Aachen: Anti-Tihange-Aktion: Ein bisschen Ärger um die Menschenkette

Aachen : Anti-Tihange-Aktion: Ein bisschen Ärger um die Menschenkette

Jörg Schellenberg ist optimistisch, dass die Menschenkette am Sonntag gelingt, dass sich Zehntausende Menschen von Aachen über Maastricht und Lüttich bis Tihange an den Händen halten werden, um gegen den umstrittenen belgischen Meiler Tihange 2 zu demonstrieren. Schließlich haben sich schon 30.000 Menschen angemeldet.

In den vergangenen Monaten war der Sprecher des Aachener Aktionsbündnisses beinahe nur mit der Organisation der 90 Kilometer langen Menschenkette befasst. Mitunter hat sich das Aktionsbündnis etwas alleingelassen gefühlt. „Es ist wirklich eine Graswurzelbewegung“, sagt Schellenberg. Abgesehen von der bundesweit aktiven Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“ stehe man recht alleine da, sagt er. Das habe man sich anders gedacht, aber „das wertet unsere Aktion eigentlich noch auf“.

Die großen Umweltschutzorganisationen setzen ihren Fokus woanders. Zwei der großen Player haben eine Erklärung dafür. „2017 ist ein Jahr mit etlichen Protesthöhepunkten. Da muss man Prioritäten setzen“, sagt Dirk Jansen vom BUND NRW unserer Zeitung. Mit G20 am 7. und 8. Juli in Hamburg, einer riesigen Anti-Braunkohle-Aktion und der UN-Klimakonferenz COP23 im November in Bonn gebe es drei wichtige Termine in diesem Jahr.

Es sei eine Entscheidung des Bundesverbandes gewesen, nicht alles, was man an Material und Finanzen habe, in die Menschenkette „reinzubuttern“. Der BUND hat seine Mitglieder aber bundesweit dazu aufgerufen, sich an der Menschenkette zu beteiligen, Die Resonanz für das „ambitionierte Projekt“ sei gut. „Der BUND ist in der Anti-Atom-Bewegung entstanden, natürlich steht das oben auf unserer Agenda.“

Bei Greenpeace ist es ähnlich. Andere Projekte stünden mehr im Fokus, sagt Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie. Man rufe aber in Sozialen Netzwerken zu der Beteiligung auf, auch er selbst sei vor Ort. „Es ist manchmal bitter, dass man als Atomkraftgegner nicht immer aus den Vollen schöpfen kann“, sagt er und verweist auch auf G20.

Scheitern könnte die Menschenkette, wenn nicht genug Menschen kommen und wenn sich Teilnehmer nicht an den ihnen zugedachten Orten einfinden, sagt Schellenberg. Genau darüber hatte es im Vorfeld Ärger gegeben. Wer wo steht, ist von den Organisatoren genau festgelegt. Das Streckenkonzept teilt die Menschen je nach Wohnort einem bestimmten Punkt zu. Wer aus Aachen-West kommt, soll sich etwa in Engis aufstellen. Eine Liste findet sich auf der Homepage des Aktionsbündnisses. Nur wenn sich die Teilnehmer weitläufig verteilen, kann eine Kette zustande kommen. Andernfalls könnte es sein, dass sich Menschen an bestimmten Orten konzentrieren, andere Teile der Strecke leer bleiben.

Das Aachener Aktionsbündnis ärgert sich in diesem Zusammenhang über die Grünen. Die Partei organisiert Busfahrten, von denen ein großer Teil nach Visé geht. „Gerade die Grünen sollten doch Vorbild sein“, sagt Schellenberg. Dass sie sich nicht an das Streckenkonzept halten, sei ärgerlich. „Ein Dammbruch.“ Das hatte das Aktionsbündnis auch in einem Brief bei Facebook kritisiert. „Jede Ausnahme verleitet andere dazu, sich ebenfalls nicht an diese wichtigen Vorgaben zu halten“, heißt es da.

Die Organisatoren redeten mit Engelszungen auf Menschen ein, die sich für die Menschenkette anmelden, sich bitte an den nach Wohnorten zugeteilten Orten einzufinden, da könne man den Grünen keine Sonderrolle zugestehen, sagt Schellenberg. Auch Marlies Schmidt aus Wegberg, die bei der Organisation der Menschenkette hilft, ärgert sich und wähnt die Grünen gar im Wahlkampfmodus.

Die Grünen hätten ursprünglich gerne einen kompletten großen Abschnitt der Menschenkette übernommen, den sie hätten füllen wollen. Das Aktionsbündnis habe diese Idee aber abgelehnt. „Unsere Mitglieder möchten natürlich gern zusammen stehen und zusammen Flagge zeigen“, sagt der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne). „Es wäre aus organisatorischen Gründen nicht praktikabel, jeden an dem ihm zugedachten Ort abzuliefern“, sagt Krischer.

Aufgrund der Kritik des Aktionsbündnisses haben sich die Grünen aber — obwohl es die Mitglieder lieber anders gehabt hätten — dazu entschlossen, nicht alle 20 Busse nach Visé fahren zu lassen. „Wir stellen meines Wissens mehr als die Hälfte der Busse, die überhaupt kommen“, sagt Krischer. Man könne den Grünen wirklich nicht vorwerfen, die Menschenkette zu sabotieren. Sechs Busse fahren nach Visé. Die anderen 14 an Stellen, die dem Streckenkonzept entsprechen.

Krischer: „Ich hoffe sehr, dass die Aktion klappt. Aber sollte es nicht klappen, sind das sicher nicht die Grünen Schuld.“ Ähnlich sehen es die Mitglieder der Initiative „3 Rosen“. Auch sie werden aus Aachen nach Visé fahren und dafür kritisiert.