Täter bei Zugriff verletzt: Terroranschlag möglich

Kölner Hauptbahnhof wieder freigegeben : Terroristischer Hintergrund bei Geiselnahme nicht ausgeschlossen

Ein Mann zündet im Schnellrestaurant einen Molotowcocktail und verschanzt sich mit einer Geisel in einer Apotheke. Dann schlägt die Polizei zu. Nach dramatischen Stunden am Kölner Hauptbahnhof schließen die Ermittler nicht aus, dass es ein versuchter Terroranschlag war.

Über rund zwei Stunden hatte sich der Täter mit der Frau in dem Ladengeschäft verschanzt. Gegen 15 Uhr beendete die Polizei die Geiselnahme. Der Mann erlitt bei der Befreiungsaktion schwerste Verletzungen, er musste nach Polizeiangaben wiederbelebt werden. Auf welche Weise und von wem er verletzt wurde, sagte die Polizei zunächst nicht.

Auch ein unbeteiligtes Mädchen wurde laut Polizei vom Täter schwer verletzt, die als Geisel genommene Frau habe er leicht verletzt. Einzelheiten zum Täter oder zu den Hintergründen wurden auch Stunden nach der Tat nicht bekannt.

Zugverkehr am Hauptbahnhof eingestellt

Der Zugverkehr an dem Verkehrsknotenpunkt wurde über Stunden eingestellt. „Die Polizei hat den Hauptbahnhof komplett gesperrt, dementsprechend werden die Züge großräumig umgeleitet - das gilt für den Fernverkehr“, sagte eine Sprecherin von DB NRW. „Sämtliche RE-Linien und S-Bahnen werden umgeleitet und oder enden vorzeitig“, schrieb die Bahn zudem auf Twitter.

Starke Polizeikräfte haben rund um den Kölner Hauptbahnhof Position bezogen. Foto: dpa/Oliver Berg

Züge wurden weiträumig umgeleitet. Einige Züge endeten vorzeitig. Da auch die Schnellstrecke nach Frankfurt nach einem ICE-Brand gesperrt ist, stand nahezu der komplette Bahnverkehr rund um Köln still. Das Unternehmen geht davon aus, dass eine dreistellige Zahl an Zügen von der stundenlangen Sperrung des Bahnhofs betroffen war. Andere Haltepunkte in Köln wie der Deutzer Bahnhof waren weiter erreichbar.

Auch nach dem Ende der Geiselnahme blieb der Verkehrsknotenpunkt zunächst noch für den Verkehr gesperrt. „Die Polizei hat den Bahnhof noch nicht freigegeben“, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn NRW am Nachmittag.

Ein Großaufgebot an Polizei- und Rettungskräften war am frühen Nachmittag im Zentrum der Millionenstadt zusammengezogen worden. Die Polizei appellierte auf Twitter: „Bitte meiden Sie den Bereich.“ Der gesamte Bahnhofskomplex wurde evakuiert.

Berichte über Schüsse im Bahnhof

Erste Notrufe vom Bahnhof hatten die Polizei am Mittag erreicht. Dort war zunächst nur von einer „Bedrohungslage“ in einer Apotheke die Rede. Zeugenaussagen über Schüsse oder Rauch bestätigte die Polizei zunächst nicht.

Hunderte von Menschen warten rund um den gesperren Komplex. Foto: dpa/Oliver Berg

Der Vorplatz des Hauptbahnhofs zum Dom wurde gesperrt und gesichert. Auch den Breslauer Platz an der Rückseite des Bahnhofs, an dem die Apotheke liegt, sperrten Einsatzkräfte großräumig ab.

Spezialeinsatzkräfte sammelten sich dort und bereiteten sich auf den Zugriff vor. Im Kurznachrichtendienst Twitter warnte die Polizei: „Bitte meiden Sie den Bereich.“

Zur Klärung der genauen Abläufe der Tat hat die Polizei Köln ein Hinweisportal eingerichtet. Zeugen werden gebeten, unter nrw.hinweisportal.de sachdienliche Fotos und Videos hochzuladen.

Bahnverkehr läuft wieder

Mehrere Stunden nach dem Ende der Geiselnahme ist der gesperrte Kölner Hauptbahnhof wieder freigegeben worden. Das twitterte die Deutsche Bahn am Montagabend.

Es komme aber weiterhin zu Verspätungen rund um den viel befahrenen Schienenknotenpunkt. Nach Schätzungen der Deutschen Bahn NRW waren Hunderte Züge von der stundenlangen Sperrung betroffen.

Molotowcocktail und Gaskartuschen vom Täter benutzt

Der Geiselnehmer vom Kölner Hauptbahnhof hat einen Molotowcocktail in einem Bahnhofsrestaurant gezündet. Dadurch sei ein 14-Jähriges Mädchen verletzt worden, teilte die Polizei am Montagabend mit. Sie habe Brandverletzungen erlitten und befinde sich im Krankenhaus. Die Sprinkleranlage löste aus. Das habe den Täter wohl unter anderem dazu veranlasst, das Restaurant zu verlassen.

Die Rettungskräfte vor Ort mussten sich um ein unbeteiligtes Opfer und ein weibliche Geisel kümmern. Foto: dpa/Marius Becker

Bei der Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof soll der mutmaßliche Täter auch mehrere Gaskartuschen genutzt und in der Apotheke im Hauptbahnhof gelagert haben. Es seien blaue Campinggaskartuschen und Brandbeschleuniger gefunden worden, von denen einige mit Klebeband verbunden gewesen seien, sagte ein Polizeisprecher am Montagabend bei einer Pressekonferenz in Köln.

Nach zwei Stunden stürmte ein Spezialeinsatzkommando die Apotheke, verletzte den Geiselnehmer durch Schüsse schwer und befreite die Geisel, die leichte Verletzungen erlitt. Eine weitere Person im Schnellrestaurant erlitt einen Schock.

Terroristischer Hintergrund nicht ausgeschlossen

Die Kölner Polizei schließt nach der Geiselnahme im Kölner Hauptbahnhof einen terroristischen Hintergrund nicht aus. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagte eine Polizeisprecherin am Montagabend in Köln. „Im Zusammenhang mit dem Betreten der Apotheke soll er Passanten zufolge auch gerufen haben, dass er zur Terrorgruppe Daesh gehört“, sagte Einsatzleiter Klaus Rüschenschmidt am Montagabend. Weitere Hinweise dazu gebe es aber nicht. „Daesh“ ist der arabische Name für die Terrormiliz Islamischer Staat.

Nach der Kölner Geiselnahme sind am Tatort einer Bahnhofsapotheke laut Kriminalpolizei Papiere eines 55 Jahre alten Syrers gefunden worden. Demnach habe der Besitzer dieser Papiere eine Duldung bis Mitte 2021 erhalten. Der Geiselnehmer sei mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ der Passinhaber. Die Ermittler betonten gleichzeitig, dass die Identität des Täters aber noch nicht eindeutig geklärt sei. Der Inhaber des Aufenthaltstitels sei seit 2016 relativ umfangreich wegen verschiedener Delikte wie Diebstahl und Bedrohung bekannt.

Ermittlungen aufgenommen

Die Staatsanwaltschaft Köln hat ein Ermittlungsverfahren wegen versuchten Mordes und Körperverletzung gegen den Geiselnehmer im Kölner Hauptbahnhof eingeleitet. Das teilte eine Sprecherin der Behörde am Montagabend mit.

Klaus Rüschenschmidt, Einsatzleiter der Polizei Köln, und Miriam Brauns, stellvertretende Kölner Polizeipräsidentin, sitzen bei einer Pressekonferenz. Polizei und Staatsanwaltschaft äußerten sich zur Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof. Foto: dpa/Marius Becker

Der Kölner Geiselnehmer soll nach Angaben der Polizei freien Abzug gefordert haben. Er habe außerdem einen Koffer und eine Reisetasche verlangt, sagte der leitende Polizeidirektor Klaus Rüschenschmidt am Montag in Köln. Koffer und Tasche habe er zuvor im Café eines Schnellimbisses liegen gelassen, in dem er einen Brandbeschleuniger gezündet hatte. Zudem habe der Mann die Freilassung einer Tunesierin gefordert. Weitere Details seien nicht bekannt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Polizei beendet Geiselnahme am Kölner Hauptbahnhof

(red/dpa)
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