Razzien gegen islamistische Gefährder in Düren und Köln

Anti-Terror-Razzien in Düren und Köln : „Bereit für das höchste Paradies des Islam“

Es macht kurz und heftig „Bumm“. Sprengstoff kommt zum Einsatz. Und zwar, um den Einsatz von weitaus größeren Mengen Sprengstoff zu verhindern. Schwer bewaffnete Spezialkräfte der Polizei stürmen eine kleine Dachgeschosswohnung an der Josef-Schlegel-Straße mitten in Düren. Sie treffen dort die beiden Männer an, die sie antreffen wollten.

Einer leistet noch kurz Widerstand und wird daraufhin leicht am Kopf verletzt. Dann sind die Männer überwältigt und werden abgeführt. So verläuft nach Informationen unserer Zeitung am Donnerstag um vier Uhr früh ein Antiterroreinsatz, der Auftakt zu einer Razzia in mehreren Objekten in Düren und Köln ist.

Denn den beiden Verdächtigen sollen noch vier weitere Personen folgen, die ebenfalls ins Gewahrsam transportiert werden. Etliche Handys, mehrere Laptops und ein PC werden einkassiert. In der 52-Quadratmeter-Wohnung in Düren werden auch Baseballschläger und Messer gefunden. Und zwar keine, die man zum Kochen braucht, wie die Polizei sagt. Eine Flasche mit einer noch unbekannten Flüssigkeit gibt den Einsatzkräften zudem Rätsel auf. Die Behörden sind sich jedenfalls ziemlich sicher: Diese Wohnung in Düren war der Unterschlupft einer Terrorzelle, die einen islamistischen Anschlag verüben wollte.

Einsatz zur „Gefahrenabwehr“

Einige Stunden später in Köln: Die dortige Polizeispitze hat zur Pressekonferenz gerufen, der Andrang ist groß. Man könne noch nicht alle Fragen beantworten, sagt Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob. Aber das, was er und seine Kollegen dann erzählen, ist beunruhigend genug. Nämlich dass ein Sprengstoffanschlag möglicherweise kurz bevor stand. Konkrete Beweise habe man dafür noch nicht gehabt, aber einige Indizien. Deshalb habe man zur Gefahrenabwehr den Großeinsatz an diesem Donnerstagmorgen gestartet, bei dem nicht nur jene Wohnung, sondern auch weitere „Objekte“ wie Arbeitsstätten der Verdächtigen in Stadt und Kreis Düren sowie später eine Großbaustelle in Köln durchsucht werden.

Beim Kölner „Rizin-Bomber“ habe man ebenfalls einen derartigen Verdachtseinsatz gefahren. „Und das war mit Blick auf die Sicherheit der Bevölkerung nach dem, was wir heute wissen, genau die richtige Entscheidung“, sagt Jacob, bevor sein Kripochef Klaus-Stephan Becker Details zum aktuellen Fall offenbart.

In der Josef-Schregel-Straße wurde ein Haus wegen Terrorverdachts durchsucht. Zwei Männer wurden zur Vernehmung mit auf die Wache genommen. Foto: dpa/Henning Kaiser

Da wäre vor allem „Herr C.“, wie die Polizei ihn nennt. 30 Jahre alt, Deutsch-Libanese und seit einigen Jahren im Fokus der Sicherheitsbehörden. Schon mehrfach wollte er ausreisen, um für den „Islamischen Staat“ (IS) zu kämpfen. Mitglied einer internationalen Islamistengruppe sei er und habe sich zeitweise als „Vertretungs-Imam“ in Berlin betätigt. Und zwar just in jener Moschee, in der auch der Attentäter vom Breitscheidplatz, Anis Amri, ein und aus ging. Die Behörden halten „Herrn C.“ für einen Führungskopf der islamistischen Szene. Er, der zwischenzeitlich einen Trockenbaubetrieb gründete, habe sich noch 2018 einen Namen in der Islamistenszene in Norddeutschland machen wollen, sei dann aber nach NRW gezogen.

IS-Treueeid geschworen

Hier kommt „Herr R.“ ins Spiel. Er ist 21 Jahre alt, Deutscher und zum Islam konvertiert. „Herr R.“ hat sich vor rund zwei Wochen in jene Wohnung in der Josef-Schlegel-Straße eingemietet, wo bis dato noch eine junge Familie wohnte, der die Wohnung zu klein geworden war und die nun in eine der unteren Etagen umgezogen ist. Er arbeitet im Betrieb von „Herrn C.“. Und er ist den Behörden ebenfalls bekannt, so etwa dem Staatsschutz der Aachener Polizei. Nach Informationen unserer Zeitung kam er in dessen Fokus, als er immer häufiger Kontakt zu islamistischen Gefährdern – Personen, denen man einen terroristischen Gewaltakt zutraut – in unserer Region hatte. Und er soll über 20 Personen dazu bewogen haben, zum Islam zu konvertieren. Möglicherweise spielt hier eine Moschee im Raum Düren eine Rolle, die ebenfalls auf dem Schirm der Polizei ist. Bei der Kölner Polizei heißt es, „Herr R.“ habe den „Treueeid auf den IS“ geschworen und habe ebenfalls versucht auszureisen, was jedoch verhindert worden sei. Zudem gehe man bei ihm von „einer hohen Gewaltbereitschaft“ aus.

Vor wenigen Tagen sei „Herr C.“ zu „Herrn R.“ in die Dürener Wohnung gezogen. Und: Sicherheitsbehörden hörten ein Gespräch mit, bei dem „Herr C.“ laut Becker wörtlich gesagt hat, er sei „bereit für das höchste Paradies des Islam“. Diesen Satz habe man zwei Islamwissenschaftlern vorgelegt, beide seien unabhängig voneinander zum Ergebnis gekommen: Dieser Satz ist ein eindeutiger Hinweis auf einen geplanten Selbstmordanschlag. All diese Puzzlestücke hätten die Polizei schließlich zum Handeln gezwungen, erklärt Becker. Und so wurde vor zwei Tagen der „alternativlose“ Großeinsatz geplant, der an diesem Donnerstag über die Bühne geht und in dessen Verlauf noch vier weitere Personen in Gewahrsam genommen werden. Zwei davon aus Düren, 20 und 21 Jahre alt, sind ebenfalls zum Islam konvertierte Deutsche.

„Zum Handeln gezwungen“: Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob (2.v.r.) und seine Kollegen erklären die Gründe für die Razzia. Foto: Stephan Mohne

Während im Kölner Präsidium die Pressekonferenz läuft, sind nicht weit entfernt davon ebenfalls etliche Einsatzkräfte aufgeschlagen. Sprengstoffspürhunde schnüffeln sich durch die Großbaustelle Hohe Pforte, auf der jener Handwerksbetrieb von „Herrn C.“ tätig ist. Eigentlich hätte dieser die Arbeiten dort längst beendet haben sollen, hatten andere dort tätige Firmen den Ermittlern berichtet. Doch die Firma von „Herrn C.“ habe „übermäßig lange“ dort gearbeitet. Die Polizei hegt den Verdacht, dass hier möglicherweise der für einen Anschlag vorgesehene Sprengstoff versteckt worden ist. Ein Spürhund schlägt an einer Stelle tatsächlich an. Die Polizei bestellt Sprengstoffexperten des Landeskriminalamts zur Baustelle und riegelt diese weiträumig ab. Auch werden zwei weitere Verdächtige dort in Gewahrsam genommen.

Anschlagsziel unbekannt

Eine jener Fragen, die die Polizei an diesem Tag (noch) nicht beantworten kann, ist eine ganz wesentliche: Wo war der mögliche Anschlag geplant und welches konkrete Ziel hatte er? „Das ist das Dilemma, in dem wir stecken“, sagt der Kriminalist Klaus-Stephan Becker nicht gerade erfreut über diese Tatsache. „Denn dann wären wir schon ein ganzes Stück weiter“, fügt er an. Genau deswegen war es zunächst ein vorbeugender Schlag zur Gefahrenabwehr. Und deswegen sind die Verdächtigen auch „nur“ in Polizeigewahrsam und nicht etwa in Untersuchungshaft. Denn für eine solche richterliche Anordnung fehlen an diesem Tag die Beweise.

Klaus-Stephan Becker hofft nun zumindest, dass die mutmaßliche Terrorzelle so lange in der Polizeizelle bleibt, bis die sichergestellten Datenträger ausgewertet sind. Was durchaus ein Problem ist. Von Gesetzes wegen darf der Gewahrsam höchstens 24 Stunden, in Ausnahmefällen bis zu vier Tage aufrecht erhalten werden. Dann müsste eine Richterentscheidung her. Becker sagt: „Es wäre ja fatal, wenn wir die Verdächtigen auf freien Fuß setzen müssten und dann feststellen würden, dass es tatsächlich konkrete Anschlagspläne gibt.“

Am späten Nachmittag gibt es in einer Sache Entwarnung: Auf der Baustelle in Köln haben die Sprengstoffexperten sogar Trockenbauteile abgerissen. Brisantes finden sie nicht. Die vier Verdächtigen aus Düren – die beiden Männer von der Baustelle wurden wieder entlassen – kommen, wie ein Sprecher der Kölner Polizei am Donnerstagabend mitteilte, nun in Langzeitgewahrsam. Damit es nicht doch noch eine weitaus größere Sprengstoffexplosion gibt als an diesem Donnerstagmorgen in einer kleinen Wohnung in Düren.

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