Region: RWTH Aachen hilft Lehrern mit ihrer Stimme

Region : RWTH Aachen hilft Lehrern mit ihrer Stimme

Irgendwo im Kármán-Gebäude der RWTH Aachen befindet sich ein Tonstudio: schallschluckende Schaumstoffverkleidung an der Wand, ein Mikrofon, ein Rechner. Katja Wollschläger steht am Mikrofon, Katrin von Laguna sitzt am Rechner. Doch Wollschläger schmettert keine Koloraturen, und von Laguna mischt keine Sounds dazu.

„Ssssssssssssssssssss“ intoniert die 26-jährige Studentin Wollschläger, solange die Luft reicht. Erst stimmlos, dann stimmhaft. Danach ein „Aaaaaaaaaaaa“ und noch einige andere Tonübungen.

Auswerten der Stimmdaten: Bernd Christmann und Katja von Laguna sind Sprechwissenschaftler. Die Sprecherziehung sei immens wichtig für angehende Lehrer, sagen sie. Foto: Heike Lachmann

Einen Text möge sie bitte auch noch vorlesen, meint von Laguna, die von der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS) ausgebildete und jetzt von der RWTH beschäftigte Sprecherzieherin. Nach 15 Minuten weiß Katja Wollschläger, an welchen Stellen sie noch arbeiten muss und was seit ihrem ersten Test bei von Laguna bereits besser geworden ist.

Gegen große Widerstände

„Es ist ja schon ganz erstaunlich, dass Schauspieler und Sprecher im Fernsehen oder Radio ganz selbstverständlich eine Sprecherziehung bekommen. Lehrer, die jeden Tag ihre Stimme viele Stunden auch gegen große Widerstände einsetzen müssen, aber nicht“, erklärt Bernd Christmann, Kollege von Katrin von Laguna.

Insgesamt arbeiten fünf Sprechwissenschaftler am Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH und bieten seit dem Wintersemester 2016/17 „Stimmlich fit fürs Lehramt“ im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ an — eine bislang bundesweit einzigartige Initiative. „Anhaltende Probleme mit der Stimme sind bei Lehrern nicht einmal als Berufskrankheit anerkannt. Dabei geben viele ihren Beruf irgendwann gerade deswegen auf“, erklärt Christmann die Notwendigkeit. Weitere Baustein der Qualitätsoffensive sind Medien-, Lehr- und Schreibkompetenz.

Von Laguna geht mit dem Computerprogramm verschiedenen Fragen bei Wollschläger nach: Wie dosiert sie die Luft? Entspricht die genutzte Stimmhöhe der natürlichen? Welche Bereiche nutzt die angehende Lehrerin für Englisch und Wirtschaftswissenschaften am Berufskolleg? Liegt ein Hauch auf der Stimme, ist sie rau? „Mir war anfangs nie so klar, dass die Stimme wichtig für den Lehrerberuf ist. Aber im Laufe des Studiums habe ich gemerkt, dass ich Probleme mit der Atmung habe. Es stört schon sehr, wenn man bei Präsentationen nicht frei sprechen kann“, erklärt Wollschläger, warum sie zu den Sprechwissenschaftlern der RWTH gegangen ist.

Zwischen dem ersten und zweiten Screening hat sie einen Workshop besucht, in dem sie mit verschiedenen Körper- und Stimmübungen mehr Bewusstsein für ihr wichtigstes berufliches Instrument entwickelt hat. Trotzdem empfiehlt ihr von Laguna: „Vielleicht besuchen Sie noch einen Workshop oder besser ein Seminar, in dem sie sich wöchentlich um ihre Stimme kümmern können.“ Jedes Stimmscreening, jeder Workshop, jedes Seminar ist für Lehramtsstudierende kostenlos und in der Anzahl nicht begrenzt.

Doch eigentlich stellt sich Projektleiterin von Laguna ganz etwas anderes vor: „Wir wünschen uns die curriculare Verankerung des Stimmscreenings und werden darin auch vom Prorektor für Lehre, Professor Aloys Krieg, unterstützt.“ Das würde bedeuten: Für alle Lehramtsstudierenden der RWTH wäre ein Stimmscreening am Anfang des Studiums verpflichtend. „Das Ergebnis soll dann allerdings kein Ausschlusskriterium sein, sondern vielmehr die Studierenden frühzeitig auf Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam machen“, erläutert von Laguna.

Denn tatsächlich lässt sich mit relativ einfachen Methoden viel erreichen. Wollschläger kennt nach einem Workshoptag nicht nur den Unterschied zwischen Brust- und Bauchatmung, sondern übt auch regelmäßig die gesündere Bauchatmung. Ihr Stimmumfang ist gestiegen, und auch mit der Luftdosierung klappt es besser. „Es ist immer leichter, an der Stimme zu arbeiten, wenn sie noch nicht unter voller Belastung steht“, hält auch Christmann ein frühes Bewusstseins- und Stimmhygienetraining für sinnvoll.

Fortbildungen für im Beruf stehende Lehrer — in diesem Bereich extrem selten angeboten — könnten das Angebot ergänzen. Außerdem wäre dann auch mehr Forschung und Entwicklung möglich: „Zusammen mit Physikern und Informatikern ein maßgeschneidertes Stimmscreening-Programm entwickeln — gerade an der RWTH haben wir dafür alle Ressourcen“, spinnt von Laguna schnell Visionen.

So weit ist es bislang noch nicht. Dennoch hat „Stimmlich fit ins Lehramt“ Wollschläger schon große Schritte nach vorn gebracht. Sie ist ein wenig erleichtert. Aufregend sind die 15 Minuten im Tonstudio schon. Aber ohne Frage hilfreich — es wird sicher nicht ihr letzter Besuch gewesen sein. Langsam gewöhnt sie sich an „Ssssssssssssssssssssss“ und „Aaaaaaaaaaaaa“.

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