Aachen: Rekord: Schon fast sieben Millionen Mal gespielt

Aachen: Rekord: Schon fast sieben Millionen Mal gespielt

Wissen Sie schon, wen Sie am 22. September wählen? Nein? Noch unschlüssig? Damit sind Sie nicht alleine. So geht es derzeit Millionen Menschen in Deutschland. Eine beliebte Entscheidungshilfe ist der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB). Den gibt es seit dem Jahr 2002, und er erfreut sich großer Beliebtheit.

Bei der vergangenen Bundestagswahl 2009 wurde er mehr als 6,7 Millionen Mal genutzt. Auch bei zahlreichen Landtags- und Europawahlen wird er eingesetzt. Im Vorfeld der aktuellen Bundestagswahl hat der Wahl-O-Mat schon jetzt eine Rekordbeteiligung. Fast sieben Millionen Mal wurde er bereits genutzt.

Als Wahlempfehlung sollte der Wahl-O-Mat aber nicht verstanden werden. Vielmehr soll er - vor allem jungen Wählern - einen Überblick zu den wichtigsten Themen und Positionen der Wahl geben. Er soll Interesse für die Wahl wecken. Und das scheint zu klappen. Als Stefan Raab im TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausfordere Peer Steinbrück den Wahl-O-Mat ansprach, schoss die Nutzerzahl des Online-Tools schlagartig in die Höhe. „Wir hatten in dieser Zeit enorme Zugriffe auf den Wahl-O-Mat“, sagt Daniel Kraft, Pressesprecher der BPB.

Drei Antwortmöglichkeiten

Seit Ende August ist der Wahl-O-Mat wieder online. Mit 38 Thesen aus unterschiedlichen Politikfeldern wird der Benutzer konfrontiert. Zum Beispiel „Es soll ein gesetzlicher flächendeckender Mindestlohn eingeführt werden“, „Generelles Tempolimit auf Autobahnen“ oder „Deutschland soll mehr Flüchtlinge aufnehmen“.

Dann hat der User drei Antwortmöglichkeiten: stimme zu, neutral, stimme nicht zu. Oder er kann Thesen auch einfach überspringen. Nachdem man sich durch die 38 Thesen geklickt hat, werden die eigenen Antworten mit denen der Parteien abgeglichen. Der Grad der Übereinstimmung mit den ausgewählten Parteien wird errechnet und angezeigt. Mit bis zu acht Parteien lassen sich die eigenen Voten abgleichen. Außerdem können vor der Auswertung der eigenen Antworten bestimmte Thesen gewichtet werden, die dann doppelt gewertet werden.

Doch wie verlässlich ist der Wahl-O-Mat eigentlich? Und wie werden die Thesen überhaupt entwickelt — und von wem?

25 junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 26 Jahren aus ganz Deutschland haben gemeinsam mit einer Gruppe von Wissenschaftlern die Thesen erarbeitet. „Wir hatten rund 300 Bewerber und haben eine überparteiliche Redaktion ausgewählt. Funktionsträger von Parteien durften nicht dabei sein“, erklärt Daniel Kraft. Die Redaktion wurden unterstützt von Experten der BPB und des niederländischen Instituut voor Publiek en Politiek (Institut für Öffentlichkeit und Politik). Grundlage für die Thesen waren die Partei- und Wahlprogramme der einzelnen Parteien.

Zunächst 150 bis 180 Thesen

In einem ersten dreitägigen Workshop entwickelte die Redaktion 150 bis 180 Thesen zu sechs politischen Themen wie Bildung oder Finanzen. Im zweiten Workshop wurden die Thesen konkretisiert und nach inhaltlichen Kriterien auf 85 Thesen reduziert. Diese wurde dann den Parteien zugeschickt. Sie wurden gebeten, die Thesen mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“ oder „neutral“ zu beantworten. Von den 29 zur Wahl zugelassenen Parteien haben 28 die Thesen beantwortet. Nur die Partei „Die Rechte“ nicht. Bei einem dritten Treffen fand die Auswertung statt. Anhand der ausgefüllten Listen wurde geschaut, welche Thesen die Parteien am besten unterscheiden. Daraus wurden dann die endgültigen 38 Thesen des Wahl-O-Mats entwickelt.

Absurde Ergebnisse

Viele Benutzer des Wahl-O-Mats wundern sich bei der Auswertung über oft absurde Ergebnisse. Da erscheinen plötzlich kleine und rechtsextreme Parteien wie die NPD weit oben in der Auswertung — also eine scheinbar hohe Übereinstimmung mit den eigenen Ergebnissen. Und das nicht etwa bei Rechtsgesinnten, sondern bei lupenreinen Demokraten, die nicht ansatzweise mit der Weltanschauung dieser Parteien übereinstimmen. Warum ist das so? Solche Übereinstimmungen hängen nach Angabe der BPB damit zusammen, dass die Mehrzahl der Thesen sachpolitische Themen zur Wahl anspricht. Bei diesen Thesen können extremistische Parteien Positionen vertreten, die mit denen anderer Parteien identisch sind. Außerdem werden die Übereinstimmungen nur angezeigt, wenn man die Partei vorher auch ausgewählt hat.

Dennoch sind solche Ergebnisse fragwürdig. Der Wahl-O-Mat soll in erster Linie Erstwählern bzw. jungen Wählern dienen, sich eine Meinung zu bilden und Parteien zu finden, die mit der eigenen politischen Meinung übereinstimmen. Gleichzeitig ist er ein gefährliches Tool für Unentschlossene, die sich auf das Ergebnis allzu sehr verlassen.

Rund 62 Millionen Deutsche dürfen am 22. September den 18. Deutschen Bundestag wählen. Auch wenn die CDU momentan deutlich vor der SPD liegt, dürfte die Wahl bis zum Schluss spannend bleiben —schon allein wegen der vielen noch unentschlossenen Wähler.

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