Düsseldorf: Sonderpädagogen und genug Klassenräume: Neue Standards für Inklusion

Düsseldorf : Sonderpädagogen und genug Klassenräume: Neue Standards für Inklusion

Neue Standards für den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung, geringere Mindestgrößen für Förderschulen: Die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat die neuen Eckpunkte zur schulischen Inklusion vorgestellt.

Sie betreffen vor allem weiterführende Regelschulen, die auch Kinder mit Förderbedarf unterrichten. Die Neuerungen sorgten für teils heftige Kritik von Interessenvertretern und Opposition. Ein Überblick:

Neue Qualitätsstandards: Künftig müssen weiterführende Schulen ein pädagogisches Inklusionskonzept sowie genug Räume haben, um gemeinsames Lernen anzubieten. Zudem müssen dort Sonderpädagogen arbeiten. Lehrer müssen an entsprechenden Fortbildungen teilnehmen.

Neu ist die etwas sperrige Inklusionsformel „25 - 3 - 1,5”: Demnach müssen in allen Eingangsklassen von 25 Schülern im Schnitt drei Schüler sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Für jede dieser Klassen erhält die Schule neben dem bisherigen Lehrer eine halbe zusätzliche Stelle. Die Bezirksregierungen dürfen erst dann neue Schulen des Gemeinsamen Lernens einrichten, wenn die drei Förderschüler pro Eingangsklasse erreicht sind. Derzeit gibt es rund 1000 solcher Schulen in NRW. Im Schnitt werden in den Eingangsklassen momentan aber weniger als drei Kinder mit Förderbedarf unterrichtet.

Sonderfälle: An Gymnasien müssen im gesamten Eingangsjahrgang insgesamt nur sechs Schüler mit Förderbedarf sitzen. In der Regel soll ihre Förderung zum Abitur führen. An anderen weiterführenden Schulen wird meist zieldifferent unterrichtet, das heißt ein anderer Abschluss für die Förderbedarfskinder angestrebt. Grundschulen sollen ab dem Schuljahr 2019/20 noch einmal knapp 560 Sozialpädagogen-Stellen bekommen.

Förderschulen: Schwarz-Gelb will weiterhin ein flächendeckendes Angebot an Förderschulen erhalten, um Eltern die Schulwahl zu lassen. Dazu werden die Mindestgrößen aller Förderschulen deutlich reduziert. Außerdem will Gebauer Förderschulgruppen der Sekundarstufe I unter dem Dach von Regelschulen ermöglichen - in Regionen, in denen es weder Förderschulen noch Schulen des Gemeinsamen Lernens gibt.

Zeitplan: Die Eckpunkte wurden bereits vom Kabinett abgesegnet, sie sollen in einem Erlass geregelt werden und ab dem Schuljahr 2019/20 gelten. Die neuen Standards beginnen dann in den fünften Klassen. Im Jahr 2024/25 soll die Sekundarstufe I komplett umgestellt sein. Das kommende Schuljahr gilt als Übergangsjahr. Für die neue Mindestgrößenverordnung für Förderschulen gibt es eine mehrjährige Übergangsfrist.

Ressourcen: Bis 2025 will die neue Landesregierung den weiterführenden Schulen knapp 5800 zusätzliche Stellen für Inklusion zur Verfügung stellen. Das Schulministerium geht bis 2025 für diese Stellen von zusätzlichen Kosten von insgesamt knapp 1,4 Milliarden Euro aus. Die zusätzlichen Stellen für die Grundschulen werden sich demnach noch einmal auf gut 480 Millionen Euro belaufen.

Kritik: Interessenvertreter und Opposition kritisieren die Neuerungen teils als ungenügend und enttäuschend. Mehrere von ihnen stören sich am Erhalt der Förderschulen. Dringend notwendige, zusätzliche Ressourcen kämen erst ab 2019/20 - und dann nur für die Jahrgänge ab der fünften Klasse, sagte etwa die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Sigrid Beer. „Das sind keine Eckpunkte zur Förderung der Inklusion, das ist Politik zur Stärkung der Förderschulen.”

„Die geplanten Förderschulgruppen an allgemeinbildenden Schulen fördern nicht die Inklusion, sondern die Ausgrenzung”, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Jochen Ott.

Inzwischen lernen in NRW über 42 Prozent der rund 140.000 Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen. Die Lehrergewerkschaft VBE NRW betonte, Grundschulen seien nur unzureichend in den Blick genommen worden. Es gab aber auch positive Kritik: Die Eckpunkte seien ein „solides konzeptionelles Fundament” für den Inklusionsprozess, hieß es etwa beim Verband Lehrer NRW.

(dpa)
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