Region: Stadtpuppenbühne Öcher Schängche: Trump in der „Rue Antoine“

Region : Stadtpuppenbühne Öcher Schängche: Trump in der „Rue Antoine“

US-Präsident Donald Trump trägt seine Lieblingskrawatte — natürlich knallrot. Dass er gleich zwei ausgestreckte Zeigefinger hat, ist sehr praktisch beim Schwadronieren und Räsonieren, denn das darf er nach Herzenslust — zumindest bei der Stadtpuppenbühne Öcher Schängche.

Hier ruft der Mann mit dem gelblich-fluffigen Haarschopf nicht mehr „America first“, sondern eher sowas wie „Alemannia first“ — aber selbst das ändert sich noch, denn seine beruflichen Pläne nehmen in Wendelin Haverkamps Satire mit viel Lokalkolorit, die kürzlich Premiere bei „Pech & Schwefel“ hatte, eine rasante Kehrtwendung.

... was auch Neuzugang Oberbürgermeister Marcel Philipp beschäftigt. Foto: Harald Krömer

„Die Geschichte ist ganz einfach“, meint Haverkamp, Autor und Kabarettist aus Aachen, der in der Stadtpuppenbühne den Kinder- und Erwachsenenproduktionen, die seit 1921 Aachener Mundart und den Puppenbühnenzauber pflegen, 2008 das erste Stockpuppenkabarett „Pech & Schwefel“ zur Seite gestellt hat. Die Handlung ist brisant: Trump verliert seinen Posten als Präsident und sucht einen neuen Job, Deutschland findet er gut, und Google gibt ihm Antwort.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 18.10.2017 Neue Puppen bei "Schängchen".

Wer braucht einen Präsidenten? Alemannia Aachen, klar! Und schon rollt eine aberwitzige Geschichte an. Damit Trump auch wirklich heftig deuten kann, hat die Puppe übrigens eine zweite Führungsstange erhalten — normalerweise gibt es für jede Gestalt nur eine.

Der „Kopf“ hinter „Pech & Schwefel“ ist der Kabarettist Wendelin Haverkamp. US-Präsident Donald Trump hat als einzige Puppe beim Öcher Schängche zwei Führstangen. Nur so kann er auch seine beiden Zeigefinger gut einsetzen. Foto: Harald Krömer

Als Neuzugang ist Trump nicht allein. Es gibt noch zwei weitere Kollegen: Martin Schulz zeigt Bart und Zähne. Der SPD-Politiker aus Würselen, der wochenlang als Kandidat fürs Kanzleramt von Wahlplakaten blickte, scheint plötzlich zu Puppengröße geschrumpft — inklusive Anzug und weißem Hemd.

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 18.10.2017 Neue Puppen bei "Schängchen".

Und dann ist da noch einer, der am liebsten „Bares für Rares“ nimmt — Horst Lichter, TV-Original mit Zwirbelbart, runden Brillengläsern, Weste und staunenden Kinderaugen. „Wir müssen immer sehr gut überlegen, wenn wir eine neue Puppe machen lassen, das ist ein enormer Aufwand“, sagt Haverkamp. „So ein Kunstwerk kostet etwa 1000 Euro, und wenn wir Politiker aussuchen, sollten sie noch eine Weile auf der politischen Bühne zu sehen sein, sonst macht das ja keinen Sinn.“

FOTO: HARALD KRÖMER DATE: 18.10.2017 Neue Puppen bei "Schängchen".

Da hatten sie schon viel Glück — zum Beispiel mit Armin Laschet, der den geheimnisvollen Puppennamen „El-Aschet“ trägt, und unverkennbar als besorgter Aachener CDU-Politiker mit großen Augen in die Welt schaut. „Es ist für uns großartig, dass er NRW-Ministerpräsident geworden ist, da können wir ihn toll jahrelang einsetzen, und auch Martin Schulz wird nicht so einfach verschwinden“, meint Haverkamp. Bei „Pech & Schwefel“ darf der Mann aus Würselen sofort eine Rede halten — über mehr Gerechtigkeit.

Der Wert vom Tivoli

Horst Lichter, der mit Erfolg die ZDF-Trödel-Show „Bares für Rares“ moderiert, geht mit „Trödel für Blödel“ als „Hr. Lichter“ in die Schängchen-Pech-Schwefel-Geschichte ein. In der aktuellen Produktion hat er einen ganz besonderen Brocken im Angebot: den Aachener Tivoli. „Da geht es nur um die Frage, wie wenig ist das Ding wert, minus drei Millionen, minus vier Millionen?“ spottet Haverkamp. Aber niemand will das Stadion haben.

Da darf Oberbürgermeister Marcel Philipp nicht fehlen — eine Herausforderung für Kostümbildnerin Burga Becker, die für das Outfit der Puppen zuständig ist. „Deshalb hatte ich schon manche schlaflose Nacht“, gesteht sie. Zum Beispiel bei der Frage, wie man den hochgewachsenen Oberbürgermeister gestalten kann, ohne die Puppe „wachsen“ zu lassen, das geht nämlich nicht. Selbst im engen Graben der Spieler darf niemand größer als 1,80 Meter sein. Die Lösung: „Die Hosen sind zu lang, die Jacke ist ein bisschen zu kurz, so entsteht optisch der Eindruck von besonderer Körpergröße“, erklärt die erfahrene Künstlerin.

Bei Ludmilla, der Dame aus der „Rue Antoine“, die im neuen Stück Donald Trump im Rotlichtmilieu begrüßt und einen flotten roten Lacklederrock trägt, hat sie sich etwas Besonderes einfallen lassen: Unter der goldenen Bluse baut sich nicht nur ein enormer Busen auf, eine Brust kann sogar „hüpfen“. Trump ist begeistert — zumal Ludmilla ihm in Marilyn-Monroe-Manier ein sinnliches „Happy Birthday, Mister President“ zuhaucht. Burga Becker muss sich Tricks einfallen lassen — zum Beispiel bei Reiner Calmund. Es war gar nicht so leicht, den einstigen Fußballfunktionär, der gerne bei Kochshows in der Jury sitzt, so „auszustopfen“, dass das Jackett der Puppe auch saß.

Das Öcher Schängche bleibt selbst mit dem modernen Zuwachs ein Kosmos, in dem Menschen und Puppen eine geheimnisvolle Gemeinschaft bilden. Jedes dieser Wesen — maximal 90 Zentimeter hoch, etwa zehn Kilo schwer, Gesamthöhe am hölzernen Stock etwa 1,85 Meter — hat seinen eigenen, kunstvoll gestalteten Kopf, seinen Charakter — und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die modernen Puppen sind unübersehbar Geschwister von „Chef“ Schängche.

Dafür sorgt schon Ruth Schmidt, im Hauptberuf Theaterplastikerin in der Kaschierwerkstatt des Aachener Theaters, die als „Puppenmutter“ auch Trump, Schulz und Lichter zu ihren so typischen, lebendigen Gesichtern und strahlend weißen Zähnen verholfen hat. Inzwischen arbeitet sie mit Gießharz, das viel leichter ist als das normalerweise verwendete Lindenholz.

Wer die Puppen Abend für Abend führt, weiß das zu schätzen. „Ich habe bei der RWTH schon öfter angeregt, für unsere Puppen etwas Neues zu entwickeln. Konstruktionen aus leichteren Werkstoffen wären ein Glück für uns“. meint Haverkamp. „Leider ist noch niemand so richtig darauf eingegangen.“

Geschichte von Caroline Reinartz

Pause hat zurzeit eine Puppe mit besonderer Geschichte: Caroline Reinartz, Immobilienmaklerin und Aachener Original, wird demnächst den Wohnungsmarkt kommentieren und Stellung zur aktuellen Politik beziehen — eventuell sogar aus dem Puppenhimmel. „Sie ist kürzlich gestorben, da wollen wir uns jetzt noch ein bisschen zurückhalten“, meint Haverkamp. „Aber sie hat die Entstehung ihrer Puppe noch erlebt und war sehr, sehr neugierig.“

Ob Tant Hazzor, Nieres, Noppeney oder ihre neuen Kollegen von „Pech & Schwefel“ — alle geben sie gern Widerworte, sind schlau, dumm, raffiniert, nervig, laut und eigentlich doch sehr nett. Eben wie im richtigen Leben.

In der Barockfabrik am Löhergraben in Aachen wird gespielt, gefertigt, gelagert, bewahrt und repariert. Als „Herr der Werkstätten“ und Alleskönner hat Bühnenmeister Peter Reuters meist eine Zange oder einen Schraubenzieher in der Hand. Seit 36 Jahren ist er dabei, der einzige feste Mitarbeiter der Stadtpuppenbühne. „Mein Vater hat mich jeden Sonntag mit ins Puppentheater genommen“, erinnert er sich. „Irgendwann waren wir dann selbst dabei.“ So hat Papa Josef Reuters, der kürzlich gestorben ist, noch als 85-Jähriger die Puppen bewegt. Was ist für den Bühnenmeister das Öcher Schängche? Er bringt es auf den Punkt: „Die Bühne des Lebens!“

Und zu der gehört die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt aus Aachen. „Ich denke, sie braucht einen neuen Haarschnitt, und die Perlenkette trägt sie auch nicht mehr so oft“, sagt Elfriede Schultz mit kritischem Blick. Als Puppenspielerin ist sie seit zehn Jahren dabei und aktiv im Verein Öcher Platt. „So etwas sehen Frauen eben!“, lächelt Haverkamp anerkennend, und Reuters bewegt die Mechanik der Politikerin: Ulla Schmidt kann endlich wieder den Kopf schütteln! Peter Reuters schraubt noch ein bisschen an ihr herum, dann klappt es. „Ja“, sagt er stolz. „Das ist das Aachener Patent, das können die Puppen vom Hänneschen-Theater in Köln nicht.“

Triumph liegt in Stimme und Blick. Er liebt die Puppentruppe, stapelt Ersatzköpfe im Regal und kennt jede einzelne Gestalt bis zur letzten Schraube. Als 1943 im Bombenhagel alle Bestände der Puppenbühne verbrannten, war nur ein einziger Kopf übrig — ein Schängche. Doch der Holzwurm wurde sein Verderben, eine neue Puppen-Generation „wuchs“ heran. Inzwischen spielt man mit der vierten, nach traditionellen Vorbildern gefertigten Besetzung, Trump und die anderen sechs Neuen prägen bereits die fünfte Generation.

„Diese Köpfe sind großartig“

„Diese Köpfe sind großartig“, betont Reuters. „Durch ihr Gewicht wackeln die alten Köpfe immer ein bisschen, die neuen bleiben ruhig.“ Den Aktiven bei „Pech & Schwefel“, die sich bewusst als dritte Sparte der Puppenbühne sehen, ist es wichtig, die alten mit den neuen Charakteren zu verbinden. „Aus dem Kontrast speist sich gerade das, was wirklich interessant ist“, versichert Haverkamp. „Und den Start in ein Stück wird immer der Teufel Krippekratz übernehmen.“

Puppentheater ist für ihn ein Phänomen — und deshalb begeistert es ihn. „Bei Puppen gibt es ein enormes Tarnpotenzial“, meint er, der seinen „drei Textsorten“ — live auf der Bühne, im Radio oder in Buchfassung — nun eine vierte hinzufügt: die Puppe. Schon vor Jahren hatte man ihn gebeten, etwas für das Schängchen zu schreiben. „Ich dachte, das ist nichts für mich“, lächelt Haverkamp heute.

Und dann hat er dem Verein rund um den künstlerischen Leiter Otto Trebels einen Vorschlag unterbreitet: ein Szenenkabarett mit Puppen. „Mit einer Zustimmung hatte ich nicht gerechnet“, sagt er ehrlich. „Aber sie kam, das war mutig und die Geburtsstunde der neuen Sparte.“ Was er gelernt hat: Die Zuschauer beleben die Puppen. So lassen sich Abgründe aufdecken und Horizonte erforschen. Dabei sind die Puppen Stellvertreter für alle menschlichen Eigenschaften. „Leute mit der Impertinenz eines Donald Trump gibt es auch bei uns“, versichert Haverkamp.

Werden neue Gestalten eingeführt, müssen die Sprecher die Eigenheiten der Vorbilder studieren. Haverkamps rollende Amerikanismen sind grandios, Elfriede Schultz hat den rheinischen Singsang einer Ulla Schmidt gut auf der Zunge. Und Martin Schulz? Hier hat Hubert Krott die Kunst der zerrissenen Sätze herausgefunden. Haverkamp: „Schulz setzt Pausen, wo keine hingehören, das macht ihn so typisch.“

Damit das nicht allzu prominenzlastig wird, gibt es noch ein paar „normale“ Leute — Hubert und Günter etwa, die man als Angestellte des Stadtreinigungsamtes für Tihange ausgeliehen hatte. Im Schaltraum ist ihnen beim Frittenessen ein bisschen Senf in die Tastatur getropft ...

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