Aachen: Täglich eine teure Plage in Aachen: Wilder Müll nervt

Aachen : Täglich eine teure Plage in Aachen: Wilder Müll nervt

Wie romantisch: Luftballons steigen auf, kleine Wunschzettel hängen am Nylonfaden. Irgendwann sind sie aus dem Blickfeld verschwunden. Hochzeitspaar oder Geburtstagskind denken nicht mehr daran — doch die Gummifetzen und besonders die Schnur sind alles andere als Glücksbringer für eine Umwelt, die langsam zur Müllhalde verkommt.

„Immer wieder müssen Kühe geschlachtet werden, weil sie Reste von Luftballons fressen“, sagt Richard Bolling, Leiter der Unteren Wasserschutzbehörde in der Städteregion Aachen. Im Naturschutzgebiet rund um den Blausteinsee beobachten er und seine Mitarbeiter, wie diejenigen, die mit dem Picknickkorb kommen, um „schöne Natur“ zu genießen, diesen Ort vermüllt verlassen. „Besonders schlimm sind die Nylonfäden der Ballons“, erklärt Bolling. Sie verrotten nicht, bleiben in den Büschen und Bäumen hängen, wo sie sich um die Beine von Vögeln wickeln können. Und die verenden dann elendig.“

Unermüdlich: Heiko Hartleb (von rechts) und Petra Mahr, Büro für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement der Stadt Aachen. Zusammen mit Rita Klösges vom Presseamt haben sie in diesem Jahr zum achten Mal eine große Frühjahrsputz-Aktion im Stadtgebiet organisiert. Säcke und Handschuhe wurden bereitgestellt. Foto: Ralf Roeger

Vereine wie Taucher und Angler gehören zu den aktiven Aufpassern für diesen Bereich, das Technische Hilfswerk und weitere Ehrenamtler unterstützen die Frühjahrsaktion — insgesamt 30 Helfer. Aber das reicht nicht aus. Für Barbara Schilling, stellvertretende Leiterin des Umweltamtes der Städteregion und zuständig für den Betrieblichen Umweltschutz, sind besonders die Schrottautos, die auf den Grundstücken der Besitzer vor sich hin rosten, ein Problem, bei dem sie nachforscht, nachfragt und versucht, bei den Verursachern Verständnis zu finden.

Oft an Straßenecken: Gelbe Säcke, in denen jede Art von Müll steckt, Plastiktüten aus dem Supermarkt, blaue Säcke und mehr. Wolfgang Hubrich und Joanna Corban-Hansen vom Aachener Stadtbetrieb packen gemeinsam an. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

„Autos müssen fachgerecht demontiert werden“, sagt sie. „Das passiert aber nicht.“ Dem Entsorgungshinweis folgt in manchen Fällen ein Bußgeldbescheid. „Zwangsgeld ist keine gute Lösung, die Keule der Ordnungsverfügung packe ich selten aus“, meint Barbara Schilling, die in letzter Konsequenz die Staatsanwaltschaft um Unterstützung bitten muss. Benzin, Kältemittel, Batterieflüssigkeit — all das kann vom Autowrack unmittelbar ins Grundwasser sickern. Selbst eine „Umwidmung“ muss nachgewiesen werden, wenn der VW-Bulli zum Beispiel zum Hühnerstall mutiert. Darf man auf dem eigenen Grundstück nicht alles tun, was man will? Nein, sagen die Behörden. Im Gegenteil: „Eigentum verpflichtet!“, betont Barbara Schilling, Der wilde Müll — ein wachsendes Problem.

Svenja Dohlen (links), Fachbereich Personal und Organisation, hat mit Azubis der Aachener Stadtverwaltung beim Frühjahrsputz am Johannes-Ernst-Platz, Kronenberg, mitgemacht. Insgesamt waren 22 junge Leute dabei. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Rücksichtslosigkeit wird größer

Die schmutzige Ausbeute eines kurzen Vormittags: Immer wieder sind Mitarbeiter des Stadtbetriebs Aachen mit ihren Sammelfahrzeugen unterwegs, um wilden Müll in der Landschaft aufzuspüren. Oft kennen sie „beliebte“ Ablageorte, vielfach werden sie aus der Bevölkerung darauf aufmerksam gemacht. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Die Zahl der erfolgreichen Initiativen gegen die Verschmutzung ist groß, die Rücksichtlosigkeit der Müll-Sünder wird jedoch deutlich größer. Und seit man für den Sperrmüll eine Gebühr zahlen muss, steigt beständig die Zahl von Schränken, Betten, Sofas, Teppichen und Matratzen, die ins Grüne geworfen werden — häufig in Kombination mit Beuteln, die in den Hausmüll gehören. Viele Bürger wollen gegensteuern, haben Ideen, klären auf. So hatte die Feuerwehr Würselen mit dem Löschzug Mitte zusammen mit ihrer Jugendfeuerwehr per Facebook eine Aktion ausgeschrieben. Unter #trashchallenge wurden Bilder von vermüllten Orten gepostet und drei Partner „nominiert“, die tatsächlich aktiv wurden.

Nicht angemeldet: Dieses große Sofa stand lange Zeit vor einem Haus in Aachen — niemand hatte den Sperrmüll bestellt — offensichtlich, um die Gebühr zu sparen. Foto: Imago/Westend61

Frühjahrsputz-Aktionen mobilisieren in vielen Städten umweltbewusste Bürger. In Schulen und Kitas wird gebastelt, gemalt und Müll getrennt. Doch eine Million Euro jährlich kostet es noch immer zum Beispiel die Stadtkasse in Aachen, das einzusammeln, was andere irgendwo fallenlassen oder heimlich als Wagenladung abkippen, etwa Bauschutt. „Sauberkeit ist für die Bevölkerung Lebensqualität“, betont Dieter Lennartz, Geschäftsbereichsleiter Abfallwirtschaft und Stadtreinigung. „Müll schadet dem Image einer Stadt.“ 2017 zählte man allein in diesem Stadtgebiet 2300 wilde Müllstellen, die von der „schnellen Eingreiftruppe“ beseitigt wurden.

Recherchieren oft gemeinsam: Barbara Schilling, Ordnungsamt der Städteregion Aachen, und Richard Bolling, Leiter der Unteren Wasserschutzbehörde. Foto: Ralf Roeger

Zur harten Arbeit kommt eine Tatsache, die Lennartz verstärkt registriert: „Wir haben keine Chance auf Anerkennung! Sauberkeit ist selbstverständlich, Schmutz und Müll wird uns als Versäumnis vorgeworfen.“ Wo er und seine Mitarbeiter sehr vorsichtig werden: Wenn Spritzen, Tierkadaver und Kanister mit irgendwelchen Flüssigkeiten im Gebüsch liegen. „Das muss von Experten geräumt werden“, sagt Lennartz.

Bildnummer: 60516273 Datum: 10.09.2013 Copyright: imago/Olaf Wagner Grosser Schlag gegen die Drogen Kriminalität in Berlin. Rund 300 Beamte waren Dienstag Morgen im Einsatz in verschiedenen Berliner Bezirken. Unter anderem wurde in Haselhorst eine Grünanlage durchsucht und Dealer festgenommen, auch in der Reinickendorfer Scharnweberstrasse 37 wurde ein Lokal durchsucht und ein Fahrzeug sichergestellt in dessen Kofferraum ein Paket mit rund 2 kg einer noch unbekannten Substanz war. Dabei könnte es sich um Drogen handeln. Bild-Motiv: überall liegen Spritzen in der Grünanlage in Haselhorst rum ( Gesellschaft Kriminalität Razzia Drogenkriminalität Drogenbekämpfung Polizei Polizeieinsatz xdp x0x 2013 quer 10.09.13 10.09.2013 Polizei Polizeieinsatz Polizisten Razzia Drogen Drogenrazzia Durchsuchungen Durchsuchung Drogenkriminalität Drogenkriminalität 60516273 Date 10 09 2013 Copyright Imago Olaf Wagner grand Blow against the Drugs Crime in Berlin Around 300 Officials Were Tuesday Tomorrow in Use in different Berlin Districts under others was in Haselhorst a Green plant searched and Dealer arrested too in the Reinickendorfer Scramble for Weber road 37 was a Local searched and a Vehicle ensured in it Trunk a Package with Around 2 KG a yet Unknown Substance was here could it to to Drugs Action Picture Motif Overall lie Syringes in the Green plant in Haselhorst RUM Society Crime Raid Drug-related crime Drugs Police Police use XDP x0x 2013 horizontal 10 09 13 10 09 2013 Police Police use Policemen Raid Drugs Drug raid Searches Search Drug-related crime Drug-related crime. Foto: Imago/ Olaf WagnerGrosser

„Sauberes Alsdorf“

„Es gibt nichts, was man nicht los wird“, zeigt Stephan Spaltner, Betriebsleiter des Eigenbereichs Technische Dienste der Stadt Alsdorf, keinerlei Verständnis für Verursacher des wilden Mülls. Ständig ist einer seiner Mitarbeiter unterwegs, um Müll zu entdecken und einzusammeln, denn: Wo einmal jemand etwas hingeworfen hat, kommt rasch mehr dazu, und da kann sogar schon mal ein Surfbrett dabei sein. „Sauberes Alsdorf“, eine Aktion, mit der man hier motivieren und aufklären will, besonders an den Grundschulen.

In der Aktionswoche „Sauberes Alsdorf“ kommt man auf bis zu acht Tonnen Unrat. Jährlich wird der Etat der Stadt durch wilden Müll mit 650.000 Euro belastet. Seit gut zehn Jahren beobachtet Spaltner die Situation. „Die Probleme sind latent, und sobald Essensreste da sind, kommen die Ratten aus den Kanälen.“ Mülltrennung und Recycling sind für ihn ein großes Thema.

In Heinsberg versucht Wilfried Palmen, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Bauverwaltung, mit seinen Mitarbeitern aus dem Bereich Abfallwesen, zu erforschen, warum Bürger immer wieder (Tendenz steigend) ihren Abfall in die Landschaft oder auf die Straße werfen und in öffentliche Mülleimer stopfen. „Wir haben das Volumensystem, jeder Haushalt kann pro Kopf 13 Liter pro Woche entsorgen. Das kann man durch Kompostierung oder eine Biotonne reduzieren.“

Rund zehn Tonnen Müll

Der wilde Müll nimmt auch hier zu. Warum? „Bequemlichkeit“, konstatiert er. „Manche Leute kommen aus dem Supermarkt oder steigen in ihren Bus und werfen Verpackungen oder Dosen hin. Unbeobachtete Plätze sind am stärksten betroffen.“ Zwei seiner Mitarbeiter sind permanent damit beschäftigt, solchen Abfall aufzuspüren. Das bürgerschaftliche Engagement, die Vereine oder die örtlichen Gruppierungen, die Frühjahrsputz- und „Weg mit dem Dreck“-Kampagnen lassen ihn hoffen. „Ich finde es interessant, dass da sogar neue Sachen entstehen. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe, die Lauftraining und Müllsammeln verbindet, man nennt es Plogging, eine Idee aus Skandinavien.“

In Eschweiler ist es der Marathon-Club, der sich um den Stadtwald kümmert und dort allein in seiner diesjährigen Aktion 17 große Müllsäcke mit Flaschen, Windeln, alten Kleidern und Automüll gefüllt hat . In Monschau-Höfen haben die Anwohner den Schwanenweiher, wo die Tiere durch den Müll akut gefährdet sind, von Küchenabfällen, Plastiktüten, Flaschen und Dosen befreit.

Rund zehn Tonnen Müll kommen auf die Waage, wenn in Aachen der „Frühjahrsputz“ ansteht, wie Petra Mahr, Leiterin des Büros für Ehrenamt und ehrenamtliches Engagement, berichtet. Rund 6000 Anmeldungen hatten sie und Kollege Heiko Hartleb diesmal auf der Liste. „Wir wollen bei Jugendlichen und Kindern mehr Bewusstsein für den Müll schaffen, in den Schulen gibt es Projektwochen, da kommt der Müll sogar in Diktaten und beim Rechnen vor“, erzählt sie.

Mit welchen Mengen man es beim wilden Müll in einer Gemeinde zu tun haben kann, dokumentiert die Stadt Geilenkirchen: 2014 waren es 30 Tonnen, 2015 „nur“ 21 Tonnen, danach wieder 26 (2016) und 24 (2017) Tonnen. „Bei uns gibt es das Gewichtsgebührensystem“, erklärt Daniel Görtz, als Amtsleiter der Kämmerei zuständig für alle Probleme rund um den Müll und dessen Beseitigung. Hier haben die Müllfahrzeuge eine Waage und jeder Müllbehälter hat einen Chip, der dafür sorgt, dass man genaue Mengen ermitteln kann. Vielfach findet man an Straßenrändern und in Grünanlagen Autoreifen und Farbkanister. Übrigens: Es gibt sogar bereits einen modernen Begriff für das Produzieren von wildem Müll: „Littering“.

Wie soll das weitergehen? Manuela Staaks, Abfallberaterin und Leiterin der Stadtreinigung in Aachen, gibt nicht auf. Im Rahmen der Aachener Initiative „Rettung für das Ostviertel“ wird hier seit kurzem nicht nur dreimal in der Woche, sondern an allen Wochentagen gereinigt, häufig sogar von denselben Mitarbeitern. Sie konnten bereits einen guten Draht zu den Anwohnern entwickeln, die davon begeistert sind. „Wir haben erstaunliche Rückmeldungen, das ermutigt uns“, betont Manuela Staaks.

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