Versteigerung in Düsseldorf: Rostlaube oder womöglich Ex-Agenten-Auto?

Versteigerung in Düsseldorf : Rostlaube oder womöglich Ex-Agenten-Auto?

Der Krankenwagen hat seine besten Tage schon hinter sich. Die Motorhaube ist zerquetscht, die ausgelösten Airbags zeugen von einem harten Aufprall. Im Inneren riecht es nach Fett und Moder, auf den Sitzen liegen Gummibärchen und leere Fastfood-Kartons. Ein Fall für die Schrottpresse? Keineswegs.

Neugierig schleichen Interessenten um das ramponierte Fahrzeug, schauen durchs Fenster, prüfen die Reifen, wackeln an den quietschenden Türen.

Die Ambulanz, ein VW LT 35, steht auf dem Hof der Oberfinanzdirektion NRW in Düsseldorf. Sie ist eines von 149 Fahrzeugen, die an diesem Morgen versteigert werden. Dutzende Ford Focus sind darunter, viele Kombis und noch mehr Transporter. Auch Feuerwehrautos, Gefangenenbusse und ein Motorrad aus dem Jahr 1952 befinden sich in der ungewöhnlichen Kollektion, die das Land NRW vor und in einer großen Werkshalle ausstellt. Es handelt sich entweder um beschlagnahmte Autos. Oder um amtliche Dienstfahrzeuge, die von den Behörden aussortiert wurden.

Da die Fahrzeuge von allen Landesbehörden stammen, kommt einiges zusammen. Immerhin befinden sich aktuell rund 20 000 Fahrzeuge im Besitz des Landes NRW, davon über die Hälfte bei der Polizei. Weil der Nachschub an altem Blech also nie versiegt, lädt die Oberfinanzdirektion jeden ersten Mittwoch im Monat zur großen Auktion. Das Angebot kommt gut an: Schon am frühen Morgen versammeln sich die ersten Interessenten vor der Lagerhalle; manche rücken mit Klappstühlen, Versteigerungskatalog und eigenen Abschlepp-Anhängern an.

Das Publikum ist so verschieden wie die Autos, die in der Lagerhalle stehen: Im Versteigerungsraum treffen Frauen mit Kopftüchern auf Männer in Springerstiefeln, Omis mit Enkeln auf professionelle Händler. Arabische Stimmen mischen sich mit rheinischem Singsang. Nur der Auktionator ist kaum zu verstehen. Er sitzt auf einem Podest und verliest die Versteigerungsbedingungen — staatstragend korrekt, aber doch etwas leise. Im allgemeinen Gebrabbel dringt kaum etwas durch, allenfalls einzelne Wörter: „Versteigerung“, „Mindestgebot“, „abgeschleppt“.

Vielseitiges Angebot: In den Werkshallen der Kfz-Auktion in Düsseldorf lässt sich so manch ein Schmuckstück finden. Foto: Steve Przybilla

Dann wird es ernst. Und still. „800 Euro, 1000 Euro, 9000 Euro…“ Was genau versteigert wird, wissen nur diejenigen, die sich die Nummern der einzelnen Objekte gemerkt haben. Das ganze Prozedere hat etwas Nüchternes: Freudenschreie sind nicht zu hören, aber auch kein Schimpfen über verpasste Chancen. Stattdessen holen sich die neuen Besitzer eine Wurst am landeseigenen Imbiss. Danach wird die ersteigerte Ware an einem Panzerglas-Tresen bezahlt.

1800 Fahrzeuge pro Jahr

Aber längst nicht jedes Fahrzeug ist fahrbereit und weist nur Schönheitsmängel auf. Foto: Steve Przybilla

Der Mann, der in der Lagerhalle die Fäden zusammenhält, heißt Herbert Bolten. Der Kfz-Sachverständige wacht seit 14 Jahren über die Fahrzeuge, die in Düsseldorf unter den Hammer kommen. „Ladenhüter gibt es bei uns nicht“, versichert Bolten. „Am Ende des Tages ist die Halle immer leer.“

Etwa 1800 Fahrzeuge versteigert das Land jedes Jahr. Im Durchschnitt haben sie eine Laufleistung von 100 000 Kilometern, wobei es im Einzelfall starke Abweichungen nach oben oder unten geben kann. Welche Einnahmen dadurch in die Staatskasse fließen, darüber verweigert die Oberfinanzdirektion die Auskunft — aus Sicherheitsgründen. „Wir wollen keine Begehrlichkeiten wecken“, heißt es aus der Behörde. Immerhin werde vor Ort in bar bezahlt.

Gesprächiger zeigt sich Bolten bei der Frage nach seinen Kunden. Etwa die Hälfte der Auktionsbesucher seien Privatpersonen, ein Viertel professionelle Händler und der Rest regelmäßige Besucher, die aber nicht als Händler aufträten. „Wer mit gesundem Menschenverstand an die Sache herangeht, kann ein echtes Schnäppchen machen“, meint Bolten. „Man sollte sich aber vorher schlaumachen und nicht einfach auf gut Glück mitbieten.“ Schließlich haben Auktionen einen entscheidenden Nachteil gegenüber dem traditionellen Gebrauchtwagenkauf: Anders als beim Händler ist eine Probefahrt vorab nicht möglich. Viele Autos sind beschädigt und nicht fahrbereit; andere haben nicht einmal Papiere.

Beispielsweise dieser Krankenwagen sieht so aus, als benötige er selbst eine OP. Foto: Steve Przybilla

Riskiert man also, einen Schrotthaufen zu ergattern? „Überhaupt nicht“, entgegnet Bolten. „Grobe Beschädigungen geben wir an. Bei manchen Autos ist sogar noch Garantie drauf.“ Zumindest kann man in Düsseldorf an Ort und Stelle sehen, wofür man sich interessiert — anders als im Internet. Auf Portalen wie „Zoll-Auktion.de“ oder „Justiz-Auktion.de“ versteigert der Staat nämlich ebenfalls Fahrzeuge und andere Gebrauchsgegenstände. Wie es um deren Zustand aber wirklich bestellt ist, lässt sich am Bildschirm oft nur schwer erahnen, gerade für Laien. Verbraucherschützer raten bei Kfz-Auktionen deshalb generell zur Vorsicht.

„Bei Zwangsversteigerungen muss dem Verbraucher bewusst sein, dass er keine Gewährleistung geltend machen kann“, sagt Ralf Reichertz von der Verbraucherzentrale Thüringen. Man könne ein Schnäppchen machen, aber auch gründlich danebenlangen.

Der ADAC gibt zu bedenken, dass es Laien gegenüber professionellen Aufkäufern oft schwer haben. „Zum anderen sind zu den Fahrzeugen oft keine Historien vorhanden“, so ADAC-Sprecherin Melanie Mikulla. „Bei den behördlich genutzten Kraftfahrzeugen kauft man sprichwörtlich die Katze im Sack. Unter Umständen ist das Fahrzeug bereits kurz nach dem Kauf mit massiven Mängeln behaftet, aufgrund der hohen Laufleistung oder der intensiven Nutzung.“

Ein Bahnkonzern als Autohändler?

Wer Kfz-Versteigerungen zu heikel findet, sich aber trotzdem für Dienstfahrzeuge interessiert, wird womöglich an anderer Stelle fündig. So betreibt die Deutsche Bahn fünf Autohäuser in Deutschland, in denen sie Bestände aus ihrem Fuhrpark weiterverkauft. Ein Bahnkonzern als Autohändler? Das mag skurril klingen, hat aber einen ernsten Hintergrund.

„Alle unsere Fahrzeuge werden in der Regel alle zwei bis drei Jahre ersetzt“, erklärt eine Bahn-Sprecherin. Zum Zeitpunkt des Verkaufs hätten über 90 Prozent der Fahrzeuge eine Laufleistung von unter 100 000 Kilometern. Und: „Wir bieten schriftlich garantierte Laufleistungsangaben, scheckheftgepflegte Fahrzeuge und eine hohe Transparenz über den gesamten Lebenslauf.“

Für diejenigen, die in der Düsseldorfer Lagerhalle stehen, klingt das wahrscheinlich zu langweilig. Einen Ferrari ersteigern, der vielleicht mal einem Drogendealer gehört hat? Eine Limousine fahren, in der schon ein Minister saß? Wer kann das schon von sich sagen? Wobei es den Kick, etwas erjagt zu haben, natürlich auch bei bodenständigeren Fahrzeugen gibt. Zum Beispiel bei dem besagten Krankenwagen, der nach objektiven Maßstäben schrottreif war. Auch er steht am Ende der Auktion nicht mehr auf dem Hof. Versteigert für 1100 Euro.