Düren/Aachen: Streetscooter eröffnet neue Fabrik für Elektroautos in Düren

Düren/Aachen: Streetscooter eröffnet neue Fabrik für Elektroautos in Düren

In Hamburg gilt ab Donnerstag auf zwei Straßen: „Durchfahrt verboten“ für ältere Dieselautos. Deutschlands erstes Fahrverbot ist die Folge fortgesetzter staatlicher Verdrängung: Seit Jahren werden die Abgaswerte in Dutzenden Städten in Deutschland folgenlos überschritten.

In Düren erfolgte am Mittwoch ein Schritt in eine schadstoffärmere Zukunft. Weg von den herkömmlichen Antrieben — hin zu den umweltschonenden Elektrofahrzeugen. Die Streetscooter GmbH eröffnet unter größerer medialer Beachtung ihren zweiten Produktionsstandort. Ab sofort laufen im neuen Werk auf dem Gelände des Automobilzulieferers Neapco jährlich bis zu 10.000 Transporter von den Bändern. In den letzten Monate wurden etwa 26 000 Quadratmeter für den neuen Mieter umgerüstet. Kosten wurden nicht benannt.

Streetscooter seien „der fahrende Beweis, dass Elektromobilität in einigen Bereichen bereits heute voll alltagstauglich ist”, sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU, Mitte). Foto: Harald Krömer

Durchgesetzt gegen Konkurrenz

Für die städtischen Wirtschaftsförderer um Thomas Hissel ist die größte industrielle Ansiedlung seit vielen Jahrzehnten durchaus ein Coup. Viele andere Kommunen hatten sich vergeblich um den Zuschlag für das zweite Produktionswerk von Streetscooter bemüht. „Die Region ist interessanterweise ein Impulsgeber für die Technologie von morgen“, findet dann auch Thomas Rachel, der Staatssekretär im Bundesministerin für Bildung und Forschung aus Düren. Aus seiner Heimat wird nun ein Zukunftsmarkt bedient.

Die Nachfrage nach den sanften Lieferfahrzeugen ist groß: Im Aachener Stammwerk wurde die Produktion im letzten Sommer bereits auf eine zweite Schicht ausgedehnt. Das Tochterunternehmen der Deutschen Post ist führender Produzent von elektrisch betriebenen Lieferfahrzeugen in Deutschland. Streetscooter kann nun in seinen beiden Werken bis zu 20.000 E-Fahrzeuge jährlich produzieren.

Das Unternehmen, das einst als Start-up an der RWTH entstanden ist, wird die Modelle Work und Work L in mehreren Varianten an der Henry-Ford-Straße 1 zusammenschrauben. Am Ende könnten am neuen Standort bis zu 250 neue Arbeitsplätze entstehen. Einige Fachkräfte wechseln von Neapco zum neuen Nachbarn, generell ist aber die Rekrutierung des benötigten Personals eine weitere Herausforderung.

Natürlich war auch Ministerpräsident Armin Laschet zum Stapellauf gekommen. Das sei ein weiterer guter Tag für NRW, sagt der CDU-Politiker in viele Mikrofone. „Es sind Erfolgsgeschichten wie die von Streetscooter, mit denen NRW zum Motor der Elektromobilität werden kann“, hofft er auf den angestrebten Strukturwandel im Rheinischen Revier.

Die Post hat bisher etwa 6000 elektrisch betriebene Lieferfahrzeuge auf die Straße gebracht. Die Nachfrage auch von Drittkunden nehme weiter zu, sagt Konzernvorstand Jürgen Gerdes. Das Unternehmen biete seit dem letzten Sommer nun zugeschnittene Lösungen auch für externe Interessenten. Beispiele konnte der Postmanager ausreichend nennen. Erst in dieser Woche hat der britische Milchlieferant Milk & More zunächst 200 der umweltfreundlich betriebenen Fahrzeuge geordert.

Damit will das Unternehmen auf der Insel Frischprodukte nachts nicht nur leiser, sondern auch umweltfreundlicher zustellen. Es gibt inzwischen Handwerksbetriebe oder Bäckereien, die mit dem Streetscooter unterwegs sind, die Deutsche See GmbH transportiert so ihren frischen Fisch. Selbst ein Cocktail-Mobil gehört zur Öko-Flotte. Die Stadt Bonn hat fünf der Fahrzeuge angeschafft, die in der Grünflächen- und Friedhofspflege eingesetzt werden. Seit Februar bezuschusst das Wirtschaftsministerium des Landes die Anschaffung elektrischer Fahrzeuge mit 40 Prozent. Auch so wird die Nachfrage angeschoben.

Noch ist die gesamte Produktion nicht rentabel, der „break even point“ rücke aber näher, sagt Gerdes. Mittelfristig sei auch ein Börsengang denkbar, teilt er mit. Schon heute seien elektrische Fahrzeuge häufig nicht teurer als traditionelle, „wenn man die Folgekosten miteinrechnet“.

Für Achim Kampker ist die nächste Werkseröffnung ein besonderer Tag. Der Ingenieur hat das Unternehmen nicht nur mitgegründet, er ist als Geschäftsführer auch nach dem Verkauf am Steuer geblieben. „Quantität ist nur eine Seite der Medaille“, sagt der 42-Jährige. „Was unser Team besonders auszeichnet, ist die Fähigkeit, für unsere Kunden aus verschiedenen Branchen und Ländern maßgeschneiderte Elektrofahrzeuge zu produzieren“.

Fast immer kommen die Batterien für die Transporter aus Asien, der Forschungsvorsprung gilt als nahezu uneinholbar. Vorstand Gerdes sorgt sich jedenfalls um die „Liefersicherheit“ der Antriebe. Armin Laschet konnte immerhin berichten, dass in den letzten Monaten mehrere Unternehmen bei der Landesregierung vorgesprochen hätten, die sich für eine regionale Batteriezellenproduktion interessieren. Konkrete Zusagen gibt es noch nicht, auch wenn das Areal in Düren entsprechende Flächen bietet.

In Hamburg lässt sich Deutschlands erstes Fahrverbot ab Donnerstag leicht umkurven, so werden die Stickoxide eben nicht reduziert, sondern nur von anderen Hamburger Bewohnern eingeatmet. Fast symbolisch haben die Stadtwerke Düren ein Elektrofahrzeug erworben und der Stadt als Botenfahrzeug zur Verfügung gestellt. Allein mit diesem einen E-Transporter könnten im Jahr 1,6 Tonnen CO2 eingespart werden.

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