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Stolberg/Merzouga: Rallye Dakar: Jürgen Drößigers großer Traum soll in Erfüllung gehen

Stolberg/Merzouga : Rallye Dakar: Jürgen Drößigers großer Traum soll in Erfüllung gehen

Der Sand peitscht ihm ins Gesicht. Er kann kaum noch etwas sehen unter seiner Brille. Überall nur Staub. Die kleinen Körner kleben auf der verschwitzen Haut, dringen in Augen, Ohren und Nase ein. Er hat keine Chance gegen den Sandsturm, gegen die unerbittliche Hitze der Wüste. Er muss sein Motorrad anhalten.

Diese Szene hat Jürgen Drößiger noch genau vor Augen. Im Mai nahm der Stolberger an der Merzouga-Rallye in Marokko teil, eine der bekanntesten Moto-Cross-Challenges der Welt. Dort qualifizierte er sich für seine nächste Herausforderung: Drößiger wird ab Samstag bei der legendären Rallye Dakar, die seit 2009 aus Sicherheitsgründen in Südamerika stattfindet, an den Start gehen.

Damit erfüllt sich der 53-Jährige einen Jugendtraum. Mit 15 Jahren begann die Liebe zum Motorsport. Drößiger legte sich ein Motorrad zu und nahm an Straßenrennen teil. Ende der 80er Jahre nahm er die Rallye Dakar erstmals wahr und war vom ersten Moment an fasziniert. „Wahnsinn“, ging es ihm durch den Kopf, und er deckte sich sofort mit Zeitschriften, Videokassetten und allem, was er damals zum Thema Moto-Cross finden konnte, ein. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich selbst einmal mitfahren würde“, erinnert sich Drößiger.

Denn es war nun mal ein Traum. Ein Traum, für den man viel Zeit, viel Können und vor allem auch viel Geld braucht. An allem fehlte es Drößiger damals. Außerdem waren andere Pläne geschmiedet. Drößiger heiratete, bekam einen Sohn und wagte mit seinem Unternehmen in der Glühtechnik den Schritt in die Selbstständigkeit. Motorradfahren spielte zwar immer noch eine Rolle in seinem Leben, wurde aber zur Nebensache.

Mit 50 kam dann der Moment, der alles veränderte: „Was will ich in meinem Leben noch schaffen?“, fragte sich Drößiger — und fand eine Antwort. Geld war nun da, Zeit auch, und seinen Traum hatte Drößiger nie verworfen. Das Projekt Rallye Dakar konnte beginnen. Das bedeutete vor allem eins: hartes Training. Jede Woche 15 Kilometer laufen, 100 Kilometer Radfahren, Krafttraining und zwei Einheiten Moto-Cross. „Ich wusste, ich muss das nun zwei Jahre lang durchziehen, sonst platzt der Traum“, erzählt Drößiger. Und so schaffte er es, sich immer wieder zu motivieren und den Schweinehund zu überwinden. „Mit Anfang 50 schüttelt man das nicht mal eben so aus dem Ärmel“, betont er.

Einziger Deutscher

Mit 53 Jahren ist Drößiger auch einer der ältesten Fahrer bei der Rallye Dakar. „Die Spitze, die das Feld anführen wird, besteht aus Jungspunden und Vollprofis“, erklärt Drößiger. Doch nicht nur wegen seines Alters fällt der Stolberger auf: Er ist auch der einzige deutsche Teilnehmer in der Motorradklasse. Aus den Nachbarländern wie den Niederlanden und Frankreich sind dagegen viele Fahrer am Start. Den Grund dafür sieht Drößiger in den wenigen Trainingsmöglichkeiten hierzulande. Auch die mediale Aufmerksamkeit sei geringer als in anderen Ländern.

Der Titel „bester Deutscher“ ist ihm also schon sicher. Und der würde ihm auch schon genügen: „Mein Ziel ist es, anzukommen“, sagt er. „Ich will nichts reißen, sondern mit einem sicheren und guten Gefühl möglichst weit kommen.“ Denn die Strecke hat es in sich: „Nur die Hälfte schafft es am Ende ins Ziel“, schätzt Drößiger. Das kann an einem technischen Defekt liegen, aber auch an der gesundheitlichen Verfassung.

Alle Fahrer sollten daher Werkzeug für kleinere Reparaturen dabei haben. Außerdem ist jeder mit einem Trinkrucksack mit mehreren Litern Wasser, einem Fahrtenbuch, einem Satelliten-Telefon und einem GPS-Gerät ausgestattet, das er im Notfall nutzen kann, um den Veranstalter zu kontaktieren. Wer den roten Knopf dieses Geräts betätigt, gibt ein erstes Warnsignal. Wird dieser Knopf ein weiteres Mal — meist nicht mehr von dem Betroffenen selbst — gedrückt, rückt ein Rettungsteam aus.

Drößiger erinnert sich daran, wie einige Fahrer in Marokko dehydriert in der Hitze neben ihren Motorrädern lagen. „Der rote Knopf war jedes Mal schon gedrückt.“ Unter einander dürfen sich die Fahrer unterstützen, Hilfe von Dritten bedeutet die Disqualifizierung. „Man will natürlich helfen. Aber sein Wasser abzugeben, bedeutet auch, dass man vielleicht in die gleiche Situation kommt. Jeder hat mit sich selbst zu kämpfen.“

Das bekommt Drößiger zu spüren, als er mit seinem Motorrad im Sandsturm bei gefühlten 50 Grad warten muss. Minuten vergehen, in denen er keinen Meter vorankommt. Und als es dann endlich weitergeht, verhakt er sich ständig in den tiefen Sanddünen und muss sich immer wieder ausgraben. Das kostet Kraft. Er ist völlig am Ende. Zweifel überkommen ihn, ob diese Art von Wettkampf wirklich das Richtige für ihn ist. Er ist kurz davor, den roten Knopf zu drücken, sich befreien zu lassen aus der erdrückenden Hitze. Doch er beißt auf den knirschenden Sand zwischen seinen Zähnen und fährt weiter.

8793 Kilometer Panorama

Nach einem Renntag wie diesem kostet es vor allem Überwindung, sich am nächsten Tag wieder an den Start zu stellen, sagt Jürgen Drößiger. Der Trost sei dann, dass die Strecken variieren und auch mal einfachere Etappen dabei sind.

Auch in Südamerika wird den 53-Jährigen wohl von allem etwas erwarten. Insgesamt 8793 Kilometer muss er in insgesamt 15 Tagen zurücklegen, ein Tag ist Ruhepause. Eröffnet wird das Rennen in Lima, der Hauptstadt Perus. Die erste Etappe bis Pisco ist mit 272 Kilometern noch vergleichsweise kurz. Deutlich länger ist die Tour von Arequipa nach La Paz in Bolivien mit 758 Kilometern. Sie führt am größten Süßwassersee Südamerikas, dem Titicacasee, vorbei. Er liegt auf 3800 Metern Höhe.

Nach dieser Etappe haben die Fahrer einen Ruhetag in La Paz. Von dort aus führt die Strecke zum nächsten landschaftlichen Highlight der Rallye Dakar, zum Salar de Uyuni, die mit 10.000 Quadrat­kilometern die größte Salzpfanne der Erde ist. Die weiteren Etappen führen in den Süden Boliviens bis nach Argentinien. Kurz vor Schluss steht den Fahrern die mit 927 Kilometern längste Etappe von San Juan nach Cordoba bevor. In der argentinischen Provinz ist dann auch zugleich Start und Ziel des finalen Renntages.

Jürgen Drößiger freut sich auf dieses Abenteuer, aber er hat auch Respekt. Denn die vielseitige Strecke bringt schwierige Bedingungen mit sich. Berge, Dünen, Urwald, Hitze, Schnee und Regen — auf all das muss sich der Stolberger gefasst machen. „Es wird viele technisch schwierige Passagen geben“, weiß Drößiger. „Auch werden auf der Strecke Lkws unterwegs sein, die uns überholen könnten. Das ist nicht ganz ungefährlich.“

Doch Drößiger ist gut vorbereitet: Am 2. Januar ist er schon nach Südamerika gereist, um sich an das Klima und die Zeitverschiebung zu gewöhnen. Während der Rallye werden er und vier weitere Fahrer aus den Niederlanden und Südafrika von einem Service-Team begleitet. Das kümmert sich um die Verpflegung der Fahrer und die Mechanik der Motorräder.

Statt gemeinsam mit Hunderten Fahrern in einem riesigen Zeltlager zu schlafen, übernachtet Drößiger in einem klimatisierten Lkw. Wenigstens diesen „Luxus“ will er sich auf der kräftezehrenden Reise nach täglich sechs bis acht Stunden Fahrt gönnen. Er setzt alles daran, dass sein Traum in Erfüllung geht. „Es bleibt nicht aus, dass man sich verschätzt“, weiß er. „Vielleicht muss ich mir am Ende auch eingestehen, dass es eine Nummer zu hoch für mich war.“

Noch ist er aber zuversichtlich. Auch wenn sich seine Freunde und Familie Sorgen machen, erfährt der 53-Jährige viel Unterstützung bei seinem Vorhaben. Dass auch mal etwas schiefgehen kann, ist ihm dabei bewusst. „Ich lebe mit dem Risiko, es gehört nun mal zu meinem Sport dazu“, sagt er und erzählt von dem ein oder anderen Krankenhausbesuch in den vergangenen Jahren. „Es kann immer etwas passieren, aber das bremst mich nicht. Action gehört seit je her zu meinem Leben dazu.“