Aachen: „Sommerferien auf zwei Monate verlängern“: Brauchen Lehrer mehr Urlaub?

Aachen: „Sommerferien auf zwei Monate verlängern“: Brauchen Lehrer mehr Urlaub?

Am Freitag ist der letzte Schultag, ab Samstag sind Sommerferien, und zu deren zuverlässigen Begleiterscheinungen gehören nicht nur Packstress in Familien, Staus auf Autobahnen und Schlangen vor Gepäckaufgabe-Schaltern, sondern auch die Diskussion darüber, ob es eigentlich okay ist, dass die Lehrer jetzt wieder so lange frei haben.

Da beteiligen wir uns natürlich gerne. Mit Günther Sonnen, 68, ehemaliger Leiter des Couven Gymnasiums in Aachen, sprach Christoph Classen.

Herr Sonnen, seit wann sind Sie im Ruhestand?

Günther Sonnen: Seit Februar 2016.

Und die sechs Wochen Sommerferien sind das, was Sie am meisten am Schulbetrieb vermissen?

Sonnen (lacht): Nein, keinesfalls.

Warum nicht? Die sind doch schön.

Sonnen: Na ja, am meisten fehlt mir das ständige in Kommunikation sein mit vielen verschiedenen Menschen. Insbesondere mit den Schülern, aber auch das Kollegium bietet ja eine bunte Vielfalt an Charakteren. Helikoptereltern mit überzogenen Ansprüchen, für die man Nerven und Zeit braucht, aber auch viele interessante und kooperierende Menschen. Aus dieser Mischung habe ich immer viel Motivation und Freude an der Arbeit bezogen.

Die Ferien waren Ihnen ein Graus.

Sonnen: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Eine längere Auszeit, bevor dann wieder der im Kern immer wieder gleiche Zyklus beginnt, ist sinnvoll. Insbesondere für die stets hoch belastete Psyche.

Das sehen Sie so. Dass Lehrer sechs Wochen Sommerferien haben, sorgt aber immer wieder für Diskussionen.

Sonnen: Ja, das kenne ich.

Mussten Sie sich Sprüche anhören?

Sonnen: Natürlich. Das wird einem als Lehrer immer wieder vorgehalten: Ihr habt ja so viel Freizeit. Ihr habt ja so viele Ferien.

Das sagen die Leute?

Sonnen: Ja, hört man immer wieder. Sowas haben Sie ja vielleicht auch schon zu Lehrern gesagt, die Sie kennen.

Selbstverständlich. Was entgegnen Sie denn auf derlei Sprüche?

Sonnen: Zunächst mal sage ich dazu, dass Lehrer schon rein quantitativ einfach viel arbeiten. Eine ganz aktuelle Studie der Uni Göttingen kommt zu dem Ergebnis, dass Lehrer pro Woche etwas mehr als 48 Stunden arbeiten. Das bedeutet immer auch Arbeit am Wochenende und damit unterbrochene Erholungsphasen.

Was machen Lehrer am Wochenende?

Sonnen: Korrekturen, Vorbereiten, Nacharbeiten. Und sich fortbilden.

Vor diesem Hintergrund sagen Sie: Über 30 freie Tage am Stück im Sommer sind für Lehrer berechtigt.

Sonnen: Ich finde es berechtigt. Es ist sogar so berechtigt, dass andere Länder um uns herum, wie etwa England und Frankreich, noch viel längere Sommerferien haben.

Und jetzt stellen Sie sich vor, was sich die Lehrer da anhören müssen.

Sonnen (lacht): Ich glaube, da wird das sogar weniger diskutiert.

Ist die Diskussion über die Freizeit von Lehrern eine typisch deutsche Diskussion?

Sonnen: Ja. Ich denke, dass in Deutschland viel kritischer gedacht wird. Die Nachbarländer haben teilweise eine sehr viel größere Selbstverständlichkeit im Umgang mit Traditionen und Ritualen. In Deutschland sind wir meist etwas aufklärerischer orientiert. Von daher sind wir meist auch immer ein bisschen kritischer miteinander, Sozialneid ist nicht selten zu beobachten.

Nun gibt es für Lehrer nicht nur im Sommer Ferien, sondern auch in anderen Jahreszeiten, so dass sie auf über 70 Ferientage im Jahr kommen. Ein normaler Angestellter in einer anderen Branche kommt vielleicht auf 30, 35 Urlaubstage pro Jahr. Können Sie da verstehen, dass über die Freizeit von Lehrern diskutiert wird?

Sonnen: Verstehen kann ich das schon. Weil der einfache Bürger nicht so den Einblick hat in die schulische Alltagsrealität, die sich gegenüber der Schulzeit der heute Erwachsenen erheblich verändert hat.

Warum?

Sonnen: Viele Kinder bringen heute aus ihrem Elternhaus, der sozialen und medialen Umgebung eine Menge Unruhe mit. Das Hineinfinden in einen produktiven Lernprozess ist heute weniger selbstverständlich als es früher war.

Heißt: der Lehrerjob ist anstrengender geworden.

Sonnen: Ja, die Intensität der Arbeit hat zugenommen. Das ist aus vielerlei Gründen so. In Stichworten: Inklusion, Integration — dies insbesondere vor dem Hintergrund von mehr Flüchtlingen, die zu uns kommen —, zunehmender, individueller Förderbedarf, und erhöhter Beratungsbedarf mit Schülern, Eltern, Schulpsychologen, Jugendamt, Ganztagsstrukturen und die damit verbundenen längeren Anwesenheitszeiten in den Schulen. Zeitraubend und belastend sind die in hohem Maße unprofessionellen Arbeitsbedingungen in den Schulen. Unterrichtsfreie Stunden können wegen fehlender Arbeitsplätze nicht produktiv genutzt werden.

Müssten dann Lehrer heute länger Sommerferien haben als früher?

Sonnen: Man könnte tatsächlich darüber diskutieren, ob man die großen Ferien noch länger macht. Und auf der anderen Seite etwa die Oster- oder Herbstferien verkürzt. Ähnlich, wie sie es in Frankreich oder England machen.

Wie lang sollten die Sommerferien in Deutschland sein?

Sonnen: Acht Wochen. Also von den Herbst- und Osterferien jeweils eine Woche wegnehmen, und die Sommerferien auf zwei Monate verlängern. Dann hätte man im Sommer eine markantere Unterbrechung, um Kräfte zu sammeln. Und die Unterbrechungen durch Ferien zwischendurch, die zum Teil lernhinderlich sind, würden einen weniger starken Effekt haben.

Lernhinderlich?

Sonnen: Wir haben sehr viele schriftliche Prüfungen, sprich Klassenarbeiten und Klausuren. Meiner Meinung nach sind es zu viele. Durch die zwei Wochen Ferien an Weihnachten, zwei Wochen Ferien an Ostern, zwei Wochen Ferien im Herbst, wird die Zeit, die für Klausuren zur Verfügung steht, extrem komprimiert. Dadurch entsteht Stress. Sehen Sie, es ist in der Oberstufe kaum möglich, eine Schulwoche zu planen, in der nur zwei Klausuren geschrieben werden. Die Schüler fallen von einer Klausur in die andere.

Die Lehrer auch.

Sonnen: Ja, die müssen die ganzen Arbeiten ja stellen und vor allem korrigieren.

Stichwort Korrekturen: Wenn man die mit in die Ferien nimmt, kann man da eine entspannte Zeit haben?

Sonnen: Das ist das Problem der Lehrer: Sie haben eine entgrenzte Arbeitszeit. Sie haben einerseits viel frei gestaltbare Zeit, sie sind aber nie wirklich frei. Ein Lehrer ist nie fertig — gerade auch wegen unklarer und überhöhter Vorgaben.

Es fehlt das, was man landläufig als Feierabend kennt?

Sonnen: Der Lehrer hat praktisch keinen Feierabend. Das ist es, was ihn treibt, an den Abenden, in den Nächten, an den Wochenenden zu arbeiten.

Und in den Ferien.

Sonnen: Genau.

Wie muss ich mir denn Ihre Sommerferien vorstellen?

Sonnen: Ich habe immer erst mal eine Woche aufgeräumt.

Ach. Zuhause?

Sonnen: Ja. Die ganzen Unterrichtsmaterialien. Spreche ich jetzt als Lehrer oder als Schulleiter?

Gern als Lehrer.

Sonnen: Ein guter Lehrer muss erst mal alles dokumentieren und abschließen. Seine ganzen Materialien und Ideen sichern, für den Fall, dass im nächsten Schuljahr wieder eine ähnliche Gruppe zu unterrichten ist. Man muss nachdenken, reflektieren.

Klingt noch nicht entspannend.

Sonnen: Bei mir war es immer so, dass ich in der mittleren Ferienzeit zwei, drei Wochen richtigen Urlaub gemacht habe.

Wo?

Sonnen: Meist in Italien und Frankreich. Überwiegend in Europa, aber auch mal in Australien oder anderswo. Und dann kommt man zurück.

Und hat noch mindestens zwei Wochen frei.

Sonnen: Ja, da fiebert man schon ein bisschen dem neuen Schuljahr entgegen. Man überlegt, man hat die Sorge, ob man gut vorbereitet ist. Man fängt an, für jede Lerngruppe, die man bekommen wird, Pläne zu machen und Materialien zu sichten. Damit hat man schon in der reinen Urlaubszeit angefangen, indem man Fachbücher gelesen hat.

Sind Ihre Urlaube entspannter geworden, seit Sie nicht mehr im Schuldienst sind?

Sonnen: Auf jeden Fall. Sie sind nicht inaktiver geworden, weil ich mir weiter Ziele setze und Projekte mache.

Der Tätigkeitsschwerpunkt hat sich verlagert.

Sonnen: Genau. Was ich jetzt mache ist freiwillig und selbst gesetzt, nicht mehr von teils als nicht sinnvoll empfundenen Vorgaben gesteuert. Ich organisiere rheinlandweit die Lehrerfortbildungen „Lions-Quest“ und bleibe so der Schule und meinen Idealen treu.