Aachen: RWTH und FH entwickeln Mathekurs für Gymnasiasten

Aachen : RWTH und FH entwickeln Mathekurs für Gymnasiasten

„Der Übergang von der Schule an die Hochschule war noch nie besonders einfach. Mit G8 ist die Kluft noch größer geworden.“ Das sagt Johanna Heitzer, Professorin für Didaktik der Mathematik an der RWTH Aachen. „Vielen Dozenten ist gar nicht klar, dass bestimmte Themen nicht mehr an der Schule thematisiert werden.“ Die RWTH wollte zusammen mit der FH Aachen das jahrelange Schwarze-Peter-Spiel beenden.

Statt weiterhin über die schlecht vorbereiteten Abiturienten in den MINT-Fächern zu jammern, entwickelten die beiden Hochschulen einen Mathekurs für die gymnasiale Oberstufe, der die reine Mathematik und ausreichend mathematische Techniken zurück in die Schule bringen sollte.

Jochen Feldhoff unterrichtet Mathematik und Informatik am Gymnasium der Stadt Kerpen. Seit dem Schuljahr 2013/14 bietet er den Q1-Schülern im 11. Jahrgang den Projektkurs „Mathe plus“ an. „Der Mathematikunterricht ist auch in Leistungskursen mittlerweile sehr pragmatisch, die Themen anwendungsorientiert. Im Projektkurs ‚Mathe plus‘ geht es mehr um Aussagelogik und Beweistechniken. Wir bauen das Gedankengebäude Mathematik grundsätzlicher auf“, beschreibt er den Unterschied.

Es geht also nicht um eine vertiefende Abiturvorbereitung. „Mathe Plus“ soll die Schüler zum einen über die erste Hürde beim Studienstart von mathelastigen Fächern bringen, zum andern in ihrer Entscheidung für ein Studium im MINT-Bereich bestärken oder gegebenenfalls auch davon abbringen. „Der Projektkurs ist keine Garantie für ein erfolgreiches Studium“, erklärt Johanna Heitzer, „aber er kann auch vor Fehlentscheidungen bewahren.“

2007 wurde „Mathe plus“ entwickelt. Die Keimzelle aus schulischer Sicht war das Aachener Couven-Gymnasium. Heute beteiligen sich mindestens 22 Schulen daran, zwölf aus der Region, aber auch aus Baden-Württemberg, Berlin, Niedersachsen und Hessen. Rund 500 Schüler entscheiden sich jedes Jahr für einen Projektkurs „Mathe plus“.

Zwei davon sind Katharina Weike und Franziska Maiß. Sie besuchen das Anne-Frank-Gymnasium in Aachen und werden im kommenden Jahr Abitur machen. Beide haben als Leistungskurs Mathematik gewählt, und die 17-jährigen jungen Frauen geben zu: „Die Aussicht, keine Facharbeit schreiben zu müssen, hat uns schon gereizt, uns für den Projektkurs zu entscheiden.“

Doch nach einem Schuljahr mit „Mathe plus“ ist das längst nicht das einzige positive, das sie zu berichten haben: „Es hilft sicher, einen Eindruck von Mathematik im Studium zu bekommen. Angenehm war die Größe des Kurses und dass wir viel selbst herausfinden konnten“, sagt Katharina. Und obwohl sie beide — anders als vorgesehen — nicht zweistündig, sondern nur einstündig den Projektkurs besuchen konnten, haben sie die anschließende Klausur in einem Hörsaal der RWTH bestanden. „Einmal im Hörsaal der Uni eine Klausur schreiben — das ist ungeheuer motivierend“, weiß Feldhoff, warum sich viele Schüler für die Teilnahme entscheiden, obwohl sie nicht verpflichtend ist.

Und zumindest Katharina kann sich ein Studium der Mathematik oder Informatik vorstellen, sollte es nichts werden mit dem Musikstudium. Franziska strebt im Moment ein Architekturstudium an — keine reine Mathematik, aber ein gewisses mathematisches Verständnis braucht man auch da.

In einem Mathematik-, Physik- oder Informatik-Studium reichen die Kenntnisse aus „Mathe plus“ tatsächlich nicht so lange. „Nach ein bis zwei Wochen waren wir darüber hinweg“, finden zumindest Benedikt Gurdon (19) und Jan Kruse (20). Beide waren Schüler von Jochen Feldhoff.

Gurdon studiert heute im vierten Semester Physik an der RWTH, Kruse hat sich für ein Duales Studium in Scientific Programming an der FH entschieden, ist bereits Mathematisch-Technischer Software-Entwickler und hat gerade seine letzte Bachelor-Prüfung gemacht. Im nächsten Semester will er den Masterstudiengang Informatik der RWTH belegen.

Kaum geahnte Fähigkeiten

Ganz sicher geholfen habe aber, so die beiden, die doch oft gänzlich andere Schreibweise kennengelernt und den ersten Kontakt mit der abstrakten Mathematik bereits in der Schule gehabt zu haben. Für Benedikt Gurdon war es sogar eine Entdeckung von bis dahin kaum geahnten Fähigkeiten und Interessen.

Nach dem Projektkurs hat er einige Mathe-Wettbewerbe bestritten und ist über eine Schülerakademie zum Thema Astroteilchenphysik schließlich zum Studium der Physik gekommen. Simon Kraus (19), ebenfalls Absolvent des Gymnasiums der Stadt Kerpen, hat sich für Medizin entschieden. Mathematik für Mediziner sei aber keine besonders schwere Herausforderung, wenn man schon einmal mit „Mathe plus“ in Berührung war. „Trotzdem war der Projektkurs sehr interessant, viel interessanter als der normale Unterricht.“

Heitzer weiß, dass ein Projektkurs kein Allheilmittel gegen Studienstartschwierigkeiten ist. „Aber den Vorkurs Mathematik in den Sommerferien vor Studienbeginn kann man sich damit schon ersparen und lieber die Ferien genießen.“