Heinsberg-Oberbruch: Selbstversuch bei einer etwas anderen Sportart: Faustball

Heinsberg-Oberbruch : Selbstversuch bei einer etwas anderen Sportart: Faustball

Aua, aua, aua: Das ist so ziemlich das Einzige, was ich nach anderthalb Stunden Faustball noch denken kann. Meine Unterarme sind rot, dick und pochen. Ich habe allergrößten Respekt vor den 30 Faustballspielern des TuS Oberbruch in Heinsberg. Wenn sie den Ball über die Leine schmettern, sieht das locker, leicht und athletisch aus.

Der dumpfe Knall, wenn der kraftvoll geschlagene Ball auf ihre Arme trifft, scheint ihnen im Gegensatz zu mir nichts auszumachen. Dabei hat alles so gut angefangen: Im Ball- und Techniktraining in den ersten 30 Minuten hat Guido Wennmacher, der Mannschaftstrainer und Abteilungsvorsitzende, mich noch gelobt.

Trainer Jochen Jansen erklärt Katharina Menne die richtige Schlagtechnik: immer frontal zum Ball und locker aus den Knien.

„Es sieht so aus, als würdest du nicht zum ersten Mal mit einem Ball umgehen“, bemerkte er. Oh, da hat er mich wohl noch nicht Fuß- oder Basketball spielen sehen. Ballgefühl ist nicht gerade eine meiner größten Stärken. Doch Volleyball spiele ich tatsächlich ganz gerne, und damit hat Faustball die meisten Gemeinsamkeiten.

Vermutlich kennen Faustball in Deutschland nicht viel mehr Menschen als die, die es aktiv spielen oder mal gespielt haben. Dabei gehört es angeblich zu den ältesten Team-Sportarten der Welt. Dreihundert Jahre vor Christus soll in Italien bereits ein Spiel entstanden sein, bei dem eine Kugel aus Leder mit Armen und Fäusten getroffen werden musste. 1

555 schrieb Antonio Scaino die ersten Regeln für das „Gioco del Pallone“ auf. Im 18. Jahrhundert dann erwähnt sogar Johann Wolfgang von Goethe in seinem Reisebericht „Italienische Reise“ ein Ballspiel, das stark an Faustball erinnert.

Fünf Feldspieler pro Team

Das Rückschlagspiel ist eine Mischung aus Tennis und Volleyball. Es wird einarmig gespielt, und der Ball darf vor jeder Berührung einmal auf dem Boden auftitschen. Spätestens der dritte Spieler muss den Ball über die Leine zurück in die gegnerische Hälfte spielen. Jede der zwei Mannschaften besteht aus fünf Feldspielern, davon drei in der Abwehr und zwei im Angriff. Berührt der Ball die offene Handfläche oder andere Körperteile als den Arm, wird dies als Fehler gewertet. Auch wenn sich im Jahr 2004 die Deutsche Faustball-Liga gründete, gehört die Sportart formal noch immer zum Deutschen Turnerbund. Im Sommer wird im Freien gespielt, im Winter in der Halle.

Daher kommt es, dass die Männermannschaft des TuS Oberbruch in der Anfang November angelaufenen Hallensaison in der Landesliga spielt, in der im Juli zu Ende gegangenen Feldsaison aber lediglich in der Bezirksliga. Außerdem stellt der Verein eine Jugendmannschaft in der U 16 und zwei Mannschaften in der Mixed-Liga. Für ein eigenes Frauenteam fehlen ihnen Spielerinnen. Elvira Baraniak, eine der wenigen aktiven Frauen im Team, erklärt mir, dass viele beruflich so eingespannt sind, dass sie am Wochenende gar keine Zeit für die Ligaspiele hätten.

In Dreierteams üben die Oberbrucher ihre Schlagtechnik. Einer wirft, einer schlägt zurück — idealerweise wieder genau zurück in die Arme des Werfenden. Die Übung klappt bei mir auf Anhieb ganz gut. Die meisten Bälle kommen bei Elvira Baraniak an. Hin und wieder verspringt der Ball, wenn ich nicht frontal genug stehe oder meinen Arm zu sehr verdrehe. „Sorry“, rufe ich dann meiner Mitspielerin zu, die meine Bälle wieder einsammeln muss. Doch ich bin guter Dinge. Für mein erstes Mal schlage ich mich ganz gut.

Während ich mich im Weiteren mit meinen ersten Aufschlägen abmühe, die zwar brav über die Leine gehen, aber für einen trainierten Faustballspieler keinerlei Gefahr darstellen, sehe ich den Oberbruchern aus dem Augenwinkel zu. Besonders ein Spieler fällt mir auf: der 14-jährige Luca Wennmacher, Sohn des Trainers.

Er ist schnell, schlägt kräftig und „ist aktuell das größte Oberbrucher Talent“, wie sein Vater stolz erzählt. Luca hat es bereits in die U 14-Auswahl des Rheinischen Turnerbundes geschafft und mit ihr den Deutschen Meistertitel geholt. Beim Jugend-Europa-Cup in Linz kam er mit der Rheinland-Auswahl auf den zehnten Platz. Sein Traum ist es, eines Tages in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen.

Gute Atmosphäre und Fairness

In der Familie Wennmacher hat Faustball Tradition. „Schon mein Vater hat beim TuS gespielt“, sagt der 47-Jährige. Andere Sportarten seien nie in Frage gekommen. „Die Atmosphäre und Fairness, die hier herrschen, bekommt man nur beim Faustball.“ Hier werde niemand angeschnauzt, Fehler gebe man selbst zu, auch bei internationalen Turnieren seien alle eine große Familie.

Einziges Manko wie in vielen Randsportarten: Alles muss aus eigener Tasche finanziert werden. „Weil es so wenige Mannschaften gibt, sind die Anfahrten zu den Spielen weit und teuer“, sagt Wennmacher. Im Raum Aachen-Düren-Heinsberg sind die Oberbrucher die einzigen, die am Ligabetrieb teilnehmen. Das nächste Team gibt es erst in Mönchengladbach-Wickrath.

Doch das habe auch etwas Gutes, sagt Jochen Jansen, zweiter Trainer beim TuS: „Faustball ist noch nicht durch Geld verdorben. Alle, die hier sind, machen es aus reiner, unverfälschter Begeisterung für den Sport.“ Und diese Begeisterung gebe man gerne weiter. Neue seien immer willkommen, sagt Jansen. „Die versuchen wir dann auch schnell in unsere Wettkampfteams einzugliedern.“

Auch ich werde bereits umworben. In meinem ersten Faustballspiel bin ich an einem Spielpunkt direkt beteiligt und ernte prompt Applaus. Einen zweiten sicheren Punkt vermassel ich aber direkt danach — peinlich! Ob ich wiederkomme, fragen mich Wennmacher und Jansen. Erstmal müssen sich meine Arme wieder erholen. „Nach meinem ersten Training saß ich abends mit Kühlpacks auf den Armen auf dem Sofa“, sagt Elvira Baraniak tröstend. „Keine Sorge, man gewöhnt sich schnell daran.“

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