Aachen/Huy: Atomaufsicht: Risse werden nicht größer und nicht mehr

Aachen/Huy : Atomaufsicht: Risse werden nicht größer und nicht mehr

Es ist die entscheidende Frage: Sind die Risse in den belgischen Atommeilern Tihange2 und Doel3 bei der Herstellung der Druckbehälter entstanden oder während des Betrieb?

Eine Antwort darauf wird es nie geben können, weil man den Reaktor aufschneiden müsste, um entsprechende Untersuchungen durchzuführen. Zumindest aber fühlt sich der Betreiber der beiden Atomkraftwerke durch neue Tests bestätigt: Ultraschalluntersuchungen haben ergeben, dass sich weder die Zahl noch die Größe der Risse oder Wasserstoffflocken in Tihange 2 verändert hat.

Das teilte Mélanie Boulanger, Sprecherin der belgische Atomaufsichtsbehörde FANC (Federaal Agentschap voor Nucleaire Controle), unserer Zeitung am Montag mit. Die Analysemethoden seien strengen Regeln unterworfen, so Boulanger.

Betreiber Engie-Electrabel vertritt seit jeher die Theorie, dass die Risse nicht mehr oder größer werden und somit auch keine Gefahr darstellen. Die Risse seien auf Wasserstoff-Einschlüsse bei der Herstellung zurückzuführen. „Die Untersuchungen bestätigen das, was wir der FANC schon in unserem Sicherheitsdossier aufgezeigt haben“, sagte Anne-Sophie Hugé, Sprecherin bei Engie-Electrabel, am Montag gegenüber unserer Zeitung. „Die Fakten sprechen für uns.“ Das Unternehmen hatte nachweisen müssen, dass die beiden Reaktoren sicher sind, nachdem die FANC im März 2014 das Abschalten der beiden betroffenen Meiler verfügt hatte.

2012 wurde bekannt, dass es Risse in den Druckbehältern von Doel 3 bei Antwerpen und Tihange2 bei Huy gibt — Luftlinie 60 Kilometer von der Aachener Stadtgrenze entfernt. Bei Ultraschalluntersuchungen wurden 8000 dieser Defekte in Doel und 2000 in Tihange entdeckt. Im Februar 2015 korrigierte die FANC die Zahl der Risse nach oben: 3149 in Tihange, 13.047 in Doel. Kurze Zeit später wurden neue Zahlen zur Größe der Risse bekannt. Statt der bislang angegebenen maximalen Länge von 2,4 Zentimetern war von neun Zentimetern die Rede. „Die Risse sind nicht größer geworden, sie wurden jetzt nur präziser per Ultraschall untersucht“, sagte Hugé.

Nachdem die FANC im November 2015 das Wiederanfahren der beiden Reaktoren erlaubt hatte, verpflichtete sich Engie-Electrabel dazu, weitere Ultraschalluntersuchungen durchzuführen. Das sei nun planmäßig geschehen, sagte FANC-Sprecherin Boulanger. Bei Doel 3 seien die Untersuchung bereits im Dezember 2016 abgeschlossen, bei Tihange 2 gerade erst beendet worden, erklärte Hugé. Aus diesem Grund sei Tihange 2 auch nicht am Netz. Gegen das planmäßige Wiederanfahren habe die FANC nichts einzuwenden. Man werde die beiden betroffenen Reaktoren aber weiter im Blick halten, so Boulanger.

Unterdessen bemängelte die Atomaufsicht aber die Sicherheit der Meiler Doel 1 und Doel 2. Engie-Electrabel erhält für diese beiden Meiler noch nicht das sogenannte Sicherheitszertifikat (agrément de sécurité). Gemeint ist hier die äußere Sicherheit der Anlage. Seit 2011 gelten in Belgien bestimmte Vorschriften, dahinter steckt die Sorge vor einem Terror-Attentat auf eine atomare Einrichtung. Nach wie vor werden die AKW rund um die Uhr von Soldaten bewacht. In Tihange und Doel müssen mehrere Auflagen erfüllt werden. „Wir haben einen enormen Fortschritt festgestellt, aber nicht alle Anforderungen werden erfüllt“, sagte Boulanger. Überhaupt gehe es darum, insgesamt eine Sicherheitskultur bei den diversen Einrichtungen zu etablieren.

Engie-Electrabel sei sich der Herausforderung bewusst, sagte Hugé. Für Doel 1 und 2 bekäme man das Zertifikat außerdem nur noch nicht, weil dort gerade Bauarbeiten stattfänden. Sobald diese beendet seien, gäbe es kein Problem mehr. Alles Formsache also.

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