Volkskrankheit: Rückenschmerz bleibt „Spitzenreiter“ im Gesundheitsbericht

Volkskrankheit: Rückenschmerz bleibt „Spitzenreiter“ im Gesundheitsbericht

„Ich hab‘ Rücken!“ Der Spruch wird häufig belächelt, aber wer tatsächlich unter Rückenbeschwerden („Dorsopathien“) leidet, findet das gar nicht lustig. „Rätsel Rücken — warum leiden so viele Menschen in Nordrhein-Westfalen unter Schmerzen?“ ist der Titel des aktuellen Gesundheitsberichts mit der Bilanz aus 2017, den die DAK am Mittwoch in Aachen vorstellte.

Und vorab: Es gibt keine schlüssige Antwort auf diese Frage.

Der Gesundheitsbericht wird durch Daten der DAK gespeist, die in der Städteregion, den Kreisen Düren, Euskirchen und dem Erftkreis rund 70.000, in NRW 1,1 Millionen und bundesweit 4,8 Millionen Versicherte hat. Zusätzlich wurden 5224 Erwerbstätige im Alter zwischen 18 und 65 Jahren online befragt.

Das „Rätsel Rücken“ betrifft in NRW 4,1 Prozent der Bevölkerung — 4,5 Prozent sind es in der Region. „Trotz Prävention und zahlreicher Angebote für die Rückengesundheit leiden immer mehr Menschen unter diesen Beschwerden“, betont Michael Engels, Leiter des DAK-Servicezentrums in Aachen.

Betrachtet man regional Fälle von Langzeiterkrankungen (Arbeitsunfähigkeit ab 43 Tage und mehr), so sind hier 48,6 Prozent sämtlicher Fehltage auf Rückenleiden zurückzuführen. Pro 100 Beschäftigte in der Region ergeben sich rund 87 Fehltage mit besagten Symptomen.

Hochgerechnet sind das 609.000 Fehltage in 2017. Im Bundesvergleich steht Nordrhein-Westfalen allerdings gar nicht so schlecht da: 84,7 Fehltage je 100 Versicherte kann man zum Beispiel 135 Fehltagen in Mecklenburg-Vorpommern gegenüberstellen. Mit 56,3 Krankschreibungstagen gibt es für Hamburg den niedrigsten Wert.

Damit steht dieses Krankheitsbild (Erkrankungsgruppe: Muskel-Skelett-System) mit 20,2 Prozent im Reigen der Krankheitsfälle an nahezu gleicher Stelle wie psychische Erkrankungen. „Das überschneidet sich“, betont Professor Michael Grözinger, Psychiater an der Uniklinik Aachen. „Depressive Menschen haben häufig Schmerzen, die auch den Rücken betreffen können. Schicksalsschläge zählen gleichfalls zu den Auslösern, das kann eine Trennung, der Tod eines Angehörigen oder der Verlust des Arbeitsplatzes sein.“

Mit dem Phänomen „Rückenschmerzen“ hat sich der DAK-Gesundheitsreport bereits 2003 beschäftigt. Deprimierende Bilanz für 2017: „Unsere Angebote zum Gesundheitsmanagement haben deutlich zugenommen“, sagt Jürgen Scholtes, stellvertretender Leiter des Servicezentrums. „Prozentuale Verbesserungen gibt es aber nicht.“

Unter den „Top 10“ der Diagnosen liegt „M54 — Rückenschmerzen“ mit 5,4 Prozent nach „depressiven Episoden“ (6,7 Prozent) und „Akuten Infektionen“ (5,8 Prozent) an dritter Stelle. Was in den Befragungen auffiel: Es gibt zahlreiche Menschen, die trotz der Beschwerden zur Arbeit gehen — nur 18 Prozent lassen sich krankschreiben. Ärztliche Hilfe holt man sich meist beim Hausarzt, setzt auf Medikamente, Injektionen und (eventuell) die Unterstützung durch Physiotherapie.

In NRW hatte über ein Drittel der Beschäftigten 2017 Beschwerden, die sich zu 79 Prozent an der Lendenwirbelsäule, zu 41 Prozent an der Halswirbelsäule und zu nur 15 Prozent an der Brustwirbelsäule bemerkbar machten.

Sportunfälle spielen eine Rolle

Menschen, die zu lange und ganz falsch sitzen? „Das wird eine Rolle spielen, aber es gibt zudem zahlreiche Sportarten, die Unfälle mit Beteiligung des Rückens verursachen“, weiß Engels.

Bei Faktoren, die zu einer Krankmeldung führten, haben Befragte nicht nur das Arbeiten in unbequemer Haltung angeführt. Die Tatsache, dass „tägliche Arbeit fast nie mit Freude erledigt wird“, führt nach Eindruck der Betroffenen gleichfalls zu „Rücken“. Und das kann irgendwann chronisch werden. Was man sich wünscht, ist die Verbesserung von Arbeitsbedingungen sowie die stärkere Vermeidung von Stress etwa durch Zeitdruck und Konflikte. Aufgefallen ist den Gesundheitsexperten, dass seit 2007 die Zahl der Aufnahmen in Krankenhäusern wegen eines Rückenproblems um 80 Prozent angestiegen ist. Darauf, so die DAK-Vertreter, wird man reagieren müssen.

Infos im Internet unter: www.dak.de/dak/bundes-themen/gesundheitsreport

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