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Glossiert: Katastrophenschutz leicht gemacht!

Glossiert: Katastrophenschutz leicht gemacht!

Sprechen wir also über Kata­strophenschutz. Oder die Katastrophen beim Katastrophenschutz. Und über Selbstschutz beim Katastrophenschutz. Als Basis nehmen wir den unwahrscheinlichen Fall an, dass sich in 65 Kilometern Luftlinie von uns entfernt ein Atomkraftwerk atomisiert und sich infolgedessen der Gesundheit abträgliche Atome auf den Weg zu uns machen.

Nennen wir diesen Meiler mal Tihange. Und nehmen wir an, die Katastrophenschützer jenseits der Staatsgrenze haben das pronto den Katastrophenschützern diesseits durchgekabelt. In etwa so: „Passt auf Leute, da kommt was auf Euch zu.“ Ist zumindest so vorgesehen. Vertrauen wir mal darauf, dass zumindest das pannenfrei fluppt.

Eigenprophylaxe

Dann mal los, sagt man sich bei den hiesigen Katastrophenschützern. Flott wird der Krisenstab zusammengetrommelt. Schritt für Schritt wird die seit Jahren akribisch für diesen Fall über maximal sechs Hierarchieebenen hinweg ausgetüftelte Maschinerie der Gegenmaßnahmen angeworfen. Und das sind einige. Wenn auch wenige. Klar ist darüber schon jahrelang diskutiert worden, was man denn so alles machen könnte.

Da haben Arbeitsgruppen getagt, sind Workshops veranstaltet worden, und es hat Bürgerinformationen gegeben. Danach war niemand wirklich schlauer. Aber das ist eben auch verdammt kompliziert und über maximal sechs Hierarchieebenen hinweg auch nicht so einfach zu entscheiden. Dass das blöde AKW nun in die Luft geflogen ist, bevor es Klarheit gibt, dafür kann ja nun keiner etwas.

Sei's drum. Völlig rechtzeitig für eine rechtzeitige Reaktion werden wir, die Bevölkerung, nun also gewarnt. Vermutlich zuerst via App. Wie? Die haben Sie noch nicht installiert? Selbst schuld. Übers Radio kommt es aber auch. Und vielleicht — sofern sich nicht die meisten Katastrophenschützer als gut informierter Kreis selber umgehend samt Kind und Kegel absetzen — per Lautsprecherdurchsagen. Achtung, Achtung: Wir sollen in unseren vier Wänden bleiben.

Und jetzt bitte keine in unserer Gegend produzierten Lebensmittel kaufen. Logisch. Wenn ich nicht vors Loch gehe, kann ich auch nichts kaufen. Überhaupt: Wo bekäme ich nichtregional produzierte Lebensmittel? Schließlich wird doch wohl kaum ein Nichtregionalproduziertelebensmittel-Lieferant so bekloppt sein und persönlich und freiwillig dem GAU entgegenfahren.

Atomunfallprophylaxeerfahrene Bürger haben sowieso längst selbst vorgesorgt und Vorräte für Monate gebunkert. Apropos: Wer pfiffig genug war, hat seinen Regenwassertank im Garten ausgebuddelt, sich im einschlägigen Fachhandel einen Minibagger geliehen, das Loch ein bisschen vergrößert und dicke Betonwände eingezogen. Fertig ist der private Katastrophenschutz.

Mit dem öffentlichen ist das ja so eine Sache. Über die weiß der Henker wo gebunkerten Jodtabletten, die sowieso nur gegen eine Art von vielen radioaktiven Teilchen schützen, breiten wir den Mantel des Schweigens. Kann eh keiner mehr hören. Einen Evakuierungsplan gibt es nicht, weil der für so weit entfernte Gebiete wie unseres schlicht nicht empfohlen wird.

Vamos a la playa

Aber auch hier kann man selber tätig werden — und zwar verblüffend einfach. Man muss sich nur einmal die Karte anschauen, die jüngst wissenschaftlicherseits veröffentlich wurde und auf der man sieht, wohin sich der ganze radioaktive Mist nach dem GAU bewegt (siehe oben). Aus Westen kommt der Wind. Entsprechend ist die Karte ostwärts des „Unfalls“ mehr oder weniger rot gefärbt. Je röter, desto größer ist die Gefahr, eine ordentliche Dosis Strahlung abzubekommen.

Wer aber genau hinschaut, der wird feststellen: In Domburg, Zoutelande, Westkapelle, ja überhaupt in den ohnehin beliebtesten Rückzugsgebieten des linksrheinischen Urlaubers, da ist alles grün, wenn in Tihange Alarmstufe Rot gefunkt wird. Strahlenrisiko in Oostkapelle? Fast null!

Ja, gut. Da steht ein paar Kilometer entfernt auch ein Atomkraftwerk. Zugegeben: Da gab es vor 20 Jahren auch mal einen ernsten Störfall. Okay, das Teil sollte dann auch bis 2004 dichtgemacht werden. Aber die Niederländer entschlossen sich, ihre einzige nukleare Stromquelle aus Umweltschutzgründen (!) noch satte 30 Jahre länger anzuzapfen. 30 Jahre! Wenn das kein Beleg für die Sicherheit ist! Die Niederländer wären nie so verantwortungslos wie die Belgier.

Also: Vamos a la playa. Sangen schon vor 33 Jahren die Jungs von Righeira nicht etwa — wie oft angenommen — in Bezug auf Sommer, Sonne, Urlaubsfreuden, sondern auf eine Atomexplosion. Lasst uns zum Strand gehen, wenn Tihange verglüht — in Vrouwenpolder, Cadzand, Renesse. Denn da strahlt nur die Sonne.

So einfach kann Kata­strophenschutz sein!