Aachen: „Revier-Appell“: Gewerkschaften setzen auf industrielle Arbeitsplätze

Aachen : „Revier-Appell“: Gewerkschaften setzen auf industrielle Arbeitsplätze

Die Gewerkschaften IGBCE und Verdi sind hochzufrieden mit der Resonanz auf ihren Ende Juni veröffentlichten „Revier-Appell“. Zum einen haben sich alle acht Einzelgewerkschaften des DGB hinter das Papier gestellt. Zum anderen ist es innerhalb weniger Wochen von mehr als 5000 Menschen aus der Region unterschrieben worden.

„Darunter sind fast alle Bürgermeister des rheinischen Reviers“, sagte am Donnerstag Manfred Maresch, Alsdorfer Bezirksleiter der IGBCE. „Kaum jemand hat sich verweigert.“ Damit scheint den Gewerkschaften etwas gelungen zu sein, was die Politik in den vergangenen Jahren nicht geschafft hat: Erstmals gibt es für den Strukturwandel in der Region ein Grundkonzept, das von den meisten örtlichen Entscheidungsträgern unterstützt wird.

Dass die Region aus der Braunkohle aussteigen muss, steht inzwischen auch für die Gewerkschafter außer Frage. Sie warnen allerdings weiterhin vor einem „überstürzten Vorgehen“. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass der Strukturwandel zu einem Strukturbruch führen wird.

Betroffen vom Strukturwandel sind nämlich laut den Gewerkschaften nicht nur rund 30.000 Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt an der Kohleförderung hängen. „Viele andere Unternehmen der Region sind ebenfalls auf ein Gelingen des Innovationsprozesses angewiesen, weil sie in hohem Maß von einer verlässlichen Energieversorgung abhängig sind“, erklärte Ralf Woelk, Geschäftsführer der DGB-Region NRW Süd-West. „Das gilt beispielsweise für die Chemiebranche, für Firmen aus der Glas- und Papierindustrie sowie für metallverarbeitende Betriebe.“ Auch die Süßwaren- und Zuckerindustrie, die im Raum Aachen mehr als 9000 Arbeitnehmer beschäftigt, braucht nach Angaben von Diana Hafke, der örtlichen Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, zwingend „eine Energiesicherheit zu bezahlbaren Preisen“. Zudem arbeite die Zuckerfabrik in Euskirchen mit einer Kraft-Wärme-Koppelungsanlage, die nicht mit Strom aus erneuerbaren Energien funktioniere.

Hauptanliegen der Gewerkschaften ist es, die im Zuge des Braunkohle-Ausstiegs fortfallenden Jobs durch industrielle Arbeitsplätze zu ersetzen. „Wir dürfen nicht allein zur Dienstleistungsregion werden“, betonte Woelk. Ein „enormes Potenzial“ sieht der Gewerkschafter und verweist als Beispiel auf Unternehmen der E-Mobilitäts-Branche. „Doch schon jetzt haben Streetscooter oder e.go.mobile Schwierigkeiten, für die kommenden Jahre genügend Arbeitskräfte in der Region zu finden“, sagte Woelk. „Das betrifft nicht nur Ingenieure, sondern auch Hilfskräfte.“

Einen Engpass gebe es zudem bei Gewerbeflächen. „Vielen Kommunen liegen mehr Anträge von ansiedlungswilligen Unternehmen vor, als sie Flächen zur Verfügung haben“, beklagte Woelk. Deshalb müssten auch Teile der Gebiete, aus denen sich das Energieunternehmen RWE zurückziehe, zukünftig als Gewerbefläche ausgewiesen werden.

Woelk betonte, dass die Region im Zuge des Strukturwandels gezwungen sein werde, Arbeitskräfte von außerhalb anzuwerben. Deshalb müsse sich etwas am Wohnungsmarkt tun. Es gelte deutlich mehr preiswerten und attraktiven Wohnraum zu schaffen. „Daran mangelt es derzeit an allen Ecken und Enden“, klagte Woelk. Die Lage werde sich sogar noch weiter verschärfen, weil in den kommenden Jahren mehr Wohnungen aus der Sozialbindung fallen würden, als Neubauten geplant seien. Den öffentlichen Wohnungsbau auszuweiten, sei deshalb eine der zentralen Aufgaben aller Gebietskörperschaften.

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