Mönchengladbach: Tagung zur Glasmalerei: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

Mönchengladbach : Tagung zur Glasmalerei: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

„Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Diese häufig benutzte Sottise weist auf eine Irritation hin, der künstlerische Arbeiten hin und wieder ausgesetzt sind. Andererseits ist schon viel gewonnen, wenn die Frage überhaupt auftaucht; oftmals wird sie nämlich erst gar nicht gestellt. Die Kunst ist dann schnell weg.

Mit diesem Problem müssen sich jene auseinandersetzen, die Kulturgut schützen müssen oder wollen, insbesondere, wenn die Kunstwerke zerbrechlich sind — wie in der Glasmalerei.

Rettung von Glasfenstern: Was für die Fenster im Immerather Dom (li. u. o. re.) bei dessen Abriss im Januar nicht gelang, glückte bei den Fenstern (re. u.) in der Geilenkirchener Kirche St. Josef kurz vor der angeblich unvermeidlichen Zerstörung. Foto: Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts

Hier engagiert sich die Europäische Akademie für Glasmalerei in Mönchengladbach, in der sich Annette und Ernst Jansen-Winkeln darum kümmern, dass künstlerisch gestaltete Fenster in kirchlichen wie profanen Bauten registriert und notfalls gerettet werden — bestenfalls erhalten bleiben. Sie luden jetzt zu einer Tagung ein, an der Kunsthistoriker, Archäologen, Konservatoren sowie Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche teilnahmen.

„Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Die Experten stellten — mal mehr, mal weniger deutlich — mangelndes Interesse an dieser Frage fest. Bei Verantwortlichen in Pfarrgemeinden, Bistümern, Landeskirchen oder Kommunalverwaltungen vermissen sie häufig das notwendige Bewusstsein für künstlerische Belange, erst recht, wenn es sich um Glasmalerei aus den 50er und 60er Jahren handelt. Was vor gar nicht langer Zeit von Städten oder Pfarrgemeinden in Auftrag gegeben wurde, was Stifter oder Spender bezahlten, was einem sakralen oder profanen Raum besonderes Licht und eine jeweils einzigartige Atmosphäre gab, werde auf einmal übersehen, missachtet und der Zerstörung preisgegeben. Der Bund fühlt sich nicht zuständig; dass das Land genug tut, wird bezweifelt. Wer also schützt das Kulturgut?

Dass Glaskunstwerke erhalten bleiben, ist tatsächlich häufig privaten Initiativen zu verdanken. Annette Jansen-Winkeln hat mittlerweile rund 650 Glasarbeiten — aus Kirchen- und Profanbauten — gerettet und in einem Depot in Mönchengladbach gelagert. Das alles geschieht auf eigene Kosten; unterstützt werden sie und ihr Mann nach eigener Aussage nicht. Einer ihrer letzten Einsätze fand in Erkelenz-Immerath statt, als dort im Januar die Abrissbagger anrückten, um die Kirche St. Lambertus niederzulegen und Platz für den Braunkohletagebau zu schaffen. Ein gutes Dutzend von mehr als 40 Fenstern mit Glasmalerei wurden noch kurz vor Schluss ausgebaut. Niemand hatte sich sonst vorher darum gekümmert.

Wenn es einmal gelingt, Glasfenster an einen anderen Ort zu vermitteln — so von einem Kloster in Roermond zu einer Kirche in Brandenburg, ist das eine seltene Ausnahme. Die allermeisten Arbeiten bleiben auf unabsehbare Zeit im Depot. Jansen-Winkeln lässt sich davon nicht bremsen. Zunächst sei es wichtig, die Werke vor der Vernichtung zu bewahren. „Je mehr zerstört wird, umso wertvoller werden sie“, sagt sie unserer Zeitung und spricht von einer gewissen Schutzzeit, nach der künftige Generationen den Wert dieser Kunst wieder neu entdecken und zu schätzen wissen. Seit 2004 hat Jansen-Winkeln mit ihrer Forschungsstelle Glasmalerei 100000 Glasmalereien in Nordrhein-Westfalen, dem niederländischen Limburg und in Luxemburg dokumentiert und verzeichnet — in Domen, Dorfkirchen, Rathäusern, Schulen und Industriebauten.

„Es ist mehr möglich, als man manchmal denkt; man muss es nur tun“, sagt der Aachener Rechts- und Sozialwissenschaftler Peter Roggendorf unserer Zeitung. Ihm gelang es im Februar, wertvolle Fenster des Glasmalers Ludwig Schaffrath in der Kirche St. Josef in Geilenkirchen-Bauchem in letzter Minute vor dem Müll-Container zu bewahren. „Es war sehr knapp. Ich musste aus dem Urlaub zurückkommen, um zu verhindern, dass die Fenster zerstört werden.“ Ein Teil davon konnte in andere Gebäuden eingebaut werden.

Aachener Erfolgsgeschichte

Dadurch, dass die Bistümer immer öfter vormals selbstständige Pfarrgemeinden zu einer Pfarrei zusammenlegen, stehen immer mehr Kirchen zur Disposition. Deren Erhalt hängt ab von finanziellen Erwägungen der Pfarreien und Bistümer, gegen die im juristischen Ernstfall selbst der Denkmalschutz nicht ankommt. Martin Struck, Kölner Erzdiözesanbaumeister, sieht da durchaus eine Welle auf die Kirche zukommen. „Der Stil der 50er, 60er oder 70er Jahre ist bei den meisten Menschen nicht besonders beliebt“, sagt er unserer Zeitung.

Glaskunst aus dieser und auch älterer Zeit hat es auch in nichtkirchlichen Gebäuden schwer — in Rathäusern, Schulen, Sporthallen und privaten Häusern. Die Bonner Kunsthistorikerin Hiltrud Kier berichtete, wie schwierig es gewesen sei Ausstattungen im Kölner Rathaus, dem WDR-Funkhaus und im Gürzenich zu erhalten; in vielen anderen Fällen sei es nicht gelungen. Martin Bredenbeck vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege nannte den Umbau des vormaligen Jesuitenklosters St. Alfons in Aachen zu einem Bürobau eine Erfolgsgeschichte; Glaskunst sei erhalten und gut integriert worden.

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