Aachen: Salafistische Radikalisierung: Immer mehr Mädchen in der Gefolgschaft

Aachen : Salafistische Radikalisierung: Immer mehr Mädchen in der Gefolgschaft

Hasserfüllte Reden gegen andere, nicht-islamische Glaubensgemeinschaften und deren Angehörige, aggressives Verhalten in der Gruppe, surfen auf Internetseiten mit ideologischen Inhalten — was tun, wenn Lehrer, Sozialarbeiter oder Eltern das bei Jugendlichen beobachten? Besteht Gefahr? Droht das Abdriften in eine gefährliche Richtung?

„Salafistische Radikalisierung als Herausforderung sozialarbeiterischen Handelns“ lautete das Motto einer Tagung, zu der die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen (Katho) in Aachen Experten unterschiedlicher Fachrichtungen zusammengeführt hat — eines der ersten Treffen dieser Art, wie Dekanin Professor Ute Antonia Lammel betont.

Der Anteil der Mädchen unter der salafistischen Anhängerschaft steigt deutlich. Das registrieren Experten mit Besorgnis. Foto: imago/Bonn-Sequenz

Dabei galt es, Lebensrealität und wissenschaftliche Hintergründe miteinander zu verknüpfen, um von einander zu lernen — unter anderem in Workshops zu Themen wie „Jugend stark machen“, „Prävention und Sensibilisierung“ oder „Erkennen und Umgang mit Radikalisierungsprozessen“.

Radikalisierung immer früher

Eines der wichtigsten Ergebnisse: Die Jugendlichen, die sich den Salafisten anschließen, werden immer jünger — Zwölfjährige sind keine Seltenheit mehr. Der Anteil der Mädchen steigt kontinuierlich an. „Waren es bisher etwa zehn Prozent, so werden es in naher Zukunft rund 30 Prozent sein“, betont Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie an der Universität Münster.

Fest steht für alle Beteiligten: Sobald Jugendliche damit beginnen, dieses Gedankengut zu bewundern, ihm nacheifern wollen, verändern sie sich. „Sie wollen das Neue, das sie begeistert, in die Welt posaunen“, erklärt Joachim Söder, Professor für Philosophie an der Katho. „Das gehört zu typischen Anzeichen.“

Der Salafismus, den der Verfassungsschutz als „dynamischste islamistische Bewegung“ bezeichnet, hat inzwischen in Deutschland rund 10.300 Anhänger. In der Region Aachen, Düren und Heinsberg geht man von 200 Salafisten aus. Politische Salafisten propagieren eine extrem konservative Ausprägung des Islam und einen „islamischen Gottesstaat“. Sie „missionieren Nicht-Muslime und indoktrinieren nicht-salafistische Muslime“, wie es heißt.

Das Land NRW will mit dem Präventionsprogramm „Wegweiser“ gegen die Radikalisierung vorgehen. 25 Beratungsstellen werden bis Ende dieses Jahres aufgebaut sein. Seit April gibt es auch einen „Wegweiser“ in Aachen. Dort will man junge Menschen, die für salafistisches Gedankengut empfänglich sind, so früh erreichen, dass sie nicht in die gewaltbereite Szene abrutschen.

„Aber diese Szene ist völlig unübersichtlich, das macht die Arbeit so kompliziert“, sagt Maike Nadar vom Sozialdienst für Flüchtlinge der Stadt Köln. So finden Kontaktaufnahmen vielfach nicht auf dem Schulhof, sondern im Internet oder per Whatsapp statt. Eine Vielzahl von Webseiten, auf die Jugendliche zugreifen, bieten Kurzvideos an. In Chats, Foren und sozialen Netzwerken erfolgt eine Verdichtung.

Was haben Sozialarbeiter und Lehrer dem entgegenzusetzen? „Es ist extrem schwer“, weiß Professor Barbara Schermaier-Stöckl, Professorin für Recht in der Sozialen Arbeit an der Katho Aachen. „Da gibt es großen Schulungsbedarf.“

Selbst die grundlegende Frage, warum sich Jugendliche überhaupt in ein radikales Netzwerk locken lassen, bleibt vielfach noch unbeantwortet. „Meist gibt es mehrere Auslöser“, beurteilt Ute Antonia Lammel die Situation. „Rebellion gegen Autorität, Verunsicherung, der Wunsch nach Anerkennung, nach einer persönlichen Aufwertung, all das kann dazu führen.“

Islamwissenschaftler Kiefer vergleicht das Abdriften in solche Gruppierungen mit einem „Fließband“: „Immer mehr wird auf dieses Band gepackt, von der Diskriminierung über Probleme in der Schule, bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle und sogar bei der Wohnungssuche.“ Frustriert sind die Betroffenen ansprechbar und geraten in falsche Gesellschaft.

Mutiges Handeln gefordert

Und was ist mit den Mädchen? „Bisher hat man ein solches Mädchen lediglich als Anhängsel eines ,Kriegers‘ gesehen, das von romantischen Gedanken bewegt wird“, erklärt Barbara Schermaier-Stöckl. „Inzwischen sehen Mädchen im Salafismus eine Chance zur Emanzipation, das alles spielt sich nicht öffentlich sondern in Chatrooms ab.“ Hier sei der Kinder- und Jugendschutz gefordert. „Dort wird viel in den Bereichen Missbrauch und Gewalt getan“, meint Maike Nadar. „Aber wir brauchen deutlich mehr Aktivität bei Fragen der religiösen Radikalisierung .“

Wie können Sozialarbeiter Alarmzeichen erkennen und wie sollten sie reagieren? „Man braucht Feingefühl. Es bringt gar nichts, Jugendliche vor einer Gruppe bloßzustellen“, meint die Dekanin. Lammel appelliert: „Vom Trainer bis zur Klavierlehrerin sind alle dazu aufgefordert, Anfängen einer solchen Entwicklung zu begegnen, das gelingt nur durch gute Information und mutiges Handeln.“

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