Köln: Rüttgers stellt Bauaufsicht nach Kölner Archiveinsturz auf Prüfstand

Köln: Rüttgers stellt Bauaufsicht nach Kölner Archiveinsturz auf Prüfstand

Als Konsequenz aus dem Gebäudeeinsturz in der Kölner Südstadt will Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) die Bauaufsicht in Nordrhein-Westfalen auf den Prüfstand stellen.

Der Schock sitzt auch dreieinhalb Monate nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs noch tief. „Was dort geschehen ist, war eine Katastrophe. Es ist eine tiefe Wunde, die der Stadt geschlagen wurde”, sagte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) bei einer Tagung von Archiv-Experten am Mittwoch in Köln. „Seit dem Unglück haben viele Bürger Angst und fragen sich, ob Großbauten vor ihrer Haustür noch sicher sind.” Seine Forderung: „Die Bauaufsicht muss auf den Prüfstand, und zwar in Gänze.”

Wenn auch noch unklar ist, wie genau es zu dem Unglück kam - dass es im Zusammenhang mit der benachbarten U-Bahn-Großbaustelle steht, ist laut Rüttgers unstrittig: „Beim Bau der U-Bahn ist etwas gewaltig schief gelaufen - mit katastrophalen Folgen.” Beim Einsturz des Historischen Stadtarchivs und zweier Nachbarhäuser waren am 3. März zwei junge Männer ums Leben gekommen.

Die Expertenrunde am Mittwoch befasste sich vor allem damit, wie Archivgebäude in Zukunft sicherer gemacht und Archivgüter besser geschützt werden können. „Aus dem Unglück von Köln müssen Archive in aller Welt Lehren ziehen”, mahnte David Leitch, Generalsekretär des Internationalen Archivrats. Zumindest die wichtigsten Dokumente müssten digitalisiert und an einem anderen Ort aufbewahrt werden. Archive sollten weltweit noch enger zusammenarbeiten.

Der Präsident des Bundesarchivs, Hartmut Weber, forderte die Erstellung eines individuelles Risikoprofils für jedes Archiv. „Das muss in Abstimmung mit den zuständigen Baubehörden entwickelt und ständig fortgeschrieben werden.” Mögliche Risiken und Notfallpläne müssten so exakt wie möglich definiert werden. Zwar könnten auch dadurch nicht jegliche Unglücke endgültig ausgeschlossen werden, aber es sei wichtig, für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein.

Eine solche Risikoanalyse hat beispielsweise das britische Nationalarchiv in London erarbeitet: Sie listet nach Angaben von Restauratorin Anna Bülow rund 300 potenzielle Gefahren auf - darunter etwa die Möglichkeit, dass ein Flugzeug auf das Gebäude stürzen könnte.

Noch mehr Sorgen als plötzliche Unglücke machen den Experten aber Probleme, mit denen die Archive täglich zu kämpfen haben - Papierzerfall, knappe Mittel und ein eher geringes öffentliches Interesse. „Die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik gilt nur den ganz auffälligen Ereignissen, bei denen Archivgut zu Schaden kommt. Schleichende Schäden durch falsche Lagerung oder Abnutzung werden weit weniger wahrgenommen”, klagte unter anderem Bundesarchivs-Präsident Weber. „Der Blick auf Köln darf die großen Defizite bei der Erhaltung von Kulturgut insgesamt nicht verstellen.”

Von den verschütteten Kölner Archivgütern sind nach Angaben von Rüttgers inzwischen etwa 80 Prozent geborgen worden. Die Stadt will ein neues Archiv bauen, das in etwa fünf Jahren fertig sein soll. Der Standort ist noch unklar. Mit dem geplanten Neubau solle das Stadtarchiv auch seine vorherige kulturelle Bedeutung zurückerhalten, sagte Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU). „In Köln muss Europas modernstes und sicherstes Kommunalarchiv entstehen.”

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