Geilenkirchen: Shoa-Überlebende zu Gast: Geilenkirchen bricht das lange Schweigen

Geilenkirchen: Shoa-Überlebende zu Gast: Geilenkirchen bricht das lange Schweigen

Meir Baum blickt aus dem Dachfenster hinunter auf den Geilenkirchener Bahnhofsvorplatz. Minutenlang ist er nicht ansprechbar. Dann studiert er den Grundriss, der neben der Tür hängt und eigentlich nur dazu dient, die Rettungswege des Hotels kenntlich zu machen. „Hier haben wir damals gespielt“, sagt er mit leiser Stimme und zeigt in den Raum. „Genau hier.“

Nach mehr als 70 Jahren steht der 86-Jährige gemeinsam mit seinem Bruder Issachar Ilan (87) exakt an jener Stelle, wo sich früher der Dachboden des elterlichen Hauses befunden hat. Für Meir Baum ist es der dritte Besuch in seiner Heimatstadt seit der Flucht aus Deutschland. 1991 war er mit seinem Sohn erstmals wieder kurz in Geilenkirchen. „Ich wollte damals unbedingt die Stationen meiner Kindheit sehen“, sagt er. Die Nacht brach damals an, als die beiden mit ihrem Mietwagen den Hünshovener Berg hinunter in die Stadt fuhren. Fremd, abweisend und dennoch merkwürdig vertraut präsentierte sich ihnen die kleine Stadt an der Wurm. Die Hotels waren geschlossen. An einem Feldweg nahe der ehemaligen Abtei Loherhof übernachtete Meir Baum deshalb mit seinem Sohn im Auto. „Morgens haben uns dann die Kühe geweckt“, erinnert er sich an diese stille Rückkehr und lächelt. Jetzt ist er wieder da.

Sie haben das Grauen überlebt: Meir Baum (86) und Issachar Ilan (87, im Bild oben), sowie Dina Friede (81) und Kurt Gottschalk (77). Dina Friede besuchte ihren Geburtsort Geilenkirchen in dieser Woche zum ersten Mal seit ihrer Flucht im Jahr 1937. Foto: Marco Rose

Intensive Gespräche

Sie haben das Grauen überlebt: Meir Baum (86) und Issachar Ilan (87, im Bild oben), sowie Dina Friede (81) und Kurt Gottschalk (77). Dina Friede besuchte ihren Geburtsort Geilenkirchen in dieser Woche zum ersten Mal seit ihrer Flucht im Jahr 1937. Foto: Marco Rose

Zum ersten Mal hat die Stadt ihn und die übrigen noch lebenden, in Geilenkirchen geborenen Juden offiziell eingeladen. Vier sind gekommen: Seit Montag haben Baum und Ilan gemeinsam mit Dina Friede (81) und Kurt Gottschalk (77) ein ambitioniertes Programm absolviert, viele intensive Gespräche geführt und vor mehreren Schulklassen über das unfassbare Leid der Geilenkirchener Juden gesprochen. Einer Handvoll engagierter Bürger ist es zu verdanken, dass diese Woche unter dem Motto „Erinnern für die Zukunft“ mit finanzieller Förderung des Bundes überhaupt realisiert werden konnte. „Viele Menschen in unserer Region wissen überhaupt nicht, dass Geilenkirchen neben Aachen die größte jüdische Gemeinde beherbergte“, sagt Christa Nickels, die Gründerin der Geilenkirchener „Initiative Erinnern“.

Geilenkirchen 1935 (oben) und heute: Die Mühle (links im Bild) steht noch, an Stelle der Synagoge (rechts) klafft eine Wunde im Stadtbild. Dort soll später ein Denkmal an den Holocaust erinnern. Foto: Marco Rose

Wer heute durch die Stadt schlendert, sieht nichts mehr von der prachtvollen Synagoge, die 1869 direkt an der Wurm erbaut worden war. Das Gotteshaus ist hier ebenso verschwunden wie die Wurm. Die Synagoge wurde in der Pogromnacht am 9. November 1938 völlig zerstört, der Fluss Jahrzehnte später komplett kanalisiert. Heute erinnert nur das Schild „Synagogenplatz“ an den Glanz von früher.

Aachen. Hier folgt der Grundtext. Foto: Marco Rose

242 Deutsche jüdischen Glaubens lebten im Jahr 1933 in Geilenkirchen. Neun Jahre später war kein einziger mehr in dieser kleinen Stadt, in der man es fortan vorzog, nicht über das Grauen zu sprechen. Mit Rücksicht auf die Täter? Auf die Denunzianten? Oder die, die einfach nur zusahen, wenn die jüdischen Nachbarn abgeholt wurden oder bei Nacht und Nebel ihre Sachen packten und verschwanden?

„In einer kleinen Stadt, in der beinahe jeder jeden kennt, war das nach dem Krieg einfach so. Über das, was war, wurde nicht geredet. Und das über Jahrzehnte“, sagt Nickels. „Warum hat man uns erst jetzt eingeladen? Warum? Was ist in den vergangenen 50 Jahren bloß in diesem Ort passiert?“ Diese Fragen stellte sich Kurt Gottschalk, als er die Einladung aus Deutschland zum ersten Mal las. Inzwischen ist er froh, dass er gekommen ist.

Wenn Meir Baum mit seinem Bruder durch die Straßen der alten Heimatstadt spaziert, dann haben die beiden wieder alles vor Augen: die winzige evangelische Schule von Lehrer Paul Krüger zum Beispiel, der neben der protestantischen Kirche alle Schüler der Klassen eins bis acht in einem Raum unterrichtete. „Ich erinnere mich auch noch an Schwester Alberta, deren Kindergarten wir besuchten. Ich sehe vor mir eine ältere Dame mit einer schwarzen Haube und einem runden gütigen Gesicht“, sagt Issachar Ilan.

Viele schöne Erinnerungen sind den Brüdern jedoch nicht geblieben: 1939, als sie zehn beziehungsweise elf Jahre alt waren, begleitete sie ihre Mutter zum Bahnhof nach Aachen. Weinen durften die Jungs beim Abschied nicht, damit die Grenzer nicht auch noch über verängstigte jüdische Kinder spotten konnten. In Belgien trafen Bernhard und Otto — wie die beiden damals noch hießen — ihren Vater wieder, der zuvor über die grüne Grenze geflohen war und nach einer vierwöchigen Internierung im Konzentrationslager Buchenwald ein gebrochener Mann war. Doch die Irrfahrt der Familie Baum sollte damit längst nicht enden: Im Oktober 1941 kamen die Kinder mit der Mutter nach Marseille, hatten da schon Deportation und Flucht bis nach Südfrankreich in den Knochen. Am 10. August 1942 konnten sie sich ein letztes Mal von den Eltern im Lager „Les Milles“ verabschieden. In Viehwagen zusammengedrängt, wurden die Eltern zunächst in das Sammellager Drancy bei Paris und später nach Auschwitz deportiert. „Ich werde niemals vergessen, wie meine Mutter mir beim Abschied die goldene Uhr, die sie meinem Vater einmal geschenkt hatte, in die Hände drückte, und mir klar wurde: Ich werde sie wohl niemals wiedersehen“, erinnert sich Ilan.

Ein Foto im US-Magazin „Life“

Während der 15-jährige Meir später von französischen Helfern in die Schweiz geschmuggelt wurde, gelang es seinem Bruder Issachar im dritten Anlauf ohne Hilfe, in die Schweiz zu flüchten. Nach eineinhalb Jahren in verschiedenen Flüchtlingslagern kamen die Baums im September 1945 mit dem britischen Schiff „Mataroa“ nach Palästina. Wenige Wochen später entdeckten sie in einer Ausgabe des US-Magazins „Life“ ein Luftfoto des zerstörten Geilenkirchen. Das am Bahnhof gelegene Haus der Familie war völlig ausgebrannt, nur die Grundmauern standen noch.

Heute leben Meir Baum und Issachar Ilan mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln in Jerusalem. „Wir sind durch den Regen gelaufen, ohne dass uns die Tropfen getroffen haben“, sagt Ilan. Ilan ist das hebräische Wort für Baum.

Wer diese Schilderungen hört, den überkommt eine schwer zu ertragende Traurigkeit und Wut. Es ist eine Begegnung, die alle Beteiligten an ihre Grenzen führt. Ilan: „Es war mir sehr wichtig, mit Schülern zu sprechen. Das war für mich überhaupt der Grund, noch einmal nach Geilenkirchen zu kommen. Die Kinder sollen verstehen: Die Juden haben Schlimmes erlebt, aber sie hassen uns nicht. Das ist mir sehr wichtig. Auch vor dem Hintergrund, dass es heute immer noch Antisemitismus in Deutschland gibt; dass es hier Menschen gibt, die auf die Straße gehen und brüllen: ‚Juden ins Gas!‘ Ich frage mich, wohin das alles führt? Wie reagieren die Deutschen darauf?“

Den Schülern sagt er: „Wir glauben Euch, dass Deutschland heute etwas Anderes ist. Wenn ich in Eure Gesichter schaue, dann glaube ich Euch das. Aber das ist nicht genug. Ihr tragt heute die Verantwortung dafür, dass so etwas nie mehr passiert!“

Für Dina Friede, die von einer niederländischen Familie versteckt und gerettet wurde, ist der erste Besuch in ihrer Heimatstadt eine große emotionale Herausforderung. „Als wir Waisen nach dem Krieg nach Palästina kamen, konnten wir nicht sprechen. Wir hatten einfach nicht die Kraft dazu. Weil das, was wir erlebt hatten, so brutal und abnormal war, weil wir es nicht verstehen konnten. Wir brauchten die Kraft, um überhaupt wieder normal leben zu können.“

Das Schweigen der Opfer

Nicht nur im Land der Täter, auch dem der Opfer herrschte jahrelanges Schweigen, berichtet Issachar Ilan. „Viele Überlebende wollten reden, doch die Reaktionen waren zum Teil sehr abweisend.“ Selbst in Israel habe man das Unfassbare nicht glauben wollen. „Der Wendepunkt kam erst mit dem Prozess gegen Adolf Eichmann, den Organisator der Massenvernichtung. Da haben viele Überlebende angefangen, doch zu reden“, sagt Ilan.

„Ich habe gedacht, es würde mir sehr schwer fallen, mein Elternhaus noch einmal zu sehen“, sagt Dina Friede. „Aber auf einmal habe ich verstanden: Ich stehe vor einem Haus, das eine schreckliche Geschichte hat und doch heute ganz anders aussieht. Das war ein Abschied, der mir zum Schluss sehr geholfen hat.“

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