Strukturwandel in Aachen: Lothar Mahnke über innovative Projekte

Nachgefragt : „Sammelsurium von Projekten verleitet zu Aktionismus“

Als Geschäftsführer der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (Agit) begleitet Lothar Mahnke den Strukturwandel in der Region aus nächster Nähe. Unser Redakteur Thorsten Pracht hat mit Mahnke gesprochen.

Herr Mahnke, die Region erhält nach Lage der Dinge viele Milliarden Euro, um den Strukturwandel zu bewältigen. Ist die Region darauf vorbereitet?

Lothar Mahnke: Immerhin hat die Region vor acht (!) Jahren die Innovationsregion Rheinisches Revier – heute Zukunftsagentur ZRR – gegründet , um sich auf diesen Tag vorzubereiten. Es kann also niemand überrascht sein, ein auch nur annähernd schlüssiges Konzept für einen erfolgreichen Strukturwandel liegt allerdings trotzdem nicht vor. Aber es gibt eine Fülle von Projektideen, manche aus der Schublade, viele aber auch wirklich zukunftsweisend und durchaus geeignet, um in diesem Strukturwandel als Leitprojekte Richtungen vorzugeben. Damit kann und muss man jetzt arbeiten, allerdings muss da jetzt sehr schnell mehr passieren als bisher.

Was muss passieren, damit die Fördergelder gut genutzt werden?

Mahnke: Aus meiner Erfahrung heraus müssen jetzt zwei Dinge sehr schnell geleistet werden. Zum einen brauchen wir eine wirklich aufeinander aufbauende Strategie mit Entwicklungspfaden, Leitmarken, konkreten Zielen, Meilensteinen und Prioritäten. Das jetzt vorliegende Sammelsurium von Projekten verleitet zum Aktionismus. Es ist bei den Projekten vielfach völlig unklar, welchen Beitrag sie für den Aufbau neuer Wirtschaftsstrukturen wirklich leisten können. Am Ende müssen aber neue Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze entstehen. Zum zweiten muss die Umsetzung von Projekten organisiert werden. Fast alle Vorhaben bedeuten zwingend die Zusammenarbeit verschiedenster Akteure, die sich aber nur in den seltensten Fällen von alleine einstellt. Wir stopfen ansonsten nur die Bücherregale mit noch mehr Machbarkeitsstudien voll und kommen nicht in die konkrete Umsetzung. Die Zukunftsagentur ZRR muss beide Aufgaben wahrnehmen und dafür personell, finanziell und mit allem, was sie braucht, ausgestattet werden. Überlegungen, diese Aufgaben jetzt auf mehrere Institutionen zu verteilen hat noch nirgendwo funktioniert und endet damit, dass am Ende keiner verantwortlich ist.

Der Stand der Projekte ist unterschiedlich. Sehen Sie Beispiele, die zeitnah in die Umsetzung gehen werden?

Mahnke: Entscheidend ist das Einbinden der Projekte in eine Strategie, die ja aber eben noch nicht vorliegt. Gleichzeitig muss man natürlich auch mit Leuchttürmen schnell nach vorne preschen, um für diesen Prozess zu motivieren. Deshalb gibt es ja durchaus unbestrittene Projekte, die eine solche Leuchtturmfunktion in dem „Sofort-Programm“ wahrnehmen können. Da denke ich an den Brainergy-Park in Jülich, der schon sehr weit ist, aber auch an das Industriedrehkreuz Inden-Eschweiler-Stolberg, an den Gewerbeflächenpool der Städteregion oder an die ins Auge gefasste kreisübergreifende Zusammenarbeit zwischen Aldenhoven, Alsdorf, Baesweiler und Linnich im Umfeld der Automobilteststrecke.

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