Strukturwandel nach der Braunkohle: Innovative Projektideen

Innovative Projektideen : Pläne für die Zeit nach der Braunkohle

Wie werden die Förder-Millionen für den Strukturwandel eingesetzt? In der Region gibt es bereits einige Ideen.

Mehrere Landesminister haben bei vielen Terminen in unserer Region einen Satz beinahe gleichlautend wiederholt: Gute Ideen für den Strukturwandel werden am Geld nicht scheitern. Insofern dürfen sich nach dem Abschlussbericht der Kohlekommission einige Menschen Hoffnung machen, die Projektideen entwickelt haben, wie man die in der Braunkohle wegfallenden Arbeitsplätze zu einem Teil kompensieren kann.

Eines dieser Projekte hat eine erstaunliche Reife, denn es könnte in weniger als einem halben Jahr schon starten: der Brainergy-Park in Jülich. Der kam vor fünf Jahren zunächst als normales Gewerbegebiet daher, dessen größte Besonderheit die interkommunale Zusammenarbeit der Stadt Jülich mit ihren Nachbargemeinden Niederzier und Titz ist. Doch schon schnell wurde daraus viel mehr, nicht zuletzt durch den Anstoß des Jülicher Wirtschaftsgeographen Professor Michael Gramm, der auf die einzigartige Schnittstelle von gleich mehreren Wissenschaftseinrichtungen in der Herzogstadt hinwies, die sich zu einem Großteil der Entwicklung von Lösungen bei der Energiewende verschrieben haben. Das Forschungszentrum Jülich, den FH-Campus Jülich und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt mit seinem Solarinstitut. Diese Idee zündete – auch bei den möglichen Partnern. 

Reallabor für die Energiewende

Das 52 Hektar große Gebiet bekommt einen sieben Hektar großen Kern, das sogenannte Village, das man sich wie ein Reallabor für die Energiewende im gewerblichen Bereich vorstellen kann. Es wird ringförmig von modernsten Versorgungsleitungen umgeben – bis hin zum schnellstmöglichen Datennetz. Im Zentrum befindet sich eine große Steuerungszentrale – der „Hub“ –, die die Einspeisung von regenerativ erzeugter Energie managt, also speichert und verteilt. Natürlich werden auch verschiedene Speicher zum Einsatz kommen und getestet. Thematisch entsteht eine Verbindung von Erneuerbaren Energien, Bio-Ökonomie und Digitalisierung. Der Kernbereich umfasst allein Gebäude mit gut 6000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche, in denen – neben der Zentrale – zahlreiche Schnittstellenlabore vermarktet werden sollen.

Die besondere Infrastruktur und die zahlreichen Gebäude kosten viel Geld. Auf über 60 Millionen Euro wird der Finanzierungsbedarf allein für den Kern geschätzt. „Wir erhoffen uns mindestens 90 Prozent Förderung“, sagen Geschäftsführer Professor Bernhard Hoffschmidt und Berater Michael Gramm, denn die drei Trägerkommunen Jülich, Niederzier und Titz haben durch Flächentausch für das ideale Gelände in bester Lage gesorgt. Mehr können sie nicht stemmen. Das Gesamtprojekt soll über 2000 neue Arbeitsplätze schaffen. Eine Machbarkeitsstudie liegt ebenso vor wie ein Masterplan (sowohl für den Städtebau als auch die Energieversorgung). Die interkommunale Brainergy-Park GmbH hat die Planung so weit vorangetrieben, dass spätestens im Sommer 2019 Baurecht besteht. „Wir haben 2014 angefangen und getan, was man tun muss, wenn man weiß, dass 2030 der erste Tagebau ausgekohlt ist“, sagt Michael Gramm über die Projektreife heute.

Den Brainergy-Park ordnet der Dürener Landrat Wolfgang Spelthahn (CDU) in einen größeren Zusammenhang ein. „Wir liegen mit dem Campus Aldenhoven in Schlagweite zum Brainergy-Park“, sagte er. Kern des Industrie- und Gewerbeparks, der auf der Fläche des Steinkohlebergwerks Emil Mayrisch in Siersdorf entsteht, ist das Aldenhoven Testing Center (ATC). Genau wie beim Brainergy-Park gibt es eine enge Anbindung an die Wissenschaft, in Aldenhoven ist das die RWTH Aachen, die Lösungen für autonomes Fahren erforscht, unter anderem mit Hilfe des deutschlandweit ersten im Betrieb befindlichen 5G-Sendemast, den Vodafone auf dem ATC-Gelände betreibt.

Foto: WZ/Claßen, Hans-Gerd

Rund um das ATC will der Kreis Düren den Campus Aldenhoven vergrößern. Heute arbeiten dort 400 Menschen überwiegend in der Automobilindustrie, Spelthahn verspricht sich eine deutliche Steigerung dieser Zahl mit Hilfe der Fördergelder. Die sollen unter anderem eingesetzt werden, um mehr Gewerbeflächen am Campus Aldenhoven zu entwickeln und die Zugverbindungen im Jülicher Land erheblich auszubauen. Der Kreis hat laut Spelthahn einen Förderantrag über 27 Millionen Euro für den Lückenschluss der Linnich-Baal gestellt, mit dem die Rurtalbahn an die Strecke Aachen Mönchengladbach angebunden werden soll. 45 Millionen sollen die Reaktivierung der Jülicher Kreisbahn bis nach Puffendorf und der Lückenschluss an den künftigen Euregiobahn-Endpunkt Siersdorf kosten. 100 Millionen schwer sei der Förderantrag des Kreises für den Brainergy-Park, 130 Millionen für den Campus Aldenhoven. „Mit dem Campus und dem Brainergy-Park entwickeln wir einen Forschungsschwerpunkt. Ich bin fest davon überzeugt, dass der hier entstehende Nutzen die Investitionskosten deutlich toppen wird“, sagte Spelthahn, der in Summe von mehreren tausend neuen Arbeitsplätzen als Erwartungshaltung sprach.

Sehr konkret sind die Planungen für das Industriedrehkreuz Eschweiler-Weisweiler am dortigen Kraftwerk in Verbindung mit dem Euregio-Railport am Stolberger Hauptbahnhof. Dort sollen über 230 Hektar Industriefläche entwickelt werden. Die Machbarkeitsstudie wurde vor wenigen Tagen an den Regionalrat übergeben. Sie kommt zu dem Ergebnis, das rund 10.000 Arbeitsplätze angesiedelt werden könnten. Für den Standort Stolberg steht das Thema Logistik – als Güterverteilzentrum an der Bahnlinie – im Mittelpunkt. Die erste Ausbaustufe des Industriedrehkreuzes am Kraftwerk Weisweiler wird mit dem interkommunalen Gewerbegebiet „Am Grachtweg“ verwirklicht. Dort wurden der Logistikkonzern Hammer sowie die QCS Computer GmbH angesiedelt. Darüber hinaus wird der Kosmetikhersteller Babor dorthin expandieren. Die Zukunftsagentur Rheinisches Revier machte deutlich, dass man auch künftig eine gewerblich-industrielle Nutzung bevorzugen werde. Dabei wolle man die Nähe zu den Hochschulen nutzen und Spin-off-Projekte unterstützen. Als Hemmschuh für den Railport könnte sich der 3. Bauabschnitt der Landesstraße 238 herausstellen, der den Verkehr von Stolberg direkt auf die Autobahnen 4 und 44 leiten soll. Die Straße wurde erst vor wenigen Monaten wieder ins Landesprogramm aufgenommen und muss also noch alle Genehmigungsschritte durchlaufen.

Am Tagebau Garzweiler soll das „Grüne Band“ in Zukunft verbindendes Element für alle Kommunen sein, die am Tagebaurand liegen. Wenn die Kohleförderung in Garzweiler beendet ist, sollen der Restsee und die rekultivierten Flächen von dieser rund 70 Kilometer langen „grünen Infrastruktur“ umschlossen werden. Zentraler Bestandteil soll ein Radschnellweg sein, der dieses Projekt in Sachen Tourismus und Naherholung sehr interessant macht. Dass der Radweg Bestandteil sein soll, stehe fest, sagte Volker Mielchen, Geschäftsführer des Zweckverbandes Tagebaufolge(n)landschaften. Ansonsten könne man sich noch viele unterschiedliche Elemente vorstellen. Die Breite dieses Bandes könne variieren. Teile könnten parkartig angelegt werden. In anderen Abschnitten seien Kooperationen mit Bauern denkbar, die optisch attraktive Formen von Landwirtschaft betreiben wollen. Auch die Produktion von regenerativer Energie sei möglich. „Das Grüne Band wird nicht überall gleich aussehen“, sagte Mielchen.

Was die zeitliche Dimension angeht, handele es sich um ein sehr langfristiges Projekt. Allerdings könnten einzelne Elemente, in Bereichen, in denen sich der Tagebau nicht weiter ausdehnen wird, schon sehr schnell umgesetzt werden. Für eine Leitbildentwicklung, die in diesem Jahr betrieben werden soll, hat der Bund 20.000 Euro an Fördergeld bewilligt. Über die Jahre werden aber sicher einige Millionen Euro nötig sein, um das Projekt zu realisieren.