Aachen: „Stadtgespräch2“: Debatte über Verkehrswende und Lebensqualität

Aachen : „Stadtgespräch2“: Debatte über Verkehrswende und Lebensqualität

Oslo will im nächsten Jahr den Plan „Autofreie Innenstadt“ umsetzen. Kann die norwegische Hauptstadt Modell für Aachen sein? Mit der Verkehrswende, der auto-freien Innenstadt und urbaner Lebensqualität befasste sich das „Stadtgespräch 2“, zu dem der BDA Aachen (Bund Deutscher Architekten) gemeinsam mit Aachen-Fenster und BDB (Bund Deutscher Baumeister) im Rahmen seiner Reihe „Baukultur im Lust for Life“ in das leerstehende ehemalige Kaufhaus eingeladen hatte.

„Städte für Menschen — nicht für Autos“ griff BDA-Vorsitzender Professor Klaus Klever einen Greenpeace-Slogan auf. Die Menschen, so Klever, müssten wieder die Herrschaft über den öffentlichen Raum, den Platz, gewinnen. An Hand internationaler Beispiele zeigte er, dass „viel in Bewegung ist“. Nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts Aachen zu Dieselfahrverboten sei eine Verkehrswende „das Riesenthema auch für Aachen“.

„Konsens aufkündigen“

Der Berliner Timo Daum, Autor des Buchs „Das Auto im digitalen Kapitalismus“, appellierte an die Architekten, „den automobilen Konsens aufzukündigen“. Wie das Rauchen in Restaurants inzwischen geächtet sei, müsse ob der gesundheitlichen Schäden durch den Verkehr diskutiert werden, den Individualverkehr in den Innenstädten zu verbieten. Er trete ein für die „Radikallösung: keine Verbrennungsmotoren in der Innenstadt“. Dass „alle“ Parteien sich um eine Vermeidung von Fahrverboten bemühten, sei ein „absoluter Skandal“.

„Fahrverbote als letztes Mittel bringen nichts“, hielt Roman Suthold vom ADAC Nordrhein dagegen. Die Menschen wollten zwar weniger Autos und mehr Lebensqualität in den Städten, die meisten wollten aber trotzdem nicht auf ihr Auto verzichten. Das Wissen, etwas ändern zu müssen, sei vorhanden, es fehle die Einsicht. Sutholds Forderung: „Bund und Länder müssen für die Rahmenbedingungen sorgen und die Kommunen finanziell unterstützen. Vor Ort müssen die Bürgermeister die Mobilitätswende zur Chefsache machen und vor allem die Menschen überzeugen, denn: Mobilität beginnt im Kopf.“

„Es gibt keine Verkehrspolitik“, bedauerte der Kölner Verkehrsplaner Jörg Thiemann-Linden. Beim Thema autofreie Innenstadt sei er „sofort dabei“, plädiere dennoch für ein „vom Entweder-oder zum Und“. Soll heißen, etwa durch besseres Parkraummanagement mit weniger Parken, Tempo 30 auf Hauptverkehrsstraßen, Ausbau von Fußgängerzonen und freien Plätzen ein Nebeneinander von Mensch und Auto zu organisieren. Thiemann-Linden zeigte an Beispielen: „Man kann auch mit Autoverkehr erstaunlich gut leben.“

Wie die gesamte Gesellschaft das Thema Verkehrswende jahrzehntelang hilf- wie tatenlos vor sich hergeschoben hat, zeigte erschreckend der Beitrag von Folkert Kiepe. Der frühere Beigeordnete des Deutschen Städtetages plädierte schon 1994 „angesichts der sich für die nächsten Jahre abzeichnenden dramatischen Verkehrsentwicklung“ für eine Wende in der Verkehrspolitik. Kiepe erinnerte an das bereits im September 1989, also vor fast 30 Jahren, vom Städtetag einstimmig beschlossene „10-Punkte-Programm zur Verbesserung des Stadtverkehrs“. Hauptziele unter anderen: starker, massiver Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs, Reduzierung von öffentlichen wie privaten Dauerparkplätzen oder auch Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit. Kiepes ernüchternde Rückschau: „Bis heute sind die zehn Punkte nicht umgesetzt.“

Nach der ersten Runde mit vier Referenten befasste sich die zweite mit wiederum vier Beiträgen mit den Veränderungen der Mobilität, die die Digitalisierung ermöglichen wird. Dazu Timo Daum in seinem Buch: „Mit der Affinität der Millennials — also den nach 1980 Geborenen — zu neuen Technologien und ihren veränderten Bedürfnissen und Ansprüchen an Mobilität befördern sie einen Wandel hin zu vernetzten Diensten und der Nutzung diverser Verkehrsmittel. Dieser Übergang lässt auf eine Tendenz zum Abschied von Führerschein und privatem Fahrzeugeigentum schließen.“

Werden Autoträume, wie Carsharing oder das autonome Auto wahr, wie sehen unsere Städte in zehn, zwanzig Jahren aus? Professor Wolfgang Gruel (Hochschule der Medien Stuttgart)hinterfragte: „Wird dann der Stau des 20. durch den des 21. Jahrhunderts ersetzt?“ Markus Pellmann-Janssen (Deutsche Bahn) nahm mit auf eine digitale Reise, an der die DB-Tochter „ioki“ intensiv arbeitet: „Den ÖPNV wird es nicht mehr in der Form von heute geben“, sagte er und verwies auf On-Demand-Shuttle-Bussysteme per Smartphone oder autonome Buslinien. An der Zukunft mit Elektro-Auto und der Vernetzung Mobilität-Energie arbeitet auch das Berliner Unternehmen „inno2grid“, für das Lena Jungkamp die Entwicklung hin zu „integrierten Mobilitätsstationen“ als Vernetzung verschiedener Verkehrssysteme vom Fahrrad bis zum autonomen Bus beschrieb.

Benedikt Lahme vom ebenfalls Berliner Unternehmen „door2door“: „Unsere Mobilität wird sich radikal verändern. Die Mobilität in den nächsten 20 Jahren wird das, was die Kommunikation in den vergangenen 20 Jahren war.“ Vision des Berliner: „In Aachen hat man sich nicht getraut, eine Straßenbahn zu bauen. Vielleicht geht von Aachen die Mobilitätsrevolution aus, wenn Fahrverbote kommen.“

Am Ende von beinahe drei spannenden Stunden fasste Klaus Klever zusammen: „Mit einem Weiter-wie-bisher kommen wir nicht weiter.“

Mehr von Aachener Nachrichten