Unser Europa: Reiselust, Europa-Spaß und sogar Poesie

Unser Europa : Reiselust, Europa-Spaß und sogar Poesie

Auf demokratische Prinzipien und die Grundwerte der Europäischen Union legen sie allergrößten Wert – genauso wie auf Freizügigkeit und Reisen ohne Grenzen. Und weil das so ist, appellieren sie an alle Wahlberechtigten, am 26. Mai an der Europawahl teilzunehmen, Einfluss auszuüben, demokratische Verantwortung wahrzunehmen.

Das gemeinsame Europa ist für diese jungen Menschen selbstverständlich und doch wissen sie und spüren es geradezu, dass manche vermeintliche Selbstverständlichkeiten offensichtlich doch nicht so sicher und unangreifbar sind wie lange vermutet. Sie selbst können und wollen sich gar nicht vorstellen, dass das seit Jahrzehnten bewährte europäische Prinzip, große politische Probleme – Klimaschutz, Migration, Terrorbekämpfung, Finanzstabilität – in Absprache und gemeinsam zu bewältigen, aufgegeben und man in alte nationalstaatliche oder gar chauvinistische Handlungsmuster zurückfallen würde.


Aufklärung


„So extrem nationalistisch, wie es in früheren Zeiten war, kann es nicht wieder sein – so, dass jedes Land nur an sich denkt und für sich entscheidet“, sagt Felina Leng. Sie sehe zwar die Gefahr der Renationalisierung, wie sie sich auch im Brexit zeige, aber die EU halte die Länder schon zusammen. Genau das schätzt Julia Maas: „Es ist gut, wie es heute ist, dass die EU die Konkurrenz unter den Staaten dämpft.“ Und das werde von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Jedes EU-Land für sich hat nach Überzeugung von Linus Kirchfeld kaum Einfluss gegenüber China oder den USA. „Nur die Europäische Union kann als Global Player mitentscheiden .“ Darauf zu verzichten, sei unklug.

Thea Niendorf äußert sich skeptisch und befürchtet, dass sich nationalistische Tendenzen verstärken. „Wir sind in Deutschland schon ziemlich privilegiert und leben auf vergleichsweise hohem Niveau.“ Insofern könne sie nachvollziehen, wenn sich Italiener oder Griechen zunächst mal auf die eigenen Sorgen fokussieren, auch wenn dadurch keines der großen Probleme gelöst werde.

Man müsse die Menschen klipp und klar mit den Konsequenzen nationalistischer Politik konfrontieren, rät Leng. „Die EU muss ihre Politik besser erklären.“ Maas stimmt ihr zu: „Die Vorteile der EU müssen besser vermittelt werden.“ Auch Kirchfeld setzt auf Aufklärung: „Verbieten kann man nationalistische Sprüche nicht; man muss sich informieren und eine eigene Meinung bilden.“

Schüler und ihre Meinung zu Europa


Heimatgefühl


Diese jungen Leute spüren Grenzen kaum, sind unterwegs, lieben das Reisen, schließen Freundschaften im Ausland, das sie eigentlich gar nicht als Ausland empfinden, sondern als Begegnungsort. Heimat ist für sie kein Begriff, bei dem ihnen – wie manchen aus der Elterngeneration – negative Assoziationen einfallen. Im Gegenteil: „Heimat ist für mich überall da, wo ich Freunde oder Familie habe“, sagt Anton Kleuters und bringt damit die Haltung der meisten seiner Mitschülerinnen und Mitschüler auf den Punkt. Heimat kann für sie auch in der Ferne liegen, weil dort Menschen leben, mit denen sie sich befreundet haben, und weil sie sich dort wohlfühlen.

Für Lilian van Rey und Kleuters hat sich Europa bewährt. „Wir können stolz sein auf Toleranz und Freiheit in Europa und das auch mit dem Begriff Heimat verbinden“, sagt er. Eric Jacob sieht Internationalität hier in der Region als ganz normal an. „Damit sind wir aufgewachsen, mit offenen Grenzen, wir haben Freunde in anderen Ländern. Heimat ist über Nation hinweg.“ Dass früher zwischen Belgien, Niederlanden und Deutschland der Pass gezeigt werden musste, „darüber machen wir uns doch gar keine Gedanken mehr“, meint Niendorf. Und Philipp Klein hat festgestellt, dass man auch mehrere Orte gleichzeitig als Heimat empfinden kann. „Der Begriff ist nicht an einen Ort gebunden.“

Diese jungen Menschen sind keine Europa-Träumer; sie regt in der EU auch manches auf: zu viel und zu träge Bürokratie (Kleuters, Maas und van Rey), „absurde Vorschriften“, aber zu wenig Fortschritte bei Klimaschutz und Internetsicherheit (Florian Verse), Abstand zwischen Bevölkerung und Europaabgeordneten (Jacob), zu wenig Mühe um die Klimaziele (Leng), „zu wenig Einigkeit und Zusammenhalt“ (Lars Taschbach), zu viel Karriere- und zu wenig Europabewusstsein in der Politik (Selina Janssen). Unkritisch sind sie also bestimmt nicht, aber sie lehnen nationalistisches Bramarbasieren, Verzagtheit und Verklemmtheit der Rechtpopulisten und Rechtsextremisten ab.

Ihnen macht die europäische Integration geradezu Spaß, wenn sie sich mit Menschen in anderen und aus anderen Ländern treffen, austauschen, gegenseitig inspirieren. Lilian van Rey fühlt sich gar zur Poesie animiert; sie kann sich Europa auch als Stern vorstellen, „zu dem wir alle aufschauen und der uns alle verbindet“, der aber häufig auch zerbrechlich und weit entfernt erscheine.

Der Brexit und darüber hinaus ein zunehmender Trend zur Renationalisierung von Politik machen diesen schülerinnen und Schülern Sorgen, weil es ihrem ganzen Lebensgefühl widerspricht. Für Kirchfeld liefert der Brexit „das perfekte Beispiel dafür, dass die ältere Generation über die Zukunft der jüngeren Generation entscheidet“.

Das Einhard-Gymnasium hat Kandidaten für die Europawahl, die eigenen Oberstufenschüler und jene des Rhein-Maas-Gymnasiums eingeladen, diese Fragen zu erörtern; das werden sie in der kommenden Woche tun. Darauf hat man sich intensiv vorbereitet. „Wir wollen über die Vorteile der EU informieren“, sagt Janssen. „Die Europäische Union ist schließlich mehr als kostenfreies Roaming.“

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