaftlich nachweisen, dass die Risse im Betrieb entstanden und deshalb höchst gefährlich sind. Sie argumentieren aber, dass ein Betrieb der Kraftwerke unverantwortlich ist, so lange diese Frage nicht zweifelsfrei geklärt ist.

Bens hat sich schon recht früh festgelegt. Definitiv seien die Risse während der Herstellung der Druckbehälter entstanden, sagte er im März 2013. Das belegten die Materialtests und eine Ultraschalluntersuchung. Lage, Größe und Struktur ließen gar keinen anderen Schluss zu. Eine Verteidigungsrede für Electrabel? Am Ende durften die Reaktoren wieder ans Netz.

Korruption und eine Untersuchung

Im Juni 2015 gab Bens in einem Interview mit der Tageszeitung „Le Soir“ zu, in Korruption verwickelt gewesen zu sein. Das hatte zwar nichts mit Tihange und Doel oder der FANC zu tun, aber es stürzte die Atomaufsichtsbehörde natürlich trotzdem noch tiefer in die Krise. Die Korruption datiert zurück in das Jahr 1995, als Bens für Electrabel in Kasachstan tätig war. In „Le Soir“ ließ er sich mit der Aussage zitieren, man habe ihm Schmiergeld in Umschlägen angeboten, und „ich habe anderen welche angeboten. In Kasachstan, da lief alles über Bargeld“, sagte Bens.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Düren) reagierte entsetzt: „Es ist ein weiteres Puzzleteil im Sittengemälde der Atomwirtschaft. Rund um Doel und Tihange wird seit Jahren gelogen mit dem Ziel, die Schrottreaktoren in Betrieb zu halten“, sagte er unserer Zeitung.

In der Folge des Geständnisses untersuchten Unternehmensprüfer der Firma Whyte Corporate ­Affairs sieben Monate lang die FANC im Auftrag des Verwaltungsrats. In ihrem Bericht stellten sie der Behörde im Sommer dieses Jahres ein schlechtes Zeugnis aus: mangelnde Führungsqualitäten der Direktion, interne Kommunikationsprobleme, fehlende Unabhängigkeit. Das Personal glaube, dass Kompromisse zugunsten der politischen und wirtschaftlichen Wünsche gewollt seien. So entstehe eine Abhängigkeit.

Die belgische Energieversorgung

Belgien hat bereits im Jahr 2003 einen Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, nach und nach sollten die Meiler von 2015 bis 2025 abgeschaltet werden, jeweils am Ende einer 40-jährigen Laufzeit. Allerdings werden mehr als 50 Prozent des Strombedarfs in Belgien von Atomkraft gedeckt, 90 Prozent der eigenen Energieproduktion des Landes beruhen darauf. Und um Alternativen hat sich Belgien bislang nicht gekümmert. Die Laufzeit von Tihange 1 wurde bis 2025 verlängert.

In einem Interview mit unserer Zeitung sagte Bens im Februar dieses Jahres: „Ich verstehe, dass Menschen (in Deutschland, Anm. d. Red.) Zweifel haben. In Belgien ist die Atomkraft aber politisch gewollt.“ Wer wollte, konnte das auch als Eingeständnis lesen.