Aachen: Reina Blikslager: „JVA Aachen ist auf alle Eventualitäten vorbereitet“

Aachen : Reina Blikslager: „JVA Aachen ist auf alle Eventualitäten vorbereitet“

Reina Blikslager arbeitet seit 35 Jahren im Strafvollzug, seit 2009 in Aachen. Die Leiterin der JVA Aachen hat sich den Bereich Strafvollzug bereits in den 70er Jahren ausgesucht. „Damals weckte dieser Bereich einfach mein Interesse“, sagt sie.

Wie fühlt es sich an, „im gefährlichsten Gefängnis von NRW“ zu arbeiten?

Blikslager: „Für mich ist es hier ja nicht gefährlich. Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet. Immerhin sitzen hier die meisten Sexualstraftäter und Langzeit-Sträflinge.“

Auf die Frage, worin ihre hauptsächlichen Aufgaben bestehen, sagt sie, dass sie für den gesamten Vollzug in Aachen verantwortlich sei. Und sie müsse „den Kopf hinhalten, wenn etwas passiert“. Dadurch rückte sie als Hauptverantwortliche sofort in die Öffentlichkeit. Aber auch Aufgaben wie Organisation der Anstalt oder die Koordination des Personals und der Abteilungsleiter seien wesentliche Aufgaben. Die JVA Aachen hat derzeit 380 Mitarbeiter, auf zwei Gefangene kommt ein Angestellter.

„Das Klima ist gut. Hier wird alles ordentlich geregelt, und es gibt selten schlimme Auseinandersetzungen. Egal ob Häftling oder Justizvollzugsbeamte, jeder hat mal einen schlechten Tag, aber die Häftlinge müssen ganz klar die Hierarchie beachten.“ Die Häftlinge, die in der JVA Aachen einsitzen, sind meist zu langen Haftstrafen verurteilt worden. „So lernt man sie besser kennen. Man baut eine andere Beziehung zu ihnen auf als zum Beispiel in Dortmund, wo ich vorher war.“ Generell habe sich im Strafvollzug einiges geändert. „Alleine in den letzten Monaten hat sich da schon viel getan. Besonders beim Thema Integration ausländischer Häftlinge.“

Reina Blikslager stand manches Mal im Zentrum der Kritik. Ob es um den Fall von Fatih Güclü vor einem Jahr ging, um den Ausbruch eines Sträflings aus einem Brauhaus in Köln, um den in der JVA weit verbreiteten Drogenkonsum oder um den Gefangenen mit Fußfesseln, der aus dem Marienhospital flüchtete.

Wie sind Sie mit der Kritik umgegangen, als vor einigen Jahren zwei Häftlinge geflohen sind?

Blikslager: „Das war natürlich eine unschöne Kampagne, die einen nicht kalt lässt. Aber ich habe mir ja nichts vorzuwerfen. Die Kritik war auszuhalten, weil alle Beteiligten gut mit der Situation umgegangen sind. Ich werde auch dafür bezahlt, bei solchen Vorkommnissen meinen Kopf hinzuhalten.“

Und wie sah das aus, als vergangenes Jahr Fatih Güclü stranguliert in seiner Zelle aufgefunden wurde?

Blikslager: „Klar, leider gibt es immer wieder Suizide in deutschen Strafvollzugsanstalten, die Rate ist höher als draußen. Aber in NRW ist sie in den letzten Jahren doch stark gesunken.“

Wir wollen es genauer wissen und sprechen sie auf die Kritik der zuvor interviewten Häftlinge an. Von „katastrophaler ärztlicher Versorgung“ und „ganzen Abteilungen, in denen nur Junkies hängen“ haben wir da gehört.

Frau Blikslager rutscht auf ihrem Stuhl ein wenig nach unten und richtet ihre Brille. „Wir haben hier zwei Stellen für hauptamtliche Ärzte, aber leider haben wir nur eine davon besetzt. Es ist sehr schwer, jemanden zu finden, weil Ärzte in Krankenhäusern einfach mehr verdienen. Wir haben hier Schichtarbeit. Der Anstaltsarzt ist ein ganz normaler Allgemeinmediziner, und bei Bedarf werden Gefangene zu einem Facharzt ausgeführt.

Wie gehen Sie gegen den Drogenkonsum in diesem Gefängnis vor?

Blikslager: „Wenn man Drogen komplett vermeiden möchte, müsste man jeglichen Kontakt zur Außenwelt verbieten. Kontrollen der Hafträume werden regelmäßig stichprobenartig durchgeführt. Ein drogenfreier Knast ist meiner Meinung nach unmöglich. Es ist ja nicht so, dass hier ein blühender Drogenhandel existiert. Wenn wir mal etwas bei den Kontrollen finden, dann handelt es sich dabei immer nur um Funde im einstelligen Grammbereich. Die Häftlinge bekommen dann eine weitere Strafanzeige, als wären die Drogen draußen bei ihnen gefunden worden.“

Die Rückfallquote der Gefangenen ist immer noch sehr hoch. In der JVA Aachen gibt es einige Möglichkeiten für die Gefangenen, sich auf das „Leben nach dem Knast“ vorzubereiten. Blikslager: „Zum Beispiel gibt es Sozialtherapien und spezielle Therapie-Gruppen zum Beispiel für Sexualstraftäter. Dann haben wir noch eine Therapie für Suchtmittelabhängige und arbeitstherapeutische Maßnahmen. Außerdem haben junge Gefangene natürlich die Möglichkeit, zur Schule zu gehen.“

Außerdem lege sie persönlich viel Wert auf Kultur in ihrem Gefängnis. Es gebe seit einiger Zeit einen Chor, eine Trommelgruppe und eine Band. „Die Gefangenen sollen lernen, mit ihrer Freizeit umzugehen. Dafür haben wir hier auch einige offene Abteilungen.“ Ein offener Vollzug sollte in den Strafanstalten zum Regelfall werden.
Am Ende unseres Interviews sind die anderen Gruppen noch nicht fertig. Wir reden noch ein wenig über unseren Studiengang und was man damit anfangen könnte.

Danach verlässt Reina Blikslager den Tisch und gesellt sich zu einem der Angestellten. Kurz darauf ruft sie ein allgemeines „Auf Wiedersehen!“ durch den Raum und schließt die Türe hinter sich.

(MCD)
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