Aachen: Sympathischer Appell des Karlspreisträgers: „Habt Mut!“

Aachen : Sympathischer Appell des Karlspreisträgers: „Habt Mut!“

Unbequem, aber grundsympathisch: Der britische Historiker Timothy Garton Ash hat die Karlspreisverleihung in Aachen genutzt, um Wege aus der europäischen Dauerkrise aufzuzeigen. Dabei sieht er vor allem Deutschland und Frankreich in der Verantwortung.

Deutschland rage heute wie eine Insel der Stabilität, der Besonnenheit und der Liberalität aus einem Ozean des nationalistischen Populismus heraus. Aus dieser Position erwachse eine besondere Verantwortung für die Zukunft des Kontinents, sagte der 61-jährige Brite am Donnerstag.

Nach Meinung von Garton Ash sollten Deutschland und Frankreich in Europa gemeinsam vorangehen. Foto: Michael Jaspers

Eine kluge Führung in Europa müsse Europa auch immer mit den Augen der anderen Europäer sehen: „Sie braucht Einfühlungsvermögen. Sie braucht auch Gelassenheit, Zuversicht und Mut“, sagte er auf Deutsch.

Nach der Zeremonie zeigten sich Marcel Philipp, Timothy Garton Ash und Frank-Walter Steinmeier (von links) auf der Treppe des Aachener Rathauses. Foto: Michael Jaspers

Euroskepsis überwinden!

Garton Ash rief dazu auf, Euroskepsis und nationalistischen Populismus zu überwinden, die sich „in allen Ecken des Kontinents“ fänden. „Wir wollen, dass die Menschen in Europa Freiheit, Frieden, Würde, Rechtsstaatlichkeit, angemessenen Wohlstand und soziale Sicherheit genießen“, sagte der „englische Europäer“ (Garton Ash über sich selbst) und engagierte Brexit-Gegner.

Dazu müssten aber auch Schwachstellen wie Ausmaß und Tempo der Zuwanderung und die Entstehung von Gräben durch die Eurozone angesprochen werden. Deutschland und Frankreich hätten nach der Wahl des pro-europäisch eingestellten Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten die Chance, „wie schon so oft zuvor in der Geschichte der europäischen Integration, gemeinsam voranzugehen“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Garton Ash in seiner Laudatio als inspirierenden Grenzgänger zwischen Wissenschaft, Politik und Journalismus. Seine Botschaft an die Briten: „Wir bleiben Nachbarn! Wir bleiben auf ewig miteinander verflochten!“ Sollte Großbritannien nicht mehr zur EU gehören, sei es doch immer noch Teil einer europäischen Idee. Auch nach dem Brexit würden enge Bande zum Kontinent bestehen bleiben.

Der Aachener Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) mahnte vor diesem Hintergrund pragmatische Wege an — auch im Verhältnis zur Türkei, zur Schweiz oder zu Russland. „Für alle, die sich dem europäischen Weg der Einheit in Vielfalt anschließen wollen, muss die Tür offen bleiben. Es darf nicht nur die Option des „ganz oder gar nicht geben, wenn wir die EU stärken wollen“.

Viel Grund zur Sorge und zur Skepsis also. Was von diesem Karlspreis bleibt, ist neben der schonungslosen Analyse das Prinzip Hoffnung. Immerhin: Mit der pro-europäischen Bewegung „Pulse of Europe“ hat sich inzwischen eine Bewegung formiert, die nicht nur in Aachen auf viel Sympathie stößt. Garton Ash lobte sie als ein „ermutigendes Zeichen“.