Aachen: RWTH-Professorin Johanna Heitzer: „Schönheit der Mathematik genießen“

Aachen : RWTH-Professorin Johanna Heitzer: „Schönheit der Mathematik genießen“

Prof. Dr. Johanna Heitzer kann Zahlen und Formeln viel abgewinnen. Diesen Spaß hat sie neun Jahre lang als Lehrerin für Mathematik und Physik Gymnasiasten vermittelt. Jetzt sorgt sie an der RWTH Aachen dafür, dass sich Lehramtsstudierende gut auf ihren zukünftigen Beruf vorbereiten können. Im Interview erklärt sie, wie moderner Unterricht die Freude an Mathematik fördern kann.

Hatten Sie Spaß am Mathematikunterricht, als Sie selbst noch Schülerin waren?

Prof. Johanna Heitzer: Ja, ich schon. Ich mochte Mathe gern und mir lag das auch, sonst hätte ich dieses Fach wohl kaum zum Beruf gemacht. Ich hatte zudem meistens Glück mit meinen Lehrern.

Muss man Glück mit dem Lehrer haben, um Spaß an Mathematik zu haben?

Heitzer: Es hängt schon auch vom Lehrer ab. Wie er es „verkauft“, ob er das Interesse daran erhalten kann und einem Chancen gibt, selbst zu denken.

Unterscheidet sich der Unterricht, den Sie erlebt haben, von dem heutigen?

Heitzer: Zunächst sind die Schüler heute anders als früher — in ihren Fähigkeiten und in ihrer Alltagsgestaltung.

Was meinen Sie?

Heitzer: Die Schüler haben durch die digitale Welt heute die Möglichkeit, extrem schnell an Informationen — manchmal auch Pseudoinformationen — zu kommen. Sie können sich ganz anders austauschen. Zudem gibt es durch die allgegenwärtigen Ablenkungsmöglichkeiten praktisch keine echte Langeweile mehr. Langeweile ist aber ein Antrieb, sich mit Dingen zu befassen, die auf den ersten Blick anstrengend wirken. Sie bringt einen auf Ideen.

Die Schüler sind also anders, deshalb muss auch der Unterricht anders sein. Lehrer müssen zum Beispiel einen Umgang damit finden, dass Schülern völlig neue „Lernhilfen“ zur Verfügung stehen. Es gibt Software für Smartphones, mit der die Matheaufgaben im Buch oder auch an der Tafel gescannt werden können und die sofort die Lösung ausspucken. Warum soll man dann noch mathematische Dinge im Kopf können, fragen sich viele.

Was ist die Antwort?

Heitzer: Die Menschheit steht vor großen Herausforderungen — womöglich mehr denn je. Die können nur von Menschen gelöst werden. Computerprogramme können dafür nur Hilfsmittel sein. Dafür brauchen wir trainierte Menschengehirne und die Fähigkeit, Informationen bewerten zu können. Was ist gehaltvoll, was ist messbar? Außerdem macht Mathematik eben doch auch Freude. So wie man den Körper trainiert und glücklich ist, wenn man im Fußballspiel Erfolg hat, so ist es auch mit den geistigen Kräften.

Was gibt es Schöneres, als zu merken: Jetzt habe ich es verstanden. Der Groschen ist gefallen! Herausragende Eigenschaften der Mathematik — ihr Wahrheitsgrad, ihre Ökonomie und ihre Tragweite — können schon von Kindern wahrgenommen werden und das Fach für sie attraktiv machen.

Trotzdem fällt es einigen Kindern schwer, sich an mathematischen Herausforderungen zu erfreuen. Wie können Sie die begeistern?

Heitzer: Zunächst finde ich es fatal, wenn Kindern vermittelt wird: Mathe kann man — oder man kann‘s nicht. Jedes Kind kann Erfolgserlebnisse haben und auch emotional angesprochen werden. Die Leistungsbreite nimmt in den Klassen tendenziell zu. Deshalb ist Frontalunterricht im gleichen Tempo und mit identischen Zielen für alle keinesfalls das einzige Mittel der Wahl.

Wesentlicher Teil des Lehramtsstudiums ist heute zu lernen, für Diagnose und Binnendifferenzierung geeignetere Formate für den Mathematikunterricht konkret auszugestalten. Für den individuellen Unterricht sind zudem Computer eine große Hilfe, weil sie unterschiedliche Zugänge und damit auch individuelle Erfolgserlebnisse ermöglichen. Lernpsychologische Erkenntnis ist aber auch, dass Begreifen, Ausprobieren und Veranschaulichen das Lernen befördern. Medien verschiedenster Art sind dafür ungeheuer wertvoll.

Wie kann das aussehen?

Heitzer: Nehmen Sie das Unendlichzeichen, eine auf die Seite gefallene Acht. Die Olympiasieger im Paarlaufen haben in diesem Jahr damit ihre Goldkür begonnen. Das ist ein ganz anderer Ansatz, weil wir es doch eher gewohnt sind, mathematische Zeichen und Formeln in naturwissenschaftlichen oder technischen Bereichen zu finden.

Möglicherweise gelingt manchen Kindern über diesen Weg der Einstieg in die Mathematik besser. Denn hier liegt ein Unterschied: Die Schönheit der Goldkür erschließt sich unmittelbar. Um die Schönheit der Mathematik zu genießen, muss man aber auch deren Abstraktheit und Strenge aushalten.

Man kann sich relativ problemlos mit einer schlechten Mathenote „rühmen“. Woran liegt das?

Heitzer: Denken Sie an Ihre eigene Schulklasse. Wie viele von denen, die mit Mathematik oder Physik richtig gut klarkamen, sind Journalisten oder Politiker geworden? Mit anderen Worten: Ich wage die These, dass unter denjenigen, die die öffentliche Meinung und gesellschaftliche Entwicklung besonders stark prägen, solche Köpfe unterrepräsentiert sind.

Außerdem dauert es leider oft etwas länger, bis man in seiner Schullaufbahn eine Lehrkraft trifft, die sich für Mathematik richtig begeistern und diese Begeisterung auch vermitteln kann. In der Grundschule wird das Fach — den eigenen Neigungen entsprechend — womöglich häufiger etwas kurz gehalten und weniger ideenreich unterrichtet. Das kann prägend sein. Manche Dyskalkulie-Diagnose beruht eher auf einer unglücklichen Einführung des Zahlenbegriffs.

Wie viel Nachholbedarf haben Frauen beim Wecken ihrer Matheleidenschaft noch?

Heitzer: Frauen machen insgesamt knapp 40 Prozent, im Lehramtsbereich ziemlich genau 50 Prozent, unserer Mathematikstudierenden aus. In der Summe wird heute vermutlich mehr als die Hälfte des schulischen Mathematikunterrichts von Frauen getragen. In der Professorenschaft haben wir Aufholbedarf. Was den MINT-Bereich im Ganzen angeht, mag es tendenzielle Neigungsunterschiede zum Lebendigen beziehungsweise zum Technischen geben, aber ganz viel ist Rolle und Vorbild.

Wie kann man die Mädchen denn packen?

Heitzer: Vielfalt in den Kontexten bieten: Roboter auf Tanzchoreographien programmieren ist gleichermaßen lehrreich. Auch kann man über Gruppenzusammensetzung einiges steuern. Nicht immer sind gemischte Gruppen förderlich. Gleichgeschlechtliche Gruppen verhindern etwa Strukturen, in denen Jungen eher den experimentierenden, Mädchen den abwägenden Part übernehmen. Fest steht: Für die Herausforderungen der Zukunft brauchen wir beides und alle.

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