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Aachen: Jodtabletten: Ein Schutzschild für die Schilddrüse

Aachen : Jodtabletten: Ein Schutzschild für die Schilddrüse

„Jod 131 ist nicht nur schädlich, in der Therapie von Schilddrüsenerkrankungen, gut- wie bösartigen, wird es zielgerichtet eingesetzt“, betont Professor Dr. Felix M. Mottaghy, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin in der Uniklinik der RWTH Aachen. Der Umgang mit Radioaktivität ist ihm vertraut — gleichfalls die Angst, die Menschen in der Nähe der grenznahen belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel haben.

Die Anlage ist von Aachen nur 65 Kilometer Luftlinie entfernt. Käme es zum Atomunfall, würde es nach Expertenschätzungen bei Westwind nur drei Stunden dauern, bis eine radioaktive Wolke die Aachener Region erreicht. Der belgische Reaktorblock Doel 3 liegt 150 Kilometer von Aachen entfernt.

Professor Dr. Felix M. Mottaghy, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin an der Uniklinik Aachen. Foto: Ralf Roeger

Was hat es mit den Kaliumjodid-Tabletten auf sich, die im Ernstfall eingenommen werden sollen? Schützen sie wirklich? Wen? Wie lange? Und was hat es mit der häufig benannten „Jodblockade“ auf sich?

Etwa 200 Mikrogramm Jod benötigt der Mensch pro Tag, damit die Schilddrüse die Hormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) aufbauen kann. Wachstum, Gehirnentwicklung, Knochenbildung und Energiestoffwechsel sind davon abhängig. „Die Jodtabletten, die zur Jodblockade eingesetzt werden, enthalten 65 Milligramm“, erklärt Mottaghy. „Das sind 65.000 Mikrogramm, man hat also deutlich mehr, als man normalerweise benötigt.“

Die hohe Dosis führe dazu, dass die Schilddrüse für einige Wochen „komplett gesättigt“ ist. „In diesem Zustand wird kein weiteres Jod in der Schilddrüse aufgenommen, also auch nicht das bei einem Reaktorunfall austretende radioaktive Jod 131.“

Woher weiß man das? „Aus dem medizinischen Alltag“, betont der Experte. „Jodhaltiges Kontrastmittel wird zum Beispiel bei der Computertomographie eingesetzt.“ Sechs Wochen nach solch einer Untersuchung ist die Schilddrüse noch immer „blockiert“, nimmt also kein Jod auf. „Und dabei werden bei dieser Untersuchung nur wenige Milligramm Jod eingesetzt“, sagt Mottaghy.

Warum bereitet ausgerechnet das radioaktive Jod bei einem Atomunfall so große Sorgen? „Es wird in einer Art Gasform verbreitet, andere Stoffe eher als Partikel, die sehr schnell wieder ausfallen“, sagt der Experte. Die Schilddrüse ist das einzige Organ im menschlichen Körper, das Jod verstoffwechselt. Bei Kindern ist sie besonders aktiv und empfindlich. „Sie ist strahlungssensibler, denn sie wächst noch“, erklärt der Nuklearmediziner.

Er gibt zudem zu bedenken: Ein Schaden durch Strahlung entwickelt sich unter Umständen innerhalb von 20, 30 Jahren. Die Schädigung im Kindesalter zeigt sich dann beim jungen Erwachsenen. Hier weist Mottaghy auf den Reaktorunfall im ukrainischen Tschernobyl hin. Damals stieg die Zahl der Schilddrüsenerkrankungen in Weißrussland, das in Windrichtung der atomaren Wolke lag, um 58 Prozent. Im Umkreis von Tschernobyl waren bei Kindern die Auswirkungen bereits nach fünf bis zehn Jahren zu sehen.

Nie ohne Rücksprache einnehmen

Jodtabletten als Schutzmaßnahme — aber können sie Menschen schädigen, wenn sie aus Angst falsch, zu früh oder zu hoch dosiert eingenommen werden? Der Nuklearmediziner sagt: „Eine unkontrolliert Einnahme kann tatsächlich sehr schädlich sein, das darf niemand ohne Rücksprache mit seinem Arzt tun.“ Wer bereits unter einer Schilddrüsenüberfunktion leidet oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, verschärft durch Kaliumjodid-Tabletten das Problem. Mögliche Folgen: eine Art Vergiftung durch Jod („thyreotoxische Krise“) bis hin zu Schlaganfall und Herzinfarkt.

Eine Schilddrüsenblockade könnte in solch einem Fall mehr Schaden als Nutzen bedeuten. Das ist auch der Grund dafür, warum Menschen im Alter ab 45 Jahren von der Einnahme abgeraten wird. Ein weiterer Aspekt: Die Schilddrüse wächst in diesem Alter nicht mehr so schnell. Ein Schaden, der nach Expertenmeinung 20 bis 40 Jahre später auftreten kann, wird möglicherweise gar nicht mehr erlebt. „Es ist eine Risikoabwägung“, sagt Mottaghy.

Gleichfalls Schwangere und Kleinkinder werden nach Angaben des Bundesumweltministeriums im Falle einer Gefährdung mit Jod versorgt. „Daran sollte man sich absolut halten“, sagt Mottaghy. Das Ungeborene wird durch den Blutaustausch im Mutterleib mit Hormonen und Jod versorgt. „Eine Unterfunktion beim Kind würde der Organismus der Mutter ausgleichen.“

Die Schilddrüsenfunktion wird übrigens sofort nach der Geburt beim Kind untersucht, denn eine Unterfunktion schädigt nachweislich die Entwicklung des Gehirns. Jod ist unbestritten wichtig — radioaktiv angereichertes Jod 131 sogar unverzichtbar als Therapeutikum in der Nuklearmedizin. „Aber es muss zielgerichtet eingesetzt werden”, betont Mottaghy.

Die Dosen, denen man durch einen Reaktorunfall ausgesetzt wäre, sind im Vergleich viel geringer, als die Menge Jod 131 während einer Behandlung. Die Erklärung: „Eine geringe Strahlendosis zerstört die Zelle nicht, sie regt sie zur Mutation an, und so kann Krebs entstehen“, sagt der Mediziner. „Wir nehmen hohe Dosen, die die Krebszelle zerstören.“

Er weist in diesem Zusammenhang auf die inzwischen anerkannte „Low Dose-Therapie“ hin, etwa in speziell zur Gesundheitspflege eingerichteten ehemaligen Uranstollen. Mottaghy: „Strahlung ist eben nicht nur böse, es gibt verschiedene Aspekte.“