Aachen: Simon Oslender spielt mit den „großen Jungs”

Aachen: Simon Oslender spielt mit den „großen Jungs”

Die Geschichte ist so schön, man muss sie gleich am Anfang erzählen. Sie spielt an einem Novemberwochenende im Jahr 2010, da gewinnt der damals zwölfjährige Keyboarder Simon Oslender aus Walheim, was bei Kornelimünster, also bei Aachen liegt, im niederländischen Heerlen den Eujazz-Preis.

Renommierte euregionale Veranstalter loben ihn aus. Das war am Samstag. Und einen Tag später, diesmal in Amsterdam, da räumt er mit seinem Freund, dem damals 14-jährigen Maastrichter Schlagzeuger Jérome Cardynaals, beim noch bedeutenderen „Prinses Christina Jazz Wettbewerb” so richtig ab: Ehrenpreis, Publikumspreis und ersten Preis der Fachjury! Holländische Zeitungen schreiben diese zauberhafte Geschichte auf und preisen die beiden musikalischen Ausnahmetalente. Sie vergessen nicht zu erwähnen, dass die beiden in Amsterdam erst morgens beschlossen hatten, gemeinsam aufzutreten, dass sie in der Garderobe noch ein wenig Fußball spielten, um auf dem Weg zur Bühne kurz zu überlegen, wie die Wettbewerbsbeiträge denn gestaltet sein sollen. „Nein, nervös waren wir nicht”, sagt Simon Oslender ruhig und bescheiden, er lächelt: „Was hatten wir denn zu verlieren?”

Wie er das so erzählt an diesem späten Nachmittag im beschaulichen Rollesbroich, was hinter Lammersdorf, also in der Eifel liegt, ist irgendwie cool. Die Kollegen nicken, „ja, der Simon”, scheinen sie zu denken, trinken die Kaffeetassen leer, beißen noch einmal in den Reisfladen, und weiter gehts. Probe.

Die Kollegen sind gestandene Berufsmusiker, „die richtig großen Jungs”, wie man so sagt. In dem Fall sind es die Herren vom Heribert Leuchter Trio, der Schlagzeuger Stefan Kremer, der Keyboarder Gero Körner und der Saxophonist Leuchter - auf den Bühnen daheim, im Jazz zuhause und im freien Zusammenspiel erprobt. Und es ist dann schon witzig, wie Heribert Leuchter sich bemüht, den Gast für das Konzert am Sonntag, eben diesen jungen Kerl hinter der Hammond-Orgel, als einen „ganz normalen Mitspieler” vorzustellen.

Ein solcher ist Simon Oslender natürlich nicht. Er spielt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Er versteht die Absprachen nicht nur, die sich um „den letzten Takt in Ges-Dur” oder die allesentscheidende Frage, „ob es ein Ritardando gibt”, drehen, besser noch: Er setzt sie auch meisterhaft um. Und darüber hinaus ist der Kerl 13 Jahre jung, kann sich mit Gero Körner über die Geschichte und den Klang der Hammond-Orgel unterhalten und freut sich wie ein Schneekönig, als er nochmal die herrliche Anekdote vom Leslie-Kabinett hört, dieser sperrigen Holzkommode, die als Rotationslautsprecher von eben jenem Don Leslie für die Hammond-Orgel gebaut wurde und von eben jenem Laurens Hammond immer heftig abgelehnt wurde. „Dabei klingt die Orgel mit diesem Verstärker perfekt!” Körner und Oslender sind sich da einig.

Also, Simon Oslender probt mit dem Trio, und Leuchter hat recht: Er ist ein großartiger Mitspieler. „Springtime” heißt das Programm, das man gemeinsam spielen wird, „da kommt der Frühling, da wächst was heran”, sagt der Saxophonist beziehungsreich und blättert den nächsten Song auf, eine wundervolle Jazzvariante von David Bowies „Ashes to Ashes”. „Du musst möglichst nicht das spielen, was da steht. Es sollte sogar so schräg sein, dass Heribert nicht mehr weiß, wo er dran ist”, flachst Schlagzeuger Kremer - und Oslender hat wieder verstanden. Es dringen herrliche Klänge aus einem Haus in Rollesbroich.

Natürlich geht Simon Oslender zur Schule. Das Pius-Gymnasium in Aachen ist jeden Tag seine Anlaufadresse. Die Schule ist in Ordnung, sie bietet schließlich viele Möglichkeiten für junge Musiker. Die Bigband, der Gospelchor - „klar, das macht schon Spaß”, sagt Simon, auch wenn sein musikalischer Alltag noch ganz andere Facetten hat. Bei Stefan Michalke lernt er Jazzpiano, bei Agatha Sewera geht er dem klassischen Tastengeschäft nach, sein musikalischer Tutor ist Frank Chastenier, der Keyboarder der WDR-Bigband - und Schlagzeugunterricht hat er bei Steffen Thormählen.

„Ja, das Schlagzeug war der Anfang, und es ist immer noch dabei”, lacht Simons Vater, Wilfried Oslender. Dass er womöglich als Hobby-Schlagzeuger seinen Sohn schon in frühen Tagen inspiriert hat, will er nicht ausschließen. „Auf alle Fälle haben wir immer mit ihm gesungen.” Mit zwei Jahren hatte Simon schon seine erste Bassdrum, das Keksdosen-Set wich schnell einem Kinderschlagzeug. Und als er nein sagen konnte, galt dieses neuerlernte Wort als erstes den Kinderliedern. Sein Musikgeschmack war stets anspruchsvoll.

„Und dann waren irgendwann die Tasten dran”, sagt Wilfried Oslender. Was mit Omas kleinem Keyboard begann, hat heute beachtliche Dimensionen. Als er die Blues-Legende John Mayall hörte, als Gitarrist John Scofield und Larry Goldings mit der Hammond B3 in sein Kinderzimmer traten, war es um Simon geschehen.

Sein Vater erinnert sich: „Später haben wir dann mal Barbara Dennerlein live in Aachen gesehen, das hat ihn wohl sehr beeindruckt.” Eine ungewöhnliche musikalische Sozialisation für ein Kind in unseren Tagen, in denen Heroen wie Lady Gaga und unheilige Grafen was zu singen haben - ja, das räumen die Eltern ein und betonen, dass es keinerlei Druck gebe: „Er soll sich musikalisch entwickeln, wie es ihm gefällt”, sagt Vater Wilfried.

Zahlreiche Band-Projekte

Dass Jazzmusik einsam macht, scherzt Heribert Leuchter bei der Probe, und Simon Oslender lacht mit. Ein eher zurückhaltender Junge sei er, hat sein Vater noch gesagt, „aber wenn es um seine Musik geht, dann ist er ganz vorne dabei”. Die Vitzkids-Bigband unter der Leitung von Marc Huynen in Heerlen, die Bigband in der Schule, weitere Bandprojekt, unter anderem die Einladung zum Grachtenkonzert mit dem Jazzorchester des Concertgebouws in Amsterdam im Sommer, dann das Duo „Twogether” mit seinem Kumpel Jérome, die erste gemeinsame CD mit dem Titel „Big Brothers” - Einsamkeit und Langeweile gehen anders!

Nächstes Stück bei der Probe, „Housekeeping” heißt es, Gero Körner hat es geschrieben, und Simon spielt „groovy” mit. „Ein Wahnsinnspotenzial” erkennt Keyboard-Kollege Körner, der als Musiker ein vielgefragter und weitgereister Mann ist. Dass er seine Hammond B3 nicht jedem zum Spielen überlasse, unterstreicht er, aber in diesem Fall: „Der Junge hats drauf, es gibt nicht viele, die die Hammond-Orgel so spielen können.” Er hört noch einen Moment zu, nickt: „Aber er hats drauf, klingt echt gut!”

Simon gefällt das natürlich mit den „großen Jungs”, die ihn so kollegial und selbstverständlich behandeln. Er sagt, dass es eine große Ehre sei, am Sonntag mit dem Heribert Leuchter Trio zu spielen. Noch zweimal der Chorus, dann die Coda. Um die letzte Frage noch zu beantworten: Ja, Simon kann sich vorstellen, mit der Musik später sein Geld zu verdienen. Aber zwingend notwendig sei es nicht. Toningenieur könnte eine Alternative sein.

Hatten wir schon erzählt, dass er auch auf diesem Feld der Auseinandersetzung mit Musik ausgesprochen anspruchsvolle Projekte stemmt?

Über Musik zu schreiben, ist das eine, sie zu hören natürlich das weitaus angenehmere. Deshalb sei das Video in unserem Webauftritt empfohlen, denn dort ist zu sehen und zu hören, wie Simon Oslender mit dem Heribert Leuchter Trio loslegt. Heribert Leuchter und Gero Körner finden sehr nette und anerkennende Worte für den jungen Kollegen.

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