Aachen: Student klagt gegen Hochschule: Sexuelle Tagträume in der RWTH-Bibliothek

Aachen : Student klagt gegen Hochschule: Sexuelle Tagträume in der RWTH-Bibliothek

Was genau am Mittag des 7. August 2017 in der Zentralbibliothek der RWTH Aachen passierte, ließ sich am Montag nicht mehr rekonstruieren. Klar wurde nur, dass der Student D. sich in aller Öffentlichkeit einem sexuellen Tagtraum hingegeben hatte, was zu autoerotischen Handlungen führte, an denen die chinesische Studentin Q. Anstoß genommen und D. angezeigt hatte.

D. erhielt von der RWTH ein sechsmonatiges Hausverbot für die Zentralbibliothek, RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg selbst hatte eine Verkürzung des Hausverbots abgelehnt. Seit Montag nun verhandelt das Verwaltungsgericht Aachen den Fall. Dem Kläger D. geht es nicht nur darum, dass das Hausverbot aufgehoben wird, sondern er will auch eine Entschädigung der RWTH: Er sieht sich durch die Hochschule vorverurteilt und bloßgestellt.

Der Fall macht unter dem Hashtag #bibwichser seit einiger Zeit in Sozialen Netzwerken die Runde, „Bib“ meint in diesem Fall die „Zentralbibliothek“. Unter einem Teil der Aachener Studentenschaft ist die Angelegenheit offenbar Gesprächsthema, deswegen waren zur Verhandlung am Montag auch etwa 40, 50 augenscheinliche Studenten erschienen. In Sitzungssal A2.011 des Aachener Justizzentrums war so wenig Platz, dass die Zuschauer bis auf den Flur standen, um dem Prozess folgen zu können.

Darstellung der Zeugin Q.: Bei der Polizei sagte Q. vergangenen Sommer aus, dass sie am Mittag dieses 7. August in den Schließfächerraum der Zentralbibliothek gegangen sei, um dort zu telefonieren. Außer ihr sei nur noch ein junger Mann im Raum gewesen, der 28 Jahre alte D. Frau Q. stand am Fenster des Raumes und telefonierte. Als sie sich im Laufe des Gesprächs umdrehte und in den Raum sah, habe sie festgestellt, dass D. sie mit heruntergelassenen Hosen ansah und sein Geschlechtsteil massierte. Sie habe den Raum umgehend verlassen und habe den Vorfall erst dem Aufsichtspersonal, später der Polizei geschildert und Anzeige erstattet.

Darstellung des Klägers D.: Am fraglichen Tag war D. seit 8 Uhr in der Zentralbibliothek, um an seiner Masterarbeit zu schreiben. Gegen Mittag habe er Hunger bekommen und sei in den Schließfächerraum gegangen, um seine von zu Hause mitgebrachte Mahlzeit dort einzunehmen. Während des Essens, sagte D. am Montag, habe er sich derart wohlgefühlt, dass er seine rechte Hand habe in die Hosentasche gleiten lassen, auf diese Weise habe er sich einem sexuellen Tagtraum hingegeben. In keinem Fall aber habe seine Hose heruntergelassen, er habe sich auch nicht der Zeugin Q. zugewandt, die er im Übrigen „nicht attraktiv“ gefunden habe. So habe er da gestanden, zwei Tomaten in der linken, seine rechte Hand in seinem Schritt, als ihm Q. eine Szene gemacht, ihn aggressiv angesprochen habe und aus dem Raum gelaufen sei.

Da es keine weiteren Zeugen des Vorfalls im Schließfächerraum gab, stellte die Aachener Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen D. aus Mangel an Beweisen ein. Ebenfalls stellte die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen die Zeugin Q. ein, die D. wegen übler Nachrede angezeigt hatte. Auch in diesem Fall: aus Mangel an Beweisen.

Der Vorsitzende der 6. Kammer des Verwaltungsgerichts, Richter Peter Roitzheim, hätte den Fall am Montag „am liebsten beerdigt“, wie er sagte. Nachdem RWTH-Rektor Schmachtenberg es noch im Februar abgelehnt hatte, Roitzheims Vergleichsvorschlag auf sofortigen Erlass des restlichen Hausverbots anzunehmen, war Schmachtenberg am Montag ein wenig verhandlungsbereiter. Würde D. sich einsichtig zeigen, könne man über eine Aufhebung des im Januar in Kraft getretenen Hausverbots diskutieren.

D. fordert öffentliche Rehabilitation

Aber D. dachte nicht daran, sich einsichtig zu zeigen, vielmehr geht es dem Studenten um öffentliche Rehabilitation und Entschädigung. Die RWTH habe in ihrer Begründung des Hausverbots der Zeugin Q. alles geglaubt und ihm nichts. „Die Ausführung der RWTH waren fies“, sagte D. Die Polizei habe ihn „wie einen Verbrecher behandelt“, die Staatsanwaltschaft habe nach seiner Anzeige gegen Q. schlampig ermittelt. Kurzum: Ihm sei übel mitgespielt worden, das gegen ihn verhängte Hausverbot sei nicht rechtens, er sei in seinem sozialen Umfeld bloßgestellt, weswegen er eine Entschädigung von der RWTH verlangt. Während D. dem Gericht seine Sicht der Dinge vortrug, saß seine Partnerin neben ihm. Auf anwaltlichen Beistand hatte er verzichtet.

Ein Problem ist, dass D. der Polizei gegenüber erklärt hatte, dass er es angenehm finde, in der Öffentlichkeit zu masturbieren und daran auch nichts finden könne, weil er ja niemandem schade. Als sich diese Aussage am Montag gegen ihn zu wenden drohte, erklärte D., diese Erklärung sei „pure Ironie gewesen“.

Weil Richter Roitzheim noch eine Chance sieht, die Vorfälle vom 7. August 2017 in der Zentralbibliothek näher zu beleuchten, vertagte er eine Entscheidung. Am 13. Juni möchte er die Zeugin Q. persönlich nach den Geschehnissen im Schließfächerraum befragen, danach will er, falls D. und Ernst Schmachtenberg sich bis dahin auf keinen Vergleich einigen können, eine Entscheidung verkünden.

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