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Aachen: Mit Fußball, Flyer, Lasershow: Eine neue Ebene des Protests

Aachen : Mit Fußball, Flyer, Lasershow: Eine neue Ebene des Protests

Die jüngste Aktion war der größte Protest gegen die maroden belgischen Kernkraftwerke, der jemals in der Region stattgefunden hat — und zwar zwar diesseits wie jenseits der Grenzen. 21.100 Menschen hat das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie zusammen mit Fußball-Regionalligist Alemannia Aachen am vergangenen Samstag in den Tivoli gebracht — satte 15.000 mehr, als in diesen Zeiten normalerweise zu einem Heimspiel gehen.

Man kann also davon ausgehen, dass diese 15.000 Menschen nicht in erster Linie wegen des Ligaspiels gegen die Zweitvertretung des 1. FC Köln gekommen sind, sondern vielmehr, um ganz ähnlich wie bei einer Demonstration mit ihrer Anwesenheit ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen. Das Motto des Spiels: „Stop Tihange!“ Man stelle sich das nur mal vor: eine Demonstration mit 15.000 Teilnehmern in der Aachener Innenstadt!

Demonstration im Stadion: Tausende Zuschauer hielten vor dem Regionalliga-Spiel zwischen Alemannia Aachen und dem 1. FC Köln II am vergangenen Samstag Plakate mit dem Slogan „Stop Tihange!“ in die Höhe. Das Motto prangte auch auf den Trikots beider Teams. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Das Aachener Aktionsbündnis ist der Motor für den Protest gegen die belgischen Atomkraftwerke in Tihange und Doel. Und Jörg Schellenberg ist als Sprecher das Gesicht des Bündnisses und damit irgendwie auch der Kopf des Protestes.

Kämpft sachlich, aber auch hartnäckig gegen die belgischen Kernkraftwerke: der Aktivist Jörg Schellenberg. Foto: Harald Krömer

Seit mehr als fünf Jahren erläutert er bei jeder Gelegenheit mit viel Ruhe und Sachlichkeit, aber auch sehr beharrlich, warum Tihange 2 und Doel 3, in deren Druckbehältern Tausende Risse gefunden worden sind, dauerhaft abgeschaltet werden müssten. Und die restlichen insgesamt fünf Reaktorblöcke an den beiden Standorten am besten gleich mit.

Erfolgreich, aber nicht am Ziel

Schellenberg und seine Mitstreiter haben nicht nur Demonstrationen in Aachen, Tihange und Maastricht (mit-)organisiert. Sie haben Hunderttausende Unterschriften gesammelt. Sie haben Tausende Plakate und Flyer in der Region verteilt. Sie haben Informationsrunden veranstaltet und sich an öffentlichen Debatten beteiligt. Sie haben Behörden wie die belgische Atomaufsicht FANC, die Landes- und die Bundesregierung mit Fragen gepiesackt und zu Stellungnahmen gezwungen. Sie haben wissenschaftliche Konferenzen ausgerichtet und Studien (mit) in Auftrag gegeben.

Sie haben andere Organisationen und Gruppen für ihre Aktivitäten gewonnen. Sie haben die Kommunen in unserer Region dazu gebracht, sich mit Problemen zu befassen wie etwa dem Schutz der Bevölkerung im Falle eines GAUs. Und sie waren an spektakulären Aktionen beteiligt, wie erst vor wenigen Wochen an der Projektion des „Stop Tihange“-Schriftzuges auf einen der Kühltürme des Kraftwerks.

Es wäre also nicht falsch zu sagen, dass erst das Aachener Aktionsbündnis die Gefahr durch die maroden belgischen Meiler und die dringende Notwendigkeit, etwas dagegen zu unternehmen, in das Bewusstsein der Menschen gebracht hat. „Stop Tihange“ ist als Slogan in unserer Region allgegenwärtig, in Aachen gehört er quasi zum Stadtbild.

„Wir sind mit unserem Protest inzwischen auf einem sehr hohen Niveau angelangt“, sagt Schellenberg. „Die Frage ist: Wie können wir ihn noch mal steigern, damit er nicht mehr ignoriert werden kann?“ Denn Schellenberg und seine Mitstreiter haben ein Problem: Ihr Protest ist zwar erfolgreich, aber sein Ziel erreicht er nicht. Trotz aller Demonstrationen, Argumente und Petitionen hält Belgien an seinen Atomkraftwerken fest.

Schellenberg engagiert sich seit der Katastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 aktiv in der Aachener Anti-Atomkraft-Bewegung. Beruflich ist der 45-Jährige Informatiker. Ein wesentlicher Grund für seine Haltung zu Kernenergie sei auch seine Familie gewesen: „Mit Kind ist der Blick auf die Zukunft immer anders. Ich stelle mir als Vater schon die Frage, welche Welt ich hinterlassen will.“

Frustrieren lassen will sich Schellenberg von der geringen Handlungsbereitschaft auf belgischer Seite trotzdem nicht. Er hat das Vertrauen, dass der Druck, den er und seine Mitstreiter entfachen, eher größer als kleiner wird. Und dass er irgendwann so groß wird, dass die Verantwortlichen in Belgien und vielleicht auch an anderen Stellen handeln müssen.

In einer bequemen Position

Im Übrigen hat Schellenberg das Selbstbewusstsein festzustellen, dass politische Akteure — welcher Couleur auch immer — nicht unbedingt mit großer Konstanz an einem Thema bleiben. Aber er und seine Mitstreiter haben gezeigt, was man erreichen kann, wenn man genau das tut.

„Letztlich“, sagt Schellenberg aber auch, „sind wir mit unseren Aktivitäten in einer vergleichsweise bequemen Position. Wir müssen nichts Grundsätzliches mehr erkämpfen. Wir können den Boden beschreiten, der uns von Generationen von Aktivisten bereitet worden ist.“ Schellenberg denkt etwa an die Auseinandersetzungen um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in den 1980er Jahren. „Wir müssen den Demonstranten von damals dankbar sein“, sagt er.