Aachen/Berlin: Studie: Belgiens Reaktoren sind sicher

Aachen/Berlin: Studie: Belgiens Reaktoren sind sicher

Ob die Risse in den umstrittenen belgischen Meilern Tihange 2 und Doel 3 nun gefährlich sind, ist für Nicht-Nuklearexperten kaum seriös zu bewerten. Zu komplex ist die Materie. Rudolf Wieland ist Leiter der deutschen Reaktorsicherheitskommission (RSK).

Er erstellt mit weiteren Wissenschaftlern für das Bundesumweltministerium Untersuchungen und Stellungnahmen zu nukleartechnischen Fragen. Mit dem Wort „Experte“ hat er mitunter so sein Problem. „Wer da plötzlich alles Experte ist, wundert mich manchmal“, sagt er. Der RSK-Chef stört sich daran, dass manch einer, der sich zu Tihange äußert, in seinen Augen Panik schürt, ohne die fachliche Befähigung zu wissenschaftlichen Analysen zu haben.

Argumente für Abschaltung fehlen

Die RSK jedenfalls stellt in einem Gutachten, das unserer Zeitung exklusiv vorliegt, fest, dass die Meiler Tihange 2 und Doel 3 unbedenklich sind. Für die Protestbewegung, die in unserer Region entstanden ist, könnte das ein herber Rückschlag sein. Wenn die entscheidenden Experten in Deutschland kaum noch Bedenken haben, fehlen schlichtweg die Argumente, um ein Aus der Meiler zu fordern.

Vielleicht kannte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) zumindest die Stoßrichtung der RSK-Stellungnahme schon, als sie im Mai ihren Amtsantrittsbesuch in Belgien absolvierte. Dort kritisierte sie vor allem die alten Meiler Doel 1 und 2 und Tihange 1, die „Rissreaktoren“ hingegen standen nicht im Fokus.

Die beiden Meiler sind so umstritten, weil 2012 bei Untersuchungen Risse in den Schmiederingen des Reaktordruckbehälters gefunden wurden: Es waren damals 8000 dieser Defekte in Doel 3 bei Antwerpen und 2000 in Tihange 2 bei Lüttich. Man ging damals von einer durchschnittlichen Größe von einem Zentimeter und einer maximalen Größe von 2,4 Zentimetern aus.

Im Februar 2015 korrigierte die belgische Atomaufsichtsbehörde Fanc die Zahl der Risse nach oben: 3149 in Tihange sowie 13047 in Doel. Außerdem wurden zwischenzeitlich neue Zahlen zur Größe der Risse bekannt. Statt der bislang angegebenen maximalen Länge war von neun Zentimetern die Rede. Zwischenzeitlich waren die Meiler abgeschaltet, doch die Fanc gewährte das Wiederanfahren, weil aus ihrer Sicht keine Sicherheitsbedenken bestehen.

Präzise Ultraschalluntersuchungen

Es gibt zwei Theorien, wie die Risse entstanden sein könnten: Entweder im laufenden Betrieb der Reaktoren oder bei der Herstellung der Druckbehälter in den 70er Jahren. Letzteres fürchten Tihange-Gegner, die deshalb auch Sorge haben, dass die Risse größer werden — insbesondere seit 2015 und dann 2017 mehr Risse bekannt wurden.„Die Risse sind nicht größer geworden, sie wurden jetzt nur präziser per Ultraschall untersucht“, sagte Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des Betreibers Engie-Electrabel, damals.

Auch Rudolf Wieland bestätigt diese Annahme gestern im Gespräch mit unserer Zeitung. Ohnehin „gibt es keinen Zweifel daran, dass es herstellungsbedingte Risse sind“. Man habe damals nicht solche Untersuchungen wie heute durchgeführt, deshalb sei es möglich, dass die Behörden die Probleme mit den Schmiederingen nicht erkannt hätten.

Wolfgang Renneberg, früher Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit, Strahlenschutz und Entsorgung des Bundesumweltministeriums, stellte zuletzt dar, dass es schon bei der Genehmigung der Meiler Probleme gegeben haben müsse. Er geht davon aus, dass man die Risse damals nicht hätte sehen wollen. Dafür sprächen interne Dokumente der Fanc. Für ihn ist das ein „Skandal“.

Renneberg hatte 2016 im Auftrag der Städteregion Aachen ein Gutachten erstellt, wonach große Teile der Region im Falle eines schlimmen atomaren Unfalls in Tihange wegen der Strahlung unbewohnbar würden. Seine Einschätzung teilen viele Menschen in der Region — und protestieren. Renneberg und die Inrag, ein Netzwerk unabhängiger internationaler Atomenergieexperten, stellten im Frühjahr in Aachen klar: „Ein Wachstum der Risse während des Betriebs kann nicht hinreichend sicher ausgeschlossen werden.“

Das sieht die Reaktorsicherheitskommission anders. Im Rahmen der unter dem Druck des Protestes entstandenen Deutsch-Belgischen Nuklearkommission tauschen sich die deutschen Experten mit der belgischen Atomaufsichtsbehörde seit 2017 aus. Zu den Berechnungen und Analysen der Risse haben die RSK-Wissenschaftler etliche Nachfragen bei der Fanc gestellt. Nun fordern sie lediglich noch Nachbesserung bei einer Materialprobe.

Die Fanc hat bereits an drei Materialproben Untersuchungen durchgeführt. Diese Proben wurden hoher Strahlung ausgesetzt, damit sie wie die Schmiederinge im Reaktor altern. Sie sollten auf Festigkeit und Zähigkeit überprüft werden, erklärt Wieland vereinfacht. Die Methode der Fanc reichte der RSK nicht aus. Sie forderte weitere Untersuchungen. Diese wurden im Februar beim zweiten Treffen der Deutsch-Belgischen Nuklearkommission vereinbart.

In Stuttgart sollen demnach neue Messungen vorgenommen werden: an einem vergleichbaren Material, das mit Rissfeldern versetzt wird. Diese Untersuchungen könnten den letzten Zweifel der RSK ausräumen. Bereits ausgeräumt ist der Verdacht, dass die Ultraschalluntersuchungen nicht präzise sind. Kritiker bemängeln immer wieder, dass jede neue Untersuchung ein neues Ergebnis hervorbringe.

Dem widerspricht Wieland. „Wir haben uns die Methode der Ultraschalluntersuchungen zeigen lassen und sind davon überzeugt, dass bei der Analyse von 2017 alle für die Bewertung relevanten Risse gefunden wurden“, sagt er. Die Ultraschalluntersuchung am Reaktordruckbehälter wurde mit verschiedenen Winkeln vorgenommen und mit einer reduzierten Registrierschwelle — und habe deshalb auch die größere Zahl an Rissen zur Folge. Thesen, wonach es noch „relevante versteckte Risse“ geben könnte — etwa verdeckt durch den Schatten eines anderen Risses —, widerspricht er.

Auch weitere Nachfragen konnte die Fanc beantworten. Probleme im Fall eines Thermoschocks schließt die RSK genauso aus wie Probleme aufgrund der Zugeigenspannung des Stahls. „Der Einfluss der Eigenspannung auf die Flockenrisse“ sei zu gering, um die Sicherheit infrage zu stellen, heißt es in dem 19 Seiten umfassenden Papier.

RSK-Chef kann Sorgen verstehen

Die RSK ist zufrieden. Fraglich, ob es die Kämpfer gegen die beiden Meiler sein werden. In Aachen und Umgebung kleben in etlichen Fenstern und an etlichen Autos „Stop Tihange“-Aufkleber. Der Aachener Städteregionsrat Helmut Etschenberg (CDU) hatte erst in der vergangenen Woche verwaltungsrechtliche Schritte gegen die Lieferung von Brennelementen an die belgischen AKW angekündigt. Klagen gegen Tihange laufen — NRW hat sich angeschlossen. Und nun? Sind all die Ängste unberechtigt?

Wieland kann die Sorgen der Menschen in Aachen verstehen. „Es ist nachvollziehbar, dass Menschen Angst haben, wenn sie von so vielen Rissen hören“, sagt er. Schließlich könne ein Nicht-Fachmann die Gegebenheiten nicht so bewerten wie er und seine Kollegen bei der RSK.

Abgesehen vom Bundesumweltministerium, für das er von Berufs wegen Expertisen erstellt, hat ihn tatsächlich noch nie jemand nach seiner Einschätzung zu Tihange 2 und Doel 3 gefragt, sagte er. „Es ist bedauerlich, dass diejenigen am meisten gefragt werden, von denen eine gewünschte Aussage erwartet wird“, sagt Wieland. Und da ist er wieder bei seiner Kritik an den vermeintlichen Experten.

Renneberg sei etwa kein Werkstoffexperte und könne die Risse in Tihange 2 und Doel 3 gar nicht adäquat bewerten. Wieland und Renneberg kennen sich, haben lange miteinander gearbeitet. Wieland lieferte damals die nukleartechnische Einschätzung, Renneberg die juristische und genehmigungstechnische Einschätzung. Jemanden wie Renneberg würde man in der Region Aachen um Studien bitten, weil man wisse, was man bekomme. Aber Wieland hat auch dafür Verständnis.

Der politische Druck ist groß, glaubt der RSK-Chef. Es ist wohl immer leichter, Angst zu schüren als sachlich zu argumentieren.