Aachen: Spannende Geschichten aus dem „Wundertütenland“

Aachen : Spannende Geschichten aus dem „Wundertütenland“

Die größte Überraschung bei diesem Buchprojekt? „Die Entscheidung des Verlags, ausgerechnet den armen Gilles auf den Titel zu nehmen, aber um ihn rankt sich wirklich eine rührende Geschichte“, lacht Bernd Müllender.

Der Journalist und Buchautor, erfahrener Kenner der Euregio und ein Reisender mit Sinn für Skurrilitäten, hat in seinem neuen Buch „100 Orte in Ostbelgien & Umgebung“ allerhand Unbekanntes entdeckt und zugleich vertraute Ziele neu beleuchtet, sich von den Menschen dort eine Menge erzählen lassen. „Ich werde keine Tourismusbroschüren abgeschreiben“, betont der 61-Jährige, der zuletzt „Belgien — ein Länderporträt“ veröffentlicht hat und als freier Autor seit Jahren für unsere Zeitung im Einsatz ist.

Zurück zum armen Gilles: Im Ort Nummer 68 erzählt Müllender vom buckligen Schäfer, der lange Zeit die Werbefigur für das Lokal Mont Rigi im Venn war. Als ihn, so heißt es, die schöne Pauline zurückwies, erhängte er sich auf dem Dachboden, verfluchte das Venn und spukte (oder spukt?) seitdem durch die Lande. Historie und Legende mischen sich. Daraus werden bei Müllender bunte, humorvolle, mal bissige, dann wieder liebevoll gestaltete Kapitel. Immer wieder erkennt man, wie kenntnisreich der Autor mit der Geschichte des Landes umgeht, gleichfalls mit tragischer politischer Vergangenheit, Kriegsspuren, kleinen und großen Sünden. Und welche emotionale Nähe er zu den „milden Landschaften Ostbelgiens“ hat.

Schräg und ungewöhnlich darf es sein. Wenn in den Viehhallen von Battice noch der strenge Geruch von Rinderdung in der Luft liegt und auf den geschrubbten Flächen die Flohmarkthändler bereits ihre Waren aufbauen oder wenn Günter Schmitz-Visé in Mürringen fröhlich auf seinen Traktor steigt, um von der „höchstgelegenen Adresse des Königreich“ aus auf elf Millionen Landsleute herabzuschauen.

Text über die Briefkästen der Belgier

Einen eigenen Text widmet Müllender den Briefkästen der Belgier. „Sie stehen an der Grundstücksgrenze“, erzählt er. „Die meisten sind Unikate, ich habe gestaunt.“ Und wirklich: Da gibt es die geschlitzte Milchkanne, den Backenzahn, die Eule und sogar einen umfunktionierten Schulranzen. Einfühlsam nimmt Müllender seine Leser mit auf die Reise, etwa nach Lüttich ins Gesangscafé Les Olivettes, wo man sich mit dem Mann am Klavier verständigen kann, um ein Lieblingslied anzustimmen — fern von „Karaoke-Partygeplärre“, wie es der Autor betont.

Oder in die Rockkneipe „Spirit of 66“, eine Wallfahrtsstätte des Rock‘n‘Roll. Wenn Müllender erzählt, gehören selbst die Pannen zu den Geschichten, zum Beispiel eine permanent verschlossene Kirche: Der Küste war in Reha wegen einer neuen Hüfte, der Pfarrer fand den Schlüssel nicht. „Da sollte es einen halbnackten Engel geben, den wollte ich fotografieren, aber ich musste es aufgegeben“, seufzt der Autor.

Selbst wenn er manchmal den Kopf schüttelt — er schwärmt von diesem „Wundertütenland“ mit seinen Fritten und Sammelleidenschaften. „100 Orte in Ostbelgien & Umgebung“ ist ein Buch, angefüllt mit Staunen und Informationen. Zu jedem Ziel gibt es eine Adresse oder einen Internethinweis.

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