Schlemmer-Ente für Ex-Fußballprofi Christoph Metzelder

Für ein Herzensanliegen : Christoph Metzelder bekommt die Schlemmer-Ente

Der letzte Preisträger war ein kochbuchschreibender Sänger, der kommende Preisträger ist ein ehemaliger Fußball-Nationalspieler: Christoph Metzelder bekommt am 8. August die Schlemmer-Ente in Wassenberg. Im Interview spricht er über gutes Essen - und eine mögliche Funktionärskarriere.

Auf den ersten Blick erschließt es sich nicht sofort, warum Christoph Metzelder die Schlemmer-Ente der Stadt Wassenberg am 8. August erhält. Das gilt es also vorab zu klären, und eine große Hilfe bei dem Gespräch, das unser Redakteur Christoph Pauli in München führte, ist natürlich Reiner Calmund. Der ehemalige Manager von Bayer Leverkusen hat die Schlemmer-Ente 2007 erhalten und wird die Laudatio halten. Und Calmund und Metzelder verbindet mehr als nur ein Vertrag als Fußball-Experte beim Sender Sky.

Herr Metzelder, Sie sind als neuer Träger der Goldenen Schlemmer-Ente auserwählt. Ausgezeichnet werden stets Persönlichkeiten, die sich „um die Förderung der Ess- und Trinkkultur verdient gemacht haben“. Mmmm?

Christoph Metzelder: Die Auszeichnung ist so ein Sonderfall wie damals bei Uschi Glas. Natürlich esse und trinke ich sehr gerne – in meiner Heimatstadt Haltern am See gibt es übrigens jetzt das erste  Sternerestaurant – aber es geht primär um die Stiftung, mit der ich seit 13 Jahren viel im Bereich der Kinder- und Jugendförderung unterwegs bin, vor allem im außerschulischen Bereich. Wir fördern Essenstafeln. Armut in diesem Land manifestiert sich oft beim Aspekt der Ernährung. Dagegen etwas zu machen ist mir einfach ein Herzensanliegen. Wir unterstützen zum Beispiel – genau wie Uschi Glas – die Initiative brotZeit, die das Frühstück in der Grundschule sichern will. Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, wie viele Kinder aus der Schule nachmittags kommen und nichts gegessen haben. Wenn man sieht, wie viele Kinder unser Angebot für Mahlzeiten annehmen, ist das sehr erschreckend.

Reiner Calmund: Als ich neulich 50 Jahre alt wurde (grinst), habe ich nach Rücksprache mit dem Jugendamt in Leverkusen eine Gruppe von Sozialwaisen für eine Reise eingeladen. Alle kamen aus dem nächsten Umfeld, alle aus Leverkusen. Ich hatte es vorher nicht registriert, dass es direkt vor der Haustüre so viel Armut gibt.

Metzelder: Armut findet in Deutschland hinter verschlossenen Türen statt.

Sie wollen die Bühne der Preisverleihung nutzen, um auf Ihre Stiftung und die Projekte hinzuweisen?

Metzelder: Genau, mir geht es um gesunde Ernährung. Eine Folge von Bildungsarmut ist, dass diese Kinder bei diesem Thema nicht gut aufgeklärt sind und sich dementsprechend falsch ernähren, wenn sie sich überhaupt ernähren.

Sie haben diese Stiftung bereits vor 13 Jahren, also mitten während Ihrer Karriere gegründet. Das ist eine ungewöhnliche Initiative für einen Profifußballer. Was war und ist die Intention?

Metzelder: Ich komme aus dem katholischen Münsterland, bin in einem katholischen und politischen Haushalt mit meinen drei Brüdern groß geworden. Das prägt sehr. Es gab nie die Frage, ob man sich engagiert, es ging immer nur um das „Wie“. Nach der WM 2006, die für mich sehr einschneidend war, habe ich überlegt, die kleinen Projekte, die ich unterstützt habe, in einer Stiftung zu bündeln und ein bisschen unternehmerisch tätig zu sein. Nach 13 Jahren würde ich sagen, dass es die richtige Idee war. Ich fange nicht an, das Rad neu zu erfinden. Wir suchen mit unserem Netzwerk vielmehr nach tollen Initiativen, die bereits funktionieren und die Geld benötigen für ihre Arbeit in den Stadtteilen.

Sind Sie nur das Gesicht der Stiftung oder arbeiten Sie auch in der Organisation mit?

Metzelder: Ich bin im Vorstand und bin häufig in den Projekten unterwegs. Wir unterstützen 28 Initiativen, unser Ziel ist es, dass wir jede einmal im Jahr besuchen. Ich bin dann in den Einrichtungen, bevorzugt ohne Kamerateams oder Journalisten. So erfährt man von den Kids viel über ihre Gedanken und ihre Stadtteile. Wir wollen uns auf Augenhöhe bewegen. Das Thema Fußball ist natürlich immer ein guter Türöffner.

Registrieren Sie, dass die Kinderarmut zunimmt?

Metzelder: Durch die Flüchtlingskrise sind sicher mehr junge Menschen in den Einrichtungen dazugekommen. Der Zustrom ebbt jetzt ab, aber es gibt unverändert viele Menschen unter der Armutsgrenze in Deutschland. Das Problem bleibt präsent und verdichtet sich in bestimmten Stadtteilen, in die Menschen auch gedrängt werden, weil sie andernorts die Miete nicht mehr zahlen können. Stadtteilarbeit und offene Jugendarbeit halte ich deswegen für enorm wichtig.

Christoph Metzelder, Reiner Calmund und Christoph Pauli in München im Gespräch. Foto: Frank Paul

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist es Ihnen nicht so wichtig in der Schlemmer-Enten-Galerie mit so illustren Köchen wie Johann Lafer, Tim Mälzer, Alfons Schuhbeck, Eckart Witzigmann  oder Horst Lichter aufzutauchen.

Metzelder: Fußball und Essen mit Sterneköchen haben im Laufe der Jahre zusammengefunden. Zu Beginn meiner Karriere haben wir uns bei Auswärtsspielen in Hotels bekochen lassen. Inzwischen nehmen viele Teams wie auch die Nationalmannschaft Köche, gerne auch junge Sterneköche, mit. Es ist natürlich eine Ehre, in so einer Galerie zu stehen, aber ich bekomme die Ente nicht aufgrund meiner Kochkünste.

Gibt es die denn?

Metzelder: Meine Tochter ist begeistert, wenn ich für sie koche.

Calmund: Das ist das größte, wenn dein Kind sich darüber freut, dass der Papa gut kocht.

Herr Calmund, Sie haben die Schlemmer-Ente 2007 selbst erhalten. Welche Erinnerungen haben Sie noch von der Veranstaltung?

Calmund: Ja sicher, es war idyllisch und kein bisschen steif. Es war sicher keine Micky-Maus-Veranstaltung. Vor und nach mir sind die ganz großen TV-Köche ausgezeichnet worden wie zum Beispiel meine Favoritin Lea Linster und der Koch des Jahrtausends, Eckart Witzigmann. Das war schon eine Ehre für mich, damals habe ich mit meinen TV-Kochshows erst begonnen. Es gab übrigens ein Lieblingsgericht von mir: Der Seeteufel mit einem wunderbaren Gurken-Kartoffel-Salat, zubereitet von Rainer Hensen aus Randerath.

Sie werden die Laudatio auf den aktuellen Preisträger halten. Können Sie schon mal ein bisschen das Geheimnis lüften?

Metzelder: Ich zittere schon davor.

Calmund: Ich könnte das locker aus dem Stegreif machen, das würde dann vermutlich ein bisschen länger dauern (grinst). Die Veranstaltung und der Anlass sind hochwertig, deswegen werde ich mir vorher Gedanken machen. Es soll sicher lustig werden, aber der Hintergrund ist natürlich schon ernst. Christoph denkt nicht nur an die Leute, die gerne schlemmen, sondern auch an die vielen, die froh sind, wenn sie mittags eine Mahlzeit erhalten. Und nebenbei ist er wirklich im Laufe der Zeit selbst zum Gourmet geworden. Das wird durch die Karriere, aber auch die Arbeit mit der Stiftung befördert, weil es da viele Essenstermine mit möglichen Sponsoren gibt.

Haben sich Ihre Essgewohnheiten am Ende der Karriere verändert. Gönnen Sie sich inzwischen auch mal eine kulinarische Sünde?

Metzelder: Als Kind war ich ein unfassbar schlechter Esser. Ich musste mal zur Mutter-Kind-Kur, weil ich untergewichtig war.

Calmund: Ich auch übrigens 1954.

Metzelder: Wenn es bei uns Pizza gab, war mein Eckchen nur mit Teig und Salami. Kulinarisch hat die Zeit in Madrid meinen Horizont extrem für Fisch, für Meeresfrüchte erweitert.

Calmund: Christoph wäre auch in Madrid ein guter Reiseführer, weil er die Granatenrestaurants da kennt, und davon gibt es einige. Ich glaube fest, dass kaum einer der Fußball-Spieler so viele Sterneköche genossen hat wie Christoph.

Essen Sie auch schon mal zusammen?

Calmund: Christoph war bei meinem 70. Geburtstag, als es übrigens Seeteufel zur Vorspeise gab. Lea Linster hat das Dessert gemacht, Henning Krautmacher hat gesungen. Der ist auch ein Freak in der Küche, hat zwei Kochbücher geschrieben und im letzten Jahr die Schlemmer-Ente bekommen. Da schließt sich doch fein der Kreis.

Sie sehen sich an 34 Spieltagen jeweils im Studio in München. Wie ist Ihre Beziehung zueinander, ist das mehr als ein Experten-Austausch?

Metzelder: Wir haben uns 1999 kennengelernt. Calli wollte mich von Preußen Münster zur zweiten Mannschaft von Bayer Leverkusen holen. Bei der WM 2002 war Calli einer der Delegationsleiter, im Fußball-Business begegnet man sich ohnehin regelmäßig. Seit anderthalb Jahren verbringen wir jetzt die Fußball-Samstage bei Sky zusammen. Weil wir abends nicht mehr nach Hause kommen, sitzen wir dann regelmäßig an der Bar und gönnen uns einen Absacker. Es sind lustige Abende, die Calli mit Hunderten Anekdoten füllen kann.

Gerade geht wieder eine Champions-League-Woche ohne deutsche Beteiligung zu Ende. Liegt Ihnen das schwer im Magen, ist der deutsche Fußball zurückgefallen?

Metzelder: Wir hatten schon immer das Problem, dass die Bayern absolut konkurrenzfähig auf europäischer Ebene sind, aber wir es nicht geschafft haben, eine zweite, dritte oder vierte Mannschaft zu etablieren, die ein Viertel- oder Halbfinale dauerhaft erreichen kann. Mal Dortmund, mal Schalke, mal Leverkusen sind auf dem Weg, aber eben auch mit gewissen Schwankungen. Wenn die Bayern europäisch kränkeln, hat die Bundesliga ein Problem.

Was macht Hoffnung?

Metzelder: Die Leistung von Eintracht Frankfurt in der Bundesliga und der Europa League ist gigantisch, kann nicht hoch genug bewertet werden. Die Bayern werden wiederkommen.

Calmund: Dortmund wird da sein, und Leipzig wird sich weiter stabilisieren.

Herr Metzelder, zuletzt wurde Sie als Sportdirektor mal bei Schalke, mal in Leipzig gehandelt, dann noch als DFB-Präsident. Wäre eine Calmund`sche Funktionskarriere für Sie denkbar?

Metzelder: Schon als Kind haben mich der Transfermarkt und die Entwicklung von Klubs interessiert. Als ich 2013 die Karriere beendet habe, war ich mir sicher, in einer Funktion wie Reiner Calmund zu arbeiten – wenn ich in den Profifußball zurückkehre. Ich bin Vorsitzender beim TuS Haltern und trainiere die U 19 dort, die kurz vor dem Aufstieg in die Regionalliga steht. Als aktiver Spieler habe ich ausgeschlossen, Trainer zu werden, aber die Arbeit dort macht mir ungeheuren Spaß. Meine Lebensplanung ist jetzt so, dass ich gerne den Fußball-Lehrer machen würde, um meine Ausbildung zu komplettieren. Dann würde ich spätestens im Frühjahr 2020 sagen, dass ich in den Profifußball zurück möchte. Es kann allerdings auch früher passieren.

Was sagt der erfahrene Funktionär: In welches Biotop passt Christoph Metzelder am besten hinein?

Calmund: Ich würde gerne die Brücke zu dem ehemaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun schlagen, der Amateure und Profis unter einem Dach vereinigt hat. Er war in beiden Lagern akzeptabel vernetzt.  Brauns Einstellung verkörpert Christoph perfekt. Natürlich muss man neue Strukturen beim DFB schaffen, und man braucht einen Präsidenten, der wie ein Vorstand eines Dax-Unternehmens bezahlt wird. Da müssen wir weniger scheinheilig sein. Es kann nicht sein, dass der Co-Trainer der Nationalmannschaft wesentlich mehr als der Präsident verdient. Wir brauchen einen jungen Präsidenten. Selbst wenn ich mir die größte Mühe gebe, finde ich keinen besseren Kandidaten als Christoph. Er ist Vorsitzender in Haltern, trainiert die U 19 dort. Er ist über seine Stiftung extrem sozial engagiert, arbeitet in der Bundesliga-Stiftung mit, ist seit Jahren Vize-Präsident der Vertragsfußballer. Er kümmert sich also auch um die, die sich nicht die Taschen voll machen konnten. Und jetzt haben wir nicht mal über die Profikarriere gesprochen. Nationalspieler, Profi bei Schalke, Dortmund, Real Madrid, Vize-Weltmeister, Deutscher Meister. Ich kann das gerne fortsetzen.

Das ist schon bisschen die vorweggenommene Laudatio.

Calmund: Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass ich mich hier für einen Kumpel einsetze. Aber er bringt alles mit, hat zudem eine große Medienerfahrung, kann unfallfrei im Fernsehen reden. Sie finden in der Altersklasse keinen besseren Kandidaten. Für mich wäre so einer mit Power im Hintern eine optimale Lösung.

Christoph Metzelder, nach dieser Laudatio, wird es schwierig, ein mögliches DFB-Angebot auszuschlagen.

Metzelder (grinst): Beim DFB wird es die nötige Strukturreform vor einer Personaldiskussion geben, ehe es dann die Wahl im Herbst geben wird. Für mich ist der Weg in den Vereinsfußball derzeit realistischer.

Die Verleihung der berühmten Schlemmer-Ente ist für den 8. August geplant, eine Woche vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison. Ist gesichert, dass Sie Zeit haben?

Metzelder: Egal, was ich im Sommer mache, der Termin ist bereits im Kalender der U 19 in Haltern eingetragen.

Sie gehen also davon aus, dass Sie weiterhin die A-Jugend in Ihrer Heimat trainieren?

Metzelder: Stand heute bleibe ich da Präsident und Trainer und werde mich für den Fußballlehrer-Kurs anmelden, das ist die Planung. Aber ich merke ja auch, dass die Einschüsse näher kommen. Man muss auch sagen, dass üblicherweise nicht der erste Schritt in den Profifußball zurück wäre, DFB-Präsident zu werden.

Calmund: Wir brauchen junge Leute wie Christoph Metzelder in solchen Positionen. Und über das Bundesverdienstkreuz für seinen Einsatz habe ich noch gar nicht gesprochen. Über den Verdienstorden des Landes NRW und über das Silberne Lorbeerblatt.

Und jetzt kommt noch die Schlemmer-Ente dazu. Herr Metzelder, sind Ihnen Auszeichnungen wichtig?

Metzelder: Als Fußballer waren sie wichtig, danach nicht mehr. Auszeichnungen für das soziale Engagement waren niemals meine Motivation. Ich stehe da manchmal bei Terminen neben Leuten, die sich jahrzehntelang für eine Organisation eingesetzt haben. Zu ihnen passen solche Ehrungen, weil sie immer auch ein bisschen das Lebenswerk würdigen.

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