RWTH-Rektor Ulrich Rüdiger über die Exzellenz-Entscheidung

Ulrich Rüdiger zur Exzellenz-Entscheidung : „Wir gehen nicht leer aus“, glaubt der RWTH-Rektor

Seit knapp einem Jahr ist Ulrich Rüdiger Rektor der RWTH Aachen. In seinem ersten Jahr hat die Hochschule gleich drei Exzellenzcluster bekommen. Am 19. Juli entscheidet sich, ob die jetzige Exzellenzuniversität diesen Titel auch weiter führen kann – und Geld für die Profilierung der Hochschule bekommt. Im Gespräch mit Redakteurin Madeleine Gullert erklärt der 53-jährige Physiker und RWTH-Rektor, warum Scheitern eigentlich keine Option ist.

Herr Rüdiger, Sie sitzen hier ganz entspannt. Sind Sie das am 19. Juli auch noch oder werden Sie dann aufgeregt sein?

Ulrich Rüdiger: Ich bin grundsätzlich relativ gelassen. Wenn ein Rektor aufgeregt ist, ist das nicht förderlich für die Uni. Seit 2007 bin ich Mitglied in einem Rektorat – erst in Konstanz, jetzt in Aachen. Ich mag Wettbewerb. Ich mag es, Strategien und Visionen zu entwickeln und das auch vor Gutachtern zu verteidigen.

Was war denn Ihr Gefühl nach dem Besuch der Gutachter im Januar?

Rüdiger: Die Gutachter haben jeden Stein auf dem Campus umgedreht. Sie haben alles kritisch hinterfragt und uns gekitzelt. Darauf waren wir bestmöglich vorbereitet. Wir hatten den Eindruck, dass wir die Gutachterinnen und Gutachter von unserem Konzept überzeugen konnten. Natürlich gilt das auch für andere Standorte. Die Kurzgutachten sind inzwischen an alle 16 Wissenschaftsministerien der Länder verschickt worden. Es gibt zwar Gerüchte, aber das ist nichts weiter als Kaffeesatzleserei. Wenn der Tag der Entscheidung dann wirklich da ist, zittert man zwar nicht, hat aber den nötigen Respekt, schließlich steckte für alle Beteiligten viel Arbeit in der Bewerbung. Es geht um Karrieren, Hoffnungen und Arbeitsplätze.

Was ist wichtiger: der Titel oder das damit verbundene Geld?

Rüdiger: Damals in Konstanz waren die Fördergelder im Rahmen der Exzellenzinitiative im Verhältnis zum Etat sehr viel Geld. Das ist in Aachen weniger gravierend: 15 Millionen pro Jahr, die zusätzlich zum Etat von fast einer Milliarde Euro dazukommen, sind vergleichsweise wenig. Aber das Geld ist trotzdem wichtig, weil der Haushaltsetat und auch die Fördermittel für einzelne Projekte festgelegt sind. Die 15 Millionen Euro können wir hingegen flexibel einsetzen, um Dinge anzuschieben, die uns wichtig sind – etwa Professorenstellen in unseren Profilbereichen schaffen. Vor allem aber erhöht der Titel die Sichtbarkeit, auch im Ausland. Studierende kommen an die RWTH Aachen, weil wir Exzellenzuni sind. Das ist gutes Marketing.

Was hätte es für Konsequenzen, wenn Sie am 19. Juli leer ausgingen?

Rüdiger: Wir gehen nicht leer aus. (lacht)

Dann wäre ja alles gesagt.

Rüdiger: Das war jetzt etwas flapsig. Aber es gibt viele Menschen, die von uns erwarten, dass wir den Titel wieder bekommen. Und wir haben den Anspruch und das Selbstbewusstsein, dass die RWTH möglichst erfolgreich aus dem Wettbewerb hervorgeht. Aber selbst wenn wir nicht weiter Exzellenzuni blieben, setzen wir unsere formulierte Strategie um. Dann dauert es zwar etwas länger. Die Exzellenzstrategie ist unser Hochschulentwicklungsplan.

Es wird am 19. Juli auch Verlierer geben. Wie sehr haftet den Unis das später an?

Rüdiger: Wenn man sich an einem Wettbewerb beteiligt, muss man mit dem Scheitern rechnen. Es gab schon Überraschungen, beispielsweise sind die Unis Göttingen, Darmstadt und Frankfurt nicht mehr mit dabei. Natürlich ist es nicht schön, einen Titel zu verlieren. Ich möchte aber nicht von Verlierern sprechen, das sind ja trotzdem tolle Unis. Die Freiburger etwa, die 2012 ihren Exzellenzstatus verloren haben, stehen in allen Rankings nach wie vor gut da. Es wird sich erst in einigen Jahren zeigen, wie stark sich der Verlust eines Titels auswirkt.

Die jetzigen Exzellenzunis jedenfalls haben den Anteil ihrer Fördergelder der DFG massiv erhöhen können. Führt diese ganze Exzellenzstrategie zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Rüdiger: Ich will nicht von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, sondern von Ausdifferenzierung sprechen. In den 1980er Jahren gab es ein Bekenntnis zum Grundsatz, dass alle Hochschulen gleich stark seien. Das war aus meiner heutigen Sicht ein Trugschluss. Es gibt ein gutes Fundament und eine breite Spitze, die für meine Begriffe mit den Exzellenzunis in etwa deckungsgleich ist. Es gibt Volluniversitäten mit breitem Fächerspektrum und ausdifferenzierte Universitäten, die ein eigenes Profil haben. Die RWTH steht in ihrem Profil für etwas.

Wofür steht die RWTH Aachen denn und wofür soll sie stehen?

Rüdiger: Bei der Neuformulierung der Exzellenzstrategie haben wir uns gefragt, wofür wir bekannt sein wollen. Dass wir bärenstark sind in den Ingenieurwissenschaften, ist bekannt. Das wollen wir bleiben, aber das reicht uns nicht. Unser Motto ist: Knowledge, Impact, Networks. Wir möchten also Wissen schaffen, das Wirksamkeit in der Gesellschaft und in der Wirtschaft entfaltet. Zugleich sind wir überzeugt davon, dass die RWTH das nur schaffen kann, wenn wir in einem Netzwerk mit starken Partnern wie dem Forschungszentrum Jülich im Rahmen der Jülich Aachen Research Alliance (Jara) zusammenarbeiten. Es soll hier nicht nur Grundlagenforschung betrieben, sondern Entwicklung und Innovation bis hin zu fertigen Produkten mitgestaltet werden. Derzeit gründen sich jährlich etwa 50 Unternehmen aus, das wollen wir auf 90 steigern. Wir wollen eine Entrepreneurship-Kultur auch bei Studierenden, wo immer es möglich ist, implementieren. Künstliche Intelligenz ist ebenfalls ein zentrales Thema unserer Entwicklung, daher werden wir Data Science und Life Science stärken. Bei letzterer schlagen wir zudem eine Brücke zwischen der Medizin und den Ingenieurwissenschaften.

Das Bild, wonach die RWTH mit Maschinenbau gleichzusetzen ist, reicht Ihnen also nicht.

Rüdiger: Nein, überhaupt nicht. Die Fragestellungen heute werden immer komplexer etwa den Klimawandel betreffend. Solche Aufgaben lassen sich nicht mehr monodisziplinär lösen.

Welche Rolle spielen in so einer interdisziplinär angelegten Forschung die Geisteswissenschaften?

Rüdiger: Es gibt Universitäten, die da prägnanter auftreten. Aber: Wir haben in der Fakultät einiges umstrukturiert. Wir haben einen Bereich neu gegründet: das Human Technology Center, kurz HumTec. Wie verändert Technologie die Gesellschaft? Was macht die Nutzung von Künstlicher Intelligenz mit uns? Das sind moderne Fragen, denen sich die Geisteswissenschaften zuwenden müssen. Die Geisteswissenschaften sollen nicht als Feigenblatt dienen, sondern sie müssen die Entwicklungen etwa im Bereich Mobilität, Diagnostik in der Medizin oder Produktionstechnologie begleiten und steuern.

Ihr Vorgänger hat sinngemäß gesagt, dass die Geisteswissenschaften den Naturwissenschaften dienen sollen. Das hatte nichts mit Augenhöhe zu tun .­.­.

Rüdiger: Die Aussage ist mir in dieser Form nicht bekannt.

Wollen Sie die Rolle der Geisteswissenschaften stärken?

Rüdiger: Das HumTec-Center arbeitet aktiv mit eigenen Projekten im Rahmen der Forschungsprogramme mit. Die Geisteswissenschaftler sind auch in die Exzellenzantragstellung eingebunden.

Wie sehen Sie denn persönlich die Geisteswissenschaften: Hätten Sie lieber, dass Ihre Kinder Physik oder Philosophie studieren?

Rüdiger: Ich muss unsere Vergangenheit kennen, um die Zukunft zu planen. Die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind deshalb wichtig. Was meine Kinder betrifft: Als Eltern begleiten wir das, aber wir machen ihnen keine Vorschriften. Sie können sich über jeden Interessenbereich informieren. Hauptsache, sie entwickeln Leidenschaft für ein Fach. Ich hätte kein Problem damit, wenn eines meiner Kinder Philosophie studiert. Das ist allerdings nicht in Sicht, aber genauso wenig ein Physikstudium.

Zurück zu den Exzellenzclustern. Kritiker bemängeln, dass die zeitlich limitierten Cluster befristete Verträge von Nachwuchswissenschaftlern noch befördern. Wie werten Sie dieses Problem?

Rüdiger: Man muss das sorgfältig im Blick haben. Eine Universität lebt vom Kommen und Gehen von Persönlichkeiten und ihren Ideen. Das fängt bei den Studierenden an, geht weiter über die Beschäftigten bis hin zur Professorenschaft. Eine Uni ist wie ein Durchlauferhitzer, aber man braucht auch Personal, das für eine Konstanz, für ein Gedächtnis, sorgt. Ich verstehe, dass eine feste Stelle für manche sehr bedeutend ist. Mehr als ein Viertel der Stellen sollten aber nicht unbefristet sein. Wir brauchen als Uni kreativen Wettbewerb, weil er eine Qualitätskontrolle ist. Wir müssen das System beweglich halten, sonst gehen uns Ideen aus wie in den 1970er Jahren. Das hat zu einer Lähmung geführt.

Eine weitere Kritik an der Exzellenzstrategie ist, dass Studenten und Studentinnen gar nicht merken, dass sie an einer Exzellenzuni studieren. Studentenvertretungen bundesweit beklagen meist, dass in der Lehre von dem Geld nichts ankommt.

Rüdiger: Das ist ein Mythos, den ich bereits seit zehn Jahren aus dem Weg räumen will.

Dann legen Sie mal los!

Rüdiger: In den vergangenen zehn Jahren konnten an der RWTH dank des Exzellenzstatus und weiteren Förder- und Ausbauprogrammen zusätzlich 120 Professuren eingerichtet werden. Alle unterrichten mindestens neun Semesterwochenstunden, die es so vorher nicht gab. Insgesamt konnten 3000 zusätzliche Beschäftigte, überwiegend Wissenschaftler, eingestellt werden. Sie betreuen auch Abschlussarbeiten, was den Studierenden zugutekommt. Dies macht sich vielleicht eher im Masterstudium als in den ersten Bachelor-Semestern bemerkbar.

Sie sind bald ein Jahr in Aachen. Wie war das Jahr?

Rüdiger: Spannend und fordernd, ich habe viel Neues gelernt. Ich bin unheimlich gern Rektor der RWTH Aachen, weil man mir eine facettenreiche, verantwortungsvolle Aufgabe in die Hände gelegt hat. Für die Stadt möchte ich den Campus-Mitte wieder lebenswert gestalten: Ich möchte, dass hier studiert, geforscht und mit hohem Identifikationspotenzial gelebt und geliebt wird. Es gibt also auch neben der Exzellenzstrategie unheimlich viel zu tun. Ich freue ich auf die nächsten Jahre.

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