Sieben Menschen, sieben Meinungen zum Hambacher Forst

Der Wald bewegt : Sieben Menschen, sieben Meinungen zum Hambacher Forst

Vermutlich gibt es gerade kein anderes Thema, das die Menschen in der Region so emotionalisiert und teilweise auch mobilisiert. Der Hambacher Forst war bis vor ein paar Wochen nur ein kleiner Restwald, jetzt ist er ein landesweit bekanntes Symbol des Widerstands geworden.

Der Mischwald gehört dem Energiekonzern RWE, der den Wald für seinen Braunkohletagebau roden möchte.

Der Konflikt um das 200 Hektar große Areal ist nicht neu. Schon vor sechs Jahren besetzten Umweltaktivisten den Forst. Sie lebten häufig in selbst gezimmerten Baumhäusern, um gegen die Rodung und die Klimapolitik zu protestieren. Die Behausungen wurden in den letzten Wochen nach einem Erlass des Landesbauministeriums mit dem Hinweis auf fehlenden Brandschutz geräumt und abgerissen. Die ausführenden Kommunen baten die Polizei um Vollzugshilfe. So entstand einer der größten Polizeieinsätze in der Geschichte des Landes.

Die Fronten sind verhärtet. Die Aktivisten halten der Politik vor, die Wirtschaftsinteressen von RWE über den Klimaschutz zu stellen. Die Landesregierung beklagt eine hohe Gewaltbereitschaft im Wald, Beamte wurden mit Steinen, Molotowcocktails und Fäkalien beworfen.

Die Redaktion hat in den letzten Tagen mit Menschen gesprochen, die sich teilweise im Wald gegenüberstanden und auch sehr gegensätzliche Meinungen zu dem Thema vertreten, das so viele Leute in der Region bewegt.

Foto: Hermann-Josef Münchrath

Hermann-Josef Münchrath, Mitarbeiter von RWE:

„Vor gut drei Jahren habe ich die Facebook-Gruppe „Wir im Rheinischen Revier für eine faire Berichterstattung“ spontan gegründet. Damals sind Aktivisten in den Tagebau Garzweiler eingedrungen, und viele Berichte des WDR waren aus meiner Sicht einfach tendenziös.

Ursprünglich hieß die Gruppe noch anders, wir haben den Titel jetzt so gewählt, weil aus unserer Sicht die objektive Sicht auf das Thema RWE generell vielen Leuten häufig fehlt. Aktivisten und Störer bekommen sehr viel Raum eingeräumt. Es gibt Medien, die die Gewalt der Straftäter im Hambacher Forst verharmlosen oder, die nicht richtig hingucken wollen. Wer von Bäumen herab Polizisten und Kollegen von mir mit Fäkalien bewirft, ist sicher nicht friedfertig.

Wenn man sich in den einschlägigen Foren umschaut, erkennt man schnell, dass es den Radikalen weder um den Hambacher Forst oder eine neue Klimapolitik, sondern um eine radikale gesellschaftliche Veränderung geht. Das stört mich und viele der inzwischen fast 3500 Mitglieder in der Gruppe auch.

Ich habe nichts gegen friedliche Proteste. Aber inzwischen erhalte ich regelmäßig Morddrohungen über die unterschiedlichen Kanäle, nur weil ich diese Seite betreibe. So weit ist es gekommen.“

Foto: Stefan Immekus

Peter Immekus, Vorsitzender des Netzwerks Bergbaugeschädigter des Rheinischen Braunkohlereviers:

„Meine Meinung ist da sehr eindeutig: Der Energiekonzern RWE will den restlichen Hambacher Wald roden und abbaggern, während zur gleichen Zeit die Politik mit allen gesellschaftlichen Vertretern ein Ausstiegsszenario aus der Braunkohlenverstromung sucht. Das Beharren auf Rodungen zu dieser Zeit entlarvt RWE als selbstherrlichen Braunkohlebaron, der die Zeichen der Zeit verschlafen hat.

Der Konzern will recht behalten und verharrt in Starre in einer Frage, die aber mutige und zukunftsweisende Entscheidungen benötigt. Nichts hätte diese rückwärtsgewandte und auf sich selbst bezogene Sichtweise von RWE deutlicher machen können als die im Schulterschluss mit der entfesselten NRW-Regierung befohlene Räumung der seit sechs Jahren bestehenden Baumhäuser.

Aus meiner Sicht hat RWE schon jetzt einen gigantischen Imageschaden erlitten. Tausende Kunden wechseln aufgrund der bundesweiten und internationalen Berichterstattung ihren Stromanbieter. Noch nie gab es über die Grenzen des Braunkohlenreviers hinaus soviel Öffentlichkeit und Interesse zum Thema Braunkohleausstieg wie jetzt. Leider bewahrheitet es sich wieder einmal, dass man laut und unbequem werden muss, um von der Politik überhaupt wahrgenommen zu werden.

Jeder weitere abgebaggerte Meter des Hambacher Waldes erhöht die Gesundheitsschäden durch Feinstaub, die Bodenabsenkung durch Grundwasserentzug, die Bergschäden an Häusern, die Beeinflussung tiefer Grundwasserleiter und die späteren Ewigkeitskosten. Und wieder einmal werden dafür wohl auch die Steuerzahler zur Kasse gebeten.

Wenn das so kommt, dann wäre es meines Erachtens nur fair, wenn diese Steuerzahler bei Abbauplanungen dann auch mitentscheiden könnten. Mein Appell lautet deshalb: Lasst uns zum Schutz der Demokratie viele weitere Baumhäuser überall bauen. Nicht nur der Hambacher Wald braucht mutige Menschen, die den Verzagten unter uns ein Vorbild sind. Lasst uns den heutigen Rest des Hambacher Waldes als ein wertvolles Leuchtturmprojekt für die zukünftige Wiederherstellung der Natur in diesem geschundenen Revier bewahren!“

Foto: ZVA/Marlon Gego

Daniel, arbeitet seit 2011 bei RWE

„Dass ich bei RWE arbeite, ist wahrscheinlich kein Zufall, schon mein Vater war dort angestellt, mein Großvater und ein Onkel waren im Steinkohlenbergbau beschäftigt, genau wie der Großvater meiner Frau. Durch das Küchenfenster in meinem Elternhaus konnte ich die Kühltürme des Kraftwerks Weisweiler rauchen sehen, schon als Kind haben meine Eltern mit mir regelmäßig Fahrradtouren zum Tagebau Inden unternommen. Ursprünglich wollte ich Maschinenbauer werden, aber dann habe ich doch in Aachen Bergbauingenieurwesen studiert, seit 2011 arbeite ich bei RWE.

Als ich 2013 in den Tagebau Hambach wechselte, habe ich die Probleme mit den Waldbesetzern im Hambacher Forst eher aus der Ferne mitbekommen. Zunächst waren es ja überwiegend Übergriffe auf unsere Infrastruktur: Baggerbesetzungen, angekettete Menschen an den Gleisen der Hambachbahn oder an den Bandanlagen.

Doch im Laufe der Jahre hat sich die Situation im Hambacher Forst zugespitzt, irgendwann sind auch Kollegen und die Mitarbeiter vom Werkschutz am und im Hambacher Forst bedroht und angegriffen worden.

Vor drei Wochen erst war ich mit einem Kollegen im Forst, wir haben Barrikaden geräumt. Wir sind dann mit Fäkalien beworfen worden. Man kann sich nicht vorstellen, was das mit einem Menschen macht: Ich erledige meine Arbeit und werde mit Scheiße beworfen! Ich habe den Eindruck, dass den Waldbesetzern jedes Mittel recht ist, um ihre Ziele durchzusetzen.

Seit 2015 gehen wir nicht mehr ohne Werkschutz in den Wald, es geht leider nicht anders. Weil Kollegen auch außerhalb der Arbeit schon bedroht worden sind, möchte ich mich nicht von vorn fotografieren lassen und nicht meinen vollen Namen nennen. Ich bin Vater, ich trage auch für meine Familie Verantwortung. Es ist extrem belastend, seit Jahren immer damit rechnen zu müssen, dass meinen Kollegen und mir in der Nähe des Hambacher Forstes etwas passieren könnte. Mittlerweile wählen wir die im und am Forst beschäftigten Mitarbeiter sorgfältig aus, da die Arbeit hier physisch und psychisch sehr anstrengend ist.

Wenn wir die Einsätze am oder im Wald planen, ist es mittlerweile so, als würden wir einen Militäreinsatz planen. Das mag übertrieben klingen, aber es ist wirklich so. Wir spüren, dass der Protest stärker wird, dass immer mehr Menschen sich für klimapolitische Themen und den Hambacher Forst interessieren, und natürlich hat das auch auf uns bei RWE einen Einfluss, jedenfalls auf mich.

Ich denke darüber nach, ob es richtig ist, was wir hier in den Tagebauen tun. Aber als Ingenieur bin ich ein sachlich orientierter Mensch, ich sehe immer zuerst die Fakten. Und am Ende komme ich immer zu dem Ergebnis, dass das, was wir hier tun, das Richtige ist. Der Streit um den Hambacher Forst ist in erster Linie emotional, was ich auch verstehe. Aber man darf sich von Emotionen nicht den Blick auf die Fakten verstellen lassen.

Auf der anderen Seite ist mir klar, dass es mit der Braunkohle zu Ende geht. Und ich finde es richtig, dass die Erneuerbaren Energien ausgebaut werden, wer tut das nicht?! Ich wünsche mir aber trotzdem, dass die Gewalt im Hambacher Forst ein Ende hat, und dass die Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung für uns bei RWE und für alle Menschen im Revier Planungssicherheit herstellt. Besonders wünsche ich mir das für meine Kollegen, die es auf dem Arbeitsmarkt vielleicht einmal schwerer haben werden als ich, neue Arbeitsplätze zu finden.“

Foto: ZVA/Christoph Pauli

Lykke, lebt seit einem Jahr im Wald

„Lykke ist nicht mein richtiger Name. Ich habe ihn gewählt, weil es ‚Glück‘ auf Dänisch bedeutet. Wir halten unsere Identität im Widerstand lieber geheim. Ich lebe hier seit etwa einem Jahr in unterschiedlichen Dörfern. Eine Freundin, die sich für ‚Ende Gelände‘ engagiert, hat mich gefragt, ob ich eine Mahnwache mitorganisieren will. Ich bin geblieben, weil es nicht sein darf, dass ein Großkonzern wie RWE diesen Wald für einen überholten und schmutzigen Energieträger wie Braunkohle abholzen darf.

Wir müssen unseren Lebensraum besser schützen. Das war die Idee der ersten Aktivisten, die vor sechs Jahren in den Wald zogen. Inzwischen sind viele NGOs (Nichtregierungsorganisationen) wie Greenpeace dazugekommen. So verbreiten sich unsere Ideen schneller. Die Hoffnung, dass wir diesen Restwald noch retten können, ist in den letzten Tagen gewachsen, der Zuspruch wächst.

Wir waren darauf vorbereitet, dass irgendwann unsere Häuser zerstört werden. Trotzdem braucht man viel Kraft, damit umzugehen. Es gibt bei uns keinen Aktionskonsens, wie wir uns zu verhalten haben, aber ich lehne Gewalt ab. Gewalt geht manchmal von der Polizei aus. Aber sie handelt nur im Auftrag, sie ist der Handlanger von RWE und der Landesregierung. An sie geht auch mein Appell: Hört hier auf mit diesem Irrsinn, zerstört nicht weiter unseren Planeten.‘“

Foto: ZVA/Carsten Rose

Patrick Harzheim, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr der Gemeinde Merzenich

„Im Vorfeld hätte ich nicht gedacht, dass sich der Einsatz so in die Länge zieht. Hoffentlich gehen die restlichen Arbeiten jetzt schneller über die Bühne, aber das Wichtigste ist, dass niemand mehr zu Schaden kommt. Bei dem tödlichen Unfall war ich nur in Hörweite und habe den Absturz zum Glück nicht gesehen.

Zu der ganzen Räumungsaktion und dem Thema an sich hat jeder seine Meinung, das Unverständnis der Bürger bekommen wir auch mit und sprechen untereinander darüber. Aber ich möchte meine persönliche Meinung nicht öffentlich äußern. In der Gruppe kann ich auch keine bestimmte Tendenz erkennen.

Letztendlich hat es auch nichts mit unserer Arbeit als Feuerwehrleute zu tun. Ich bin vielmehr froh darüber, dass die Stimmung auf der Wache wirklich gut ist, obwohl 80 oder mehr Prozent der Zeit aus Warten besteht, eine gewisse Grundhektik herrscht und die Dauer des Einsatzes eine extreme Belastung für das Ehrenamt und die Arbeitgeber ist.“

Foto: ZVA/Marlon Gego

Ingo Mitschke, Polizist aus Aachen und seit 2016 als Kontaktbeamter im Hambacher Forst

„Bevor ich das erste Mal im Wald war, kannte ich das Thema nur aus der Ferne. Die Gesamtproblematik war mir bewusst, aber es ist ein Unterschied, ob man ein Thema in der Zeitung verfolgt oder ob man selbst irgendwie daran beteiligt ist. Als die Aachener Polizei die Einsätze rund um den Hambacher Forst im August 2016 übernommen hat, wurde zuerst mein Vorgesetzter als Kontaktbeamter ausgewählt und etwas später auch ich. Wir sollten gegenüber den Aktivisten und deren Sympathisanten für Transparenz sorgen, was die Polizeiarbeit betrifft, wir sollten Ansprechpartner für alle Probleme sein, die im Zusammenhang mit der Polizei auftreten. Dieses Konzept fand und finde ich gut, damit kann ich mich identifizieren.

Das erste Mal in Kontakt mit den Waldbesetzern bin ich auf einem der Waldspaziergänge von Michael Zobel gekommen. Diese jungen Menschen, die im Wald ihr Leben verbringen, fand ich interessant. Natürlich waren sie am Anfang skeptisch und dachten, wir wollten sie nur ausspionieren, aber das war und ist nicht unser Auftrag.

Es ging also in erster Linie darum, Vertrauen aufzubauen, eine Verbindung herzustellen. Nicht nur zu uns, sondern auch zum Polizeipräsidenten. Das gelang damals ganz gut, ein Teil der Aktivisten hatte durchaus Redebedarf. Wir haben Fragen so gut es ging beantwortet, und natürlich ging es uns auch immer wieder darum zu vermitteln, wie wichtig es ist, dass die Aktivisten friedlich bleiben und auf Gewalt verzichten.

Unter den Aktivisten gibt es einige, die sich weigern, mit Polizisten zu sprechen, für die sind wir ‚Bullen‘ und Teil des Staates, den sie ablehnen. Aber es gibt auch Aktivisten, zu denen wir Kontaktbeamten Vertrauen aufgebaut haben, mit denen habe ich wirklich gute Gespräche geführt.

Und ich weiß, dass unsere Bemühungen für viele Diskussionen unter den Aktivisten gesorgt haben. Einer hat mich mal ‚Kommunikationsterrorist‘ genannt, und das ist insofern nicht ganz falsch, als ich mich immer und immer wieder bemühe, Kontakt auch zu denen zu bekommen, die eigentlich nicht mit mir sprechen wollen.

Ich habe viele Gespräche mit Beteiligten geführt, nicht nur mit den Aktivisten, sondern auch mit RWE, Umweltorganisationen, Politikern und Bürgern. Das Projekt der Aktivisten, im Hambacher Forst eine andere Lebensform auszuprobieren, ohne Geld, ohne Hierarchie, finde ich interessant. Es gibt in unserer Gesellschaft keine Räume, um solche Lebensformen auszuprobieren, weil man immer Geld braucht, um Raum dafür zu kaufen oder zu mieten. Dafür muss man aber arbeiten gehen, und schon ist man wieder Teil des ‚Systems‘, wie es die Aktivisten nennen.

Ich toleriere vieles, aber natürlich hört es auf, wenn Gewalt im Spiel ist oder andere Menschen in ihren Rechten beschränkt werden. Diese Grenze ist im Hambacher Forst immer wieder überschritten worden. Das geht nicht.

Im November 2017 stand ich im Wald einmal 40 Vermummten gegenüber, von denen mich einer geschlagen und einer bespuckt hat. Das hat dazu geführt, dass ich nicht mehr alleine in den Wald gehe, aber nicht dazu, dass ich nicht mehr Kontaktbeamter sein will. Welcher Polizist hat schon die Möglichkeit, so verschiedene Menschen mit so verschiedenen Meinungen kennenzulernen?“

Foto: ZVA/Volker Uerlings

Karl-Rainer Grass, Allgemeinmediziner aus Merzenich-Golzheim

„Ich bin sehr traurig, dass der Hambacher Forst — einer der großen deutschen Urwälder — abgeholzt ist. Denn was jetzt noch steht, sind ja traurige Reste. Seit Jahren fahre ich schon nicht mehr in den Wald, in dem ich in der Jugend und auch später regelmäßig war. Die alten Buchen sind einfach nicht mehr da. Ich kann da nicht hinfahren, sonst schlafe ich nachts nicht. Deswegen kann ich auch nicht an Protestaktionen teilnehmen.

Wenn ein Urwald am Amazonas abgeholzt wird, regt sich hier jeder auf, aber wenn wir in Deutschland die Urwälder vernichten, was anderes ist ja nicht passiert, interessiert das eigentlich nicht.

Der Wald hat keinen Schutz. Wenn es um die Kohle geht, welche auch immer, ist der Wald egal. Letztlich denke ich: Der Kampf hat keine Chance. Wenn man sich die Begründung für die Räumung der Baumhäuser anschaut, dann weiß man, dass die Dinge so lange gebogen werden, bis die Räumung durchgeführt und der Polizeieinsatz gerechtfertigt ist. Dass ich auch nicht alle Aktionen der Aktivisten gutheißen kann, ist ein anderes Thema. Um es wirklich zu beurteilen, bin ich nicht nah genug dran. Ich verstehe auch, dass die RWE-Beschäftigten ihren Job erhalten wollen und ihre Arbeit tun müssen, die haben Verpflichtungen.

Die Umsiedlung hat mein Bild natürlich auch geprägt. Meine Familie stammt aus dem Umsiedlungsort Kerpen-Manheim. Wir haben von unserer Praxis her sicher die Hälfte der Bevölkerung von Alt-Manheim versorgt, unser altes Familienhaus — über Generationen mehrfach umgebaut — ist weg, an Rheinbraun verkauft.

Die Umsiedlung hat sicher viele psychisch sehr betroffen gemacht. Das kann man sogar an der Menge der Antidepressiva festmachen,